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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Produktion

In der aktu­el­len dra­ma­teure–Thea­ter­pro­duk­tion „Onkel Wanja” konn­ten wir ges­tern die erste Sze­nen­probe erle­ben. Im Dezem­ber hat­ten wir in Lese­pro­ben das Stück Seite für Seite in unse­ren Rol­len durch­ge­nom­men, die Per­so­nen­kon­stel­la­tion und Moti­va­tion der Figu­ren bespro­chen. Dar­auf auf­bau­end konn­ten wir ges­tern zum ers­ten Mal „stel­len”. Das bedeu­tet, die Szene auf der Bühne zu pro­bie­ren und vor allem die Auf– und Abgänge zu klä­ren, und damit die ent­schei­dende Frage „Wo bin ich?”

Schön war, dass einige von uns den Text schon aus­wen­dig konn­ten. Denn ohne Text­buch in der Hand ist man viel freier und kann sich auf die ande­ren Dinge kon­zen­trie­ren. Als sehr guter Schau­spie­ler würde man sich noch vor­her selbst Gedan­ken zur Szene machen und Ange­bote machen. Ein Ange­bot ist eine mög­lichst schlüs­sige Inter­pre­ta­tion der Szene und Rolle. Ob das dann ins­ge­samt passt, muss natür­lich die Regis­seu­rin ent­schei­den. Aber zumin­dest ist dann schon mal etwas da. Und die Probe macht dann auch mehr Spass, wird ein Dia­log über die Inter­pre­ta­tion und Figu­ren­kon­stel­la­tion anstatt die rein tech­ni­sche Erläu­te­rung des Ablaufs. Man hat es selbst in der Hand.

Als Tele­gin habe ich mich auf diese Szene natür­lich vor­be­rei­tet. Den Text kann ich schon ganz gut und konnte auch schon an den Emo­tio­nen arbei­ten. Die Regie­an­wei­sung an einer Stelle war, dass Tele­gin mit wei­ner­li­cher Stimme spricht. Er wird daran erin­nert, dass seine Frau ihn wegen eines ande­ren ver­las­sen hat. Das ist eine starke Emo­tion, die ich mit Hilfe einer sen­so­ri­schen Erin­ne­rung erar­bei­tete. Ich wählte eine per­sön­li­che Erin­ne­rung, die vom emo­tio­na­len Gehalt ähnlich ist. Ich sehe in die­sem Moment auf der Bühne die Bil­der und höre die Klänge. Es läuft da quasi ein Film in mir ab, der mich in diese Stim­mung bringt. Und dann muss ich gar nicht viel machen, meine Stimme klingt auto­ma­tisch anders, Mimik und Ges­tik pas­sen sich ebenso an. Es ist sicher­lich noch aus­bau­fä­hig, aber der Grund­stein ist gelegt.

Erste offi­zi­elle Probe der Onkel Wanja–Insze­nie­rung, drei neue Leute haben den Weg ins Kel­ler­thea­ter des GZ Buchegg gefun­den. Nach der Vor­stel­lungs­runde und der Erläu­te­rung des wei­te­ren Ablaufs konn­ten wir dann auch end­lich wie­der mal aktiv wer­den – in Form der belieb­ten Improvisationsspiele.

Es war groß­ar­tig! Anfangs zöger­lich, dann immer mehr zeigte sich die Spiel­freude, die Lust am Expe­ri­men­tie­ren mit Rol­len, Cha­rak­te­ren und Situa­tio­nen. Es fühlt sich gut an, ich habe diese Ener­gie auf der Bühne vermisst.

In den nächs­ten Wochen fol­gen wei­tere Pro­ben mit sen­so­ri­schen Erin­ne­rungs­übun­gen, Impro­vi­sa­tio­nen und wei­te­ren Ele­men­ten, die noch nicht so viel mit dem Stück zu tun haben. Erst spä­ter wer­den wir uns dann in Lese­pro­ben inten­si­ver mit dem Stück beschäf­ti­gen. Aber noch ist vie­les unklar, vor allem die Besetzung.

