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Tag: premiere

Jetzt geht es auch bei mei­ner zwei­ten Pro­duk­tion mit dem Thea­ter Frisch­fleisch zur Sache. Am 4. April wol­len wir Pre­miere fei­ern, bis dahin müs­sen wir aber noch eini­ges fei­len am Stück. Jetzt gibt es aber noch die klas­si­schen pro­duk­ti­ons­tech­ni­schen Fra­gen zu klä­ren, Hel­fer, Getränke, Trans­port, Stell­wände, Flyer, Endproben.

Flyer­vor­der­seite von „Bana­nen, vorne links”

Das Stück hat das Ensem­ble selbst geschrie­ben, unter tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung von Marco. Es ist sicher kein lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk, hat aber den­noch eini­ges zu bie­ten – komi­sche Momente, Lie­der auf der Bühne, Anzie­hung, Abnei­gung und Kom­mu­nis­mus. Wir stel­len grund­sätz­li­che Fra­gen ganz neu, es gibt also sogar etwas phi­lo­so­phi­schen Tiefgang.

Drei Wochen.

Onkel Wanja” nimmt Gestalt an – heute haben wir zum ers­ten Mal Teile des Stü­ckes mit den fast fina­len Requi­si­ten und Kos­tü­men geprobt. Mor­gen folgt dann ein ers­ter Durch­lauf, das heißt wir spie­len das Stück von Anfang bis Ende. Bis­lang haben wir immer nur ein­zelne Sze­nen geprobt.

Tele­gin lei­det, als es zum Streit zwi­schen Iwan Petro­witsch (rechts) und dem Pro­fes­sor kommt.

Bedenk­lich ist, dass wir auch jetzt noch Text­hän­ger haben, zwei Wochen vor der Pre­miere. Zum Glück gestat­tet das Stück auch grö­ßere Abwei­chun­gen, weil nicht ein­zelne Sätze ent­schei­dend sind son­dern Stim­mun­gen und Emo­tio­nen. Das ist über­haupt das Span­nende und Beson­dere an die­ser Pro­duk­tion, wir sind nicht so auf den Text und ein­zelne Wör­ter und Beto­nun­gen fixiert, statt­des­sen spie­len Sub­text, Span­nung und Reak­tio­nen auf­ein­an­der die zen­trale Rolle bei den Pro­ben. Das ist für mich der ent­schei­dende Fort­schritt im Ver­gleich zu frü­he­ren Produktionen.

Zwi­schen Astrow und Jelena bahnt sich etwas an.

Ein wei­te­res Pro­blem, das mir nur zu bekannt ist, betrifft die Streu­ung der Sze­nen. Bestimmte kri­ti­sche Schlüs­sel­sze­nen haben zwar schon mal sehr gut funk­tio­niert, wir tun uns jedoch schwer mit der Wie­der­ho­lung. Sicher­lich wird es hilf­reich sein, das ganze Stück zu spie­len, jedoch muss bei jeder Auf­füh­rung quasi der erste Ver­such sit­zen. Da hel­fen nur Erfah­rung und Konzentration.

Aber ich denke, dass wir bis zum 28. April eine sehr gute Insze­nie­rung auf die Beine gestellt haben wer­den und freue mich schon jetzt auf die Pre­miere. Wir haben bereits jetzt 20 Anmel­dun­gen, es wird also ganz bestimmt einen gut gefüll­ten Zuschau­er­raum geben. Und viel­leicht sogar etwas Applaus.

Noch wenige Stun­den, dann ist es soweit – wir wer­den die Toscana-​​Therapie zum ers­ten Mal vor Publi­kum auf­füh­ren. Zur Ein­stim­mung gibt es hier ein paar Bil­der von der gest­ri­gen Generalprobe.

gerhard

Ger­hard

victor und silvia

Vic­tor und Silvia

Es kommt immer. Ent­we­der vor dem ers­ten Auf­tritt oder wäh­rend­des­sen. Meine Hand mit dem Buch zit­tert leicht. Lam­pen­fie­ber. Ich lese, die „Schöne Neue Welt” gibt mir Halt. Aber nicht für lange, Buch able­gen, Mac auf­klap­pen, Rot­wein­glas und –fla­sche holen, Molly. Was für eine Frau. Viel span­nen­der als meine Büh­nen­gat­tin Marion. Ich bin in der Rolle, spüre die Spannung.

Ein ver­hal­te­nes Lachen beim Unter­ho­sen­auf­tritt. Das Publi­kum hält sich zurück. Jetzt nicht ner­vös wer­den und über­zeich­nen. Einige sag­ten spä­ter, sie seien zu nah gewe­sen, zu dicht am inti­men Gesche­hen. Es fehlte Dis­tanz, die ein Lachen erst mög­lich macht.

szenenfoto (halbkontakt)

Sze­nen­foto „halb­kon­takt” mit allen vier Schauspielern

Solide Leis­tung, aber aus­bau­fä­hig – das war das Fazit unse­res Regis­seurs. Mor­gen folgt die zweite Vor­stel­lung, dann kön­nen wir das beweisen.

Wir Schau­spie­ler sit­zen hin­ter dem Vor­hang, es sind noch fünf­zehn Minu­ten. Toi toi toi – die Rituale der Büh­nen­zunft sind über­all gleich, man wünscht sich Glück für den kom­men­den Auf­tritt. Vor allem für die Pre­miere, wenn man das ein­ge­übte Stück zum ers­ten Mal vor Zuschau­ern spielt. All das liegt hin­ter uns, wir ste­hen oder sit­zen hin­ter dem Vor­hang. Wie Gla­dia­to­ren, die noch ein letz­tes Mal ihre Rüs­tun­gen und Waf­fen kon­trol­lie­ren, bevor sich das Git­ter öffnet und wilde Bes­tien sich auf sie stür­zen. Ein biss­chen Stoff, der Bli­cke ver­birgt, aber Geräu­sche durchlässt.