Die Thea­ter­gruppe aki­tiv pro­du­ziert aktu­ell das Stück Gefähr­li­che Lieb­schaf­ten von Pierre-​​Ambroise-​​François Cho­der­los de Laclos. Es war der Favo­rit unse­res Regis­seurs. Die Grund­lage der Büh­nen­fas­sung ist der Brief­ro­man „Les Liai­sons Dan­ge­re­u­ses” aus dem Jahr 1782.

Bei der ers­ten Lesung mit ver­teil­ten Rol­len war mein Ein­druck eher nega­tiv. Dar­ge­stellt wer­den Ange­hö­rige des Adels, die sich pri­mär mit dem Ver­füh­ren des ande­ren Geschlechts befas­sen. Es geht um eine Wette zwi­schen der Mar­quise de Mer­teuil und dem Vicomte de Val­mont. Letz­te­rer soll die junge Celine de Volan­ges und die Prä­si­den­tin de Tour­vel ver­füh­ren, dann winkt ihm eine Nacht mit der Mar­quise. Im Laufe des Stücks gelingt ihm auch bei­des, wobei er durch die emsig Briefe schrei­bende Mar­quise unter­stützt wird. Jedoch kommt es nicht zur Ein­lö­sung der Wett­schuld, die Mar­quise wirft ihm vor, er wäre in die Prä­si­den­tin ver­liebt. Auch sein sofor­ti­ges Been­den der Bezie­hung über­zeugt die Mar­quise nicht, sie beharrt dar­auf, dass die Prä­si­den­ten den Vicomte bezwun­gen hätte. Das ist die Schlüs­sel­szene des Stücks, das Psycho-​​Duell zwi­schen den bei­den Haupt­rol­len, wel­ches nur Ver­lie­rer kennt. Kurz dar­auf ster­ben die meis­ten Per­so­nen eines unna­tür­li­chen, plötz­li­chen Todes.

Der Brief­ro­man erschien kurz vor der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion und zeigte die Ver­kom­men­heit des Adels und pro­phe­zeite die blu­ti­gen Wir­ren der Revo­lu­tion. Der Reiz des Stü­ckes liegt in der Psy­cho­lo­gie der Rol­len. Vor allem die bei­den Haupt­ak­teure sind schwie­rig aus­zu­lo­ten und eine große Her­aus­for­de­rung für die Dar­stel­ler. Die Neben­rol­len der jun­gen unschul­di­gen Celine, des stän­dig in Trä­nen aus­bre­chen­den Che­va­liers de Dan­ceny, des Erzäh­lers und wei­tere die­nen eher der Auf­lo­cke­rung und sind ent­spre­chend ein­sei­tig angelegt.

Ich habe mich in die­sen Rol­len jeden­falls kein biss­chen gefun­den, es sind alle­samt Per­so­nen, um die ich im wah­ren Leben einen gro­ßen Bogen machen würde. Es sind alles Ego­ma­nen ohne die geringste Spur Idea­lis­mus oder Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl. Die Ver­füh­rungs­sze­nen neh­men einen gro­ßen Raum ein, diese mit Lai­en­dar­stel­lern glaub­haft umzu­set­zen, ist eine immense Her­aus­for­de­rung. Jeden­falls fragte ich mich, warum wir aus­ge­rech­net die­ses Stück auf die Bühne brin­gen und was wir der Welt damit sagen wol­len. Und ganz ehr­lich — ich konnte diese Frage für mich per­sön­lich nicht zufrie­den­stel­lend beantworten.

Eine Insze­nie­rung des Stücks hat Bru­nos Talent Truppe im Mai­ers auf die Beine gestellt. Unser Fazit war eher nega­tiv, es war an vie­len Stel­len nicht glaub­haft gespielt und ins Gro­teske ver­zerrt. Es fehlte das feine psy­cho­lo­gi­sche Spiel, wel­ches unser Regis­seur hof­fent­lich bes­ser hinkriegt.

Ich habe mich ent­schlos­sen, aus der Gessnerallee-​​Backstage-​​Produktion aus­zu­stei­gen. Es war keine leichte Ent­schei­dung und ich möchte in die­sem Bei­trag mei­ner Zer­ris­sen­heit Aus­druck ver­lei­hen. Wenn du auch am Über­le­gen bist, ob nun in einem Thea­ter– oder ande­ren Pro­jekt, dann hilft dir die­ser Bei­trag sicher­lich beim Über­le­gen und Abwägen.

Wann aus­stei­gen?

Wenn über­haupt, soll­test du nur am Anfang einer Pro­duk­tion aus­stei­gen. Nichts ist schlim­mer als ein spä­tes Aus­stei­gen, wenn der Pro­zess schon fort­ge­schrit­ten ist und ein Ersatz schwie­rig bis unmög­lich wird. In jedem Pro­jekt gibt es einen Ter­min, an dem sich die Teil­neh­mer ent­schei­den müs­sen, ob sie nun dabei sind oder nicht. Bis dahin sollte klar sein, in wel­che Rich­tung die Pro­duk­tion geht und wel­che Anfor­de­run­gen an die Teil­neh­mer gestellt wer­den. Spä­ter aus­stei­gen ist unfair und bringt den Orga­ni­sa­to­ren hef­tige Probleme.

Klas­sisch oder thematisch?

Bei der Backstage-​​Produktion stan­den wir ganz am Anfang, wir hat­ten ein Kick-​​Off-​​Wochenende im Juli und ein wei­te­res Tref­fen hin­ter uns. In die­sen ers­ten Tref­fen haben wir vor allem Kennenlern-​​Spielchen gemacht, unsere Erwar­tun­gen und Befürch­tun­gen in Form von kur­zen Büh­nen­sze­nen aus­ge­tauscht und auch begon­nen, inhalt­lich zu diskutieren.

Die Rich­tung war zu Beginn völ­lig offen, die Inter­es­sen der Leute unter­schie­den sich beträcht­lich. Ich bin durch meine bis­he­ri­gen Erfah­run­gen beim aki­tiv geprägt, wir hat­ten jeweils ein beste­hen­des Thea­ter­stück aus­ge­wählt und mit einem exter­nen Regis­seur oder einem regie-​​willigen Mit­spie­ler insze­niert. Damit ergab sich ein bestimm­ter Arbeits­stil und auch ein star­ker Bezug zum vor­han­de­nen, lite­ra­ri­schen Text. Mit die­ser Hal­tung stand ich jedoch in der Backstage-​​Gruppe recht allein da, die meis­ten ande­ren woll­ten lie­ber an einem Thema arbei­ten, ohne fes­ten Text.

In zwei Arbeits­grup­pen hat­ten wir beim Kick-​​Off-​​Wochenende auch Insze­nie­rungs­ideen für diese bei­den Haupt­rich­tun­gen skiz­ziert. Die eine Gruppe beschäf­tigte sich mit dem Thema Angst, in mei­ner Gruppe nah­men wir Shakespeare’s Was ihr wollt. Beide Her­an­ge­hens­wei­sen haben Vor– und Nach­teile. Für mich ist aber ein kla­res Ziel in Form eines lite­ra­risch und inhalt­lich anspre­chen­der Tex­tes wich­ti­ger als die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten beim freien the­ma­ti­schen Arbeiten.

Meine Befürch­tung beim freien Arbei­ten ist, dass wir ewig lang Sze­nen zu einem Thema impro­vi­sie­ren und am Ende kein soli­des Gan­zes ent­steht. Anstatt gemein­sam auf einen Berg zu mar­schie­ren, sucht sich jeder ein Hügel­chen und läuft hin­auf. Was dabei ent­steht, wird dann gern als Kalei­do­skop, Mosaik oder Col­lage bezeichnet.