Die Zuschauer kom­men in den Saal, Stim­men, keine ver­trau­ten dabei. Fremde Leute, die ich vor­her nie sah und nach­her nie sehen werde. Ein Irr­tum, wie sich spä­ter her­aus­stellte, mein Dok­tor­va­ter war mit der gan­zen Fami­lie gekom­men, ein Kol­lege von Arbeit und ein Schwei­zer Bekann­ter. Aber ich hatte sie nicht gehört und auch wäh­rend der Vor­stel­lung nur flüch­tig ins Publi­kum geschaut, fremde Gesich­ter im Gegen­licht der Schein­wer­fer. Und es lenkt auch ab, wenn man ins Publi­kum schaut und dann ein bekann­tes Gesicht erblickt. Der Moment des Erken­nens ist pri­vat, die Gefahr groß, aus der Rolle zu fallen.

Top Dogs - Manöverkritik

Sze­nen­foto „Top Dogs” (Manö­ver­kri­tik), Foto von Ste­fan Christiani

Die Klin­gel ertönt zum vier­ten Mal, unser Regis­seur kann sie mit einer Fern­steue­rung nach Her­zens­lust betä­ti­gen. Oder war es doch das dritte Mal? End­lich wird das Licht dunk­ler, Lukas tritt vor den Vor­hang und macht die Ansage, ein ers­ter Applaus.

Dann erklingt The four hor­se­men (Aphrodite’s child) mit ein­ge­bau­ten Text­ab­schnit­ten zu den apo­ka­lyp­ti­schen Rei­tern und Out­pla­ce­ment. Das ist der kon­zep­tio­nelle Höhe­punkt des Stücks, die Ver­knüp­fung von Out­pla­ce­ment mit der Apo­ka­lypse. Denn im Wer­te­ka­non der Mana­ger ist der Ver­lust der Arbeit gleich­be­deu­tend mit Kata­stro­phe. Und das ist auch die Essenz des Stücks, wie gehen ehe­ma­lige Top-​​Kader mit die­ser Situa­tion um? Sie sind auch nur Men­schen, ver­zwei­feln, hal­ten trotz­dem an ihren alten Wer­ten fest und müs­sen letzt­end­lich auch sehr unan­ge­nehme Jobs anneh­men. Die Rol­len sind dabei bewusst als Ste­reo­ty­pen ange­legt, auch die Kurs­lei­te­rin wechselt.

Das Top-Dogs-Ensemble am Paradeplatz

Das Ensem­ble der Top-​​Dogs-​​Produktion am Para­de­platz in Zürich

Das Stück selbst läuft gut, der Text und die Abläufe sit­zen. Das Publi­kum braucht eine Weile um auf­zu­wär­men und wir auch. Es gibt die­sen ewig lan­gen Anfangs­dia­log, erst danach geht es rich­tig los. Ich muss auf­pas­sen, dass ich nicht lache an den lus­ti­gen Stel­len, wenn der ganze Saal grölt. Ein altes Pro­blem von mir, da ver­sagt meine ansons­ten gut aus­ge­prägte Selbstbeherrschung.

Der Höhe­punkt für mich ist die Szene „Dumme Kuh”, in wel­cher meine Frau und ich uns in einem Rol­len­spiel den Pro­ble­men stel­len, die durch meine Arbeits­lo­sig­keit ent­ste­hen. Wir belei­di­gen uns mas­siv und müs­sen bei jeder Auf­füh­rung aufs Neue töd­lich belei­digt sein, obwohl wir genau wis­sen, dass wir uns am Ende der Szene versöhnen.

Szenenfoto "Top Dogs"

Sze­nen­foto „Top Dogs” (Dumme Kuh), Foto von Ste­fan Christiani

Applaus, Ver­beu­gun­gen im Drei­er­pack, Geschenk für den Regis­seur, Applaus, das Bad in der Menge, Gesprä­che mit Bekann­ten, alle fan­den es toll, wie immer sind sie nett oder sehen die Schwä­chen der Insze­nie­rung nicht, die aber wohl nur Theater-​​Veteranen auf­fal­len. Ich werde gelobt, einer meint, ich sei der authen­tischste Schau­spie­ler gewe­sen – das Leben ist schön.

Pre­mie­ren­feier nach lan­gem Umher­ir­ren in einer Piz­ze­ria, aber sonst hatte nichts mehr offen und wir woll­ten zu zwölft auch nicht ins Nie­der­dorf. Der Regis­seur hat ver­sucht, sein Buch­ge­schenk zu erra­ten, es nicht geschafft und freut sich über Die Schule der Schau­spiel­kunst von Stella Adler. Ein rie­si­ger Tel­ler Spa­ghetti Car­bon­ara und ein Gläs­chen Pri­mi­tivo besie­geln den Abend und geben mir den Rest. Ich bin müde und rede inko­ha­rän­tes Zeug. Das Gespräch ver­teilt sich am Tisch.

Ich laufe allein nach Hause, habe keine Lust auf den Nacht­bus zu war­ten. Die Scheuch­zer­straße bei Nacht, ich brau­che einen Schal, muss mich echt erho­len mor­gen. Ein­zelne Fahr­rä­der rau­schen an mir vor­bei, das Zuhause kommt immer näher. Schla­fen, nichts weiter.

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