Dage­gen sind die Nach­teile bei einem fes­ten Stück vor allem die fest vor­ge­schrie­be­nen Rol­len. Zum einen gibt es die Unter­tei­lung in Haupt– und Neben­rol­len, wel­che für ent­täuschte Erwar­tun­gen sor­gen kann. Zum ande­ren ist man auf die vom Regis­seur ver­teilte Rolle fest­ge­legt und kann nur bestimmte Aspekte sei­ner Per­sön­lich­keit ein­brin­gen. Außer­dem kann der Text künst­lich wir­ken, da man sich fremde Worte zu eigen machen muss.

Ent­schei­dung

Der Kon­flikt der unter­schied­li­chen Erwar­tun­gen schwelte also schon seit dem Tref­fen im Juli, unklar war für mich, wie und wann wir die not­wen­dige Rich­tungs­ent­schei­dung fäl­len woll­ten. Meine Hoff­nung war, dass ich mit einem mit­rei­ßen­den Schluss­plä­do­yer die Gruppe viel­leicht doch noch in Rich­tung klas­si­sches Thea­ter hätte brin­gen kön­nen. Doch diese Hoff­nung zer­stob am Frei­tag, als mir die Lei­te­rin klar­machte, dass unter ihr die Rich­tung the­ma­ti­sches Arbei­ten ver­folgt würde. Zum einen, weil das eher mit der Phi­lo­so­phie des Thea­ter­hau­ses Gess­ne­ral­lee ver­ein­bar wäre, ande­rer­seits wäre das auch ihre per­sön­li­che Vor­stel­lung vom Theater.

Damit war ich vor die Wahl gestellt, mich auf diese für mich neue Her­an­ge­hens­weise ein­zu­las­sen oder aus­zu­stei­gen. Ich ent­schloss mich für Letz­te­res. Es ist eine per­sön­li­che Ent­schei­dung, beein­flusst vor allem von mei­nem Bauch­ge­fühl. Am Ende muss es für mich in so einer Pro­duk­tion vor allem vom Gefühl her stim­men, damit ich auch die stres­si­gen Zei­ten gut meistere.

Für die im Juli star­tende Pro­duk­tion des Gess­ne­ral­lee Back­stage­pro­gramms sol­len alle Inter­es­sier­ten ein Moti­va­ti­ons­schrei­ben ein­rei­chen. Nur dann winkt ein Platz in der Kern­gruppe, dem Ensem­ble.

Die Teil­nah­me­kon­di­tio­nen sind recht hart for­mu­liert, neben dem Spie­len ist das Über­neh­men eines Res­sorts Pflicht, so dass die anfal­len­den Auf­ga­ben bei Finan­zen, Büh­nen­bau, Tech­nik, Orga­ni­sa­tion und Öffent­lich­keits­ar­beit auf viele Schul­tern ver­teilt wer­den. Im Grunde haben wir das beim aki­tiv auch immer so gehand­habt, jedoch die Leute zu Beginn keine der­ar­tige Ver­ein­ba­rung unter­schrei­ben las­sen. Es geht nicht anders, wenn man keine pro­fes­sio­nelle Infra­struk­tur im Rücken hat, und außer­dem sol­len alle Leute abge­schreckt wer­den, die nur mal eben die gro­ßen Stars sein wol­len. Dann lie­ber eine kleine Pro­duk­tion mit weni­gen Leu­ten, die auch mit anpacken.

Aber zurück zu mei­nem Moti­va­ti­ons­schrei­ben, zu den Din­gen, die mich am Thea­ter rei­zen. Eigent­lich ist es ganz ein­fach — man stellt sich vor andere Leute und tut etwas. Aber die­ser Druck der vie­len beob­ach­ten­den Augen schafft eine para­doxe Situa­tion. Man ver­lernt unter die­sen Umstän­den sein nor­ma­les Ver­hal­ten und wird ange­spannt und künst­lich. Genau so, als wenn man sich auf sei­nen eige­nen Atem kon­zen­triert und den­noch ganz natür­lich ein– und aus­at­men möchte. Es funk­tio­niert nicht mehr, man muss alles neu lernen.

Als Freund der Lite­ra­tur bin ich anspruchs­vol­len Stof­fen und Tex­ten ohne­hin zuge­neigt und habe schon viele Dra­men als Buch ver­schlun­gen. Die Namen der Auto­ren und ihre Werke sind jener uner­schöpf­li­che Kos­mos, in dem ich mich gern auf­halte, um Neues zu ent­de­cken und Ver­bin­dun­gen zu Beste­hen­dem her­zu­stel­len. Es rei­zen mich die gro­ßen Namen wie Wil­liam Shake­speare, Fried­rich Schil­ler, Fried­rich Dür­ren­matt oder Ten­nes­see Wil­liams. Es rei­zen mich die gro­ßen The­men wie Ent­frem­dung, Eifer­sucht, Zunei­gung und Macht. Es reizt mich die Aus­ein­an­der­set­zung mit ver­gan­ge­nen Zei­ten und mensch­li­chen Schick­sa­len. Es ist letzt­lich diese Freude an Lite­ra­tur und die vie­len Ver­bin­dun­gen zur Bühne, die mich in die Fänge des Thea­ters trieb.

Am Beginn mei­nes Stu­di­ums (2000) begann ich mit Lesun­gen von Büchern im Freun­des­kreis. Mir war der Der Kon­tra­bass von Patrick Süs­kind in die Fin­ger gera­ten, ein Buch, wel­ches nach sei­ner direk­ten Büh­nen­um­set­zung gera­dezu schreit. Ich beschäf­tigte mich im Vor­feld auch ein biss­chen mit Stimm­übun­gen, um mich opti­mal auf diese erste Lesung vor­zu­be­rei­ten. Die große Her­aus­for­de­rung beim Lesen eines Buches ist das direkte Anspre­chen der Zuhö­rer durch mög­lichst inten­si­ven Blick­kon­takt, man muss den Text sehr schnell auf­neh­men, zwi­schen­spei­chern, um sich dann wie­der ganz dem Publi­kum wid­men zu kön­nen. Ich las sehr betont, um den Text mög­lichst span­nend wie­der­zu­ge­ben, ihn mit Leben zu fül­len, ihn zu inter­pre­tie­ren. Zusätz­lich ver­suchte ich auch stets, spie­le­ri­sche Ele­mente ein­zu­bauen, um ein wenig Abwechs­lung hin­ein­zu­brin­gen. Wei­tere Lesun­gen folg­ten, Das Gespenst von Can­ter­ville (Oscar Wilde), Der Sand­mann (Ernst Theo­dor Ama­deus Hof­mann), Mein Name sei Gan­ten­bein (Max Frisch), Die Schach­no­velle (Ste­fan Zweig), Publi­kums­be­schimp­fung (Peter Handke), Seide (Ales­san­dro Baricco) und Nove­cento (Ales­san­dro Baricco), man­che Lesun­gen hielt ich auch mehrmals.

Ange­kom­men in Zürich fand sich für meine Lesun­gen keine wirk­lich große Leser­schaft, ich schloss mich 2006 der Lai­en­gruppe aki­tiv an, die für ihre dama­lige Pro­duk­tion noch einen Schau­spie­ler suchte. So konnte ich mei­ner alten Lei­den­schaft auf neue Weise frö­nen. Im Laufe von vier Pro­duk­tio­nen lernte ich die Freu­den und Tücken des Thea­ters ken­nen. Wir spiel­ten Man kann nie wis­sen (George Ber­nard Shaw), Die Läs­ter­schule (George Brims­ley She­ridan), Da waren’s nur noch neun (Aga­tha Chris­tie) und Arka­dien (Tom Stop­pard). Meine vor­he­rige Beschäf­ti­gung mit Lesun­gen stellte sich dabei als hin­der­lich her­aus, denn über­trie­be­nes Beto­nen und Spie­len ist für die Bühne eher ungüns­tig. Dies wurde mir beson­ders bei unse­rer dies­jäh­ri­gen Pro­duk­tion bewusst, nach­dem ich im Vor­feld Bücher von Sta­nis­law­ski und Stella Adler gele­sen hatte. Diese bei­den Werke haben mir vor Augen geführt, wor­auf es wirk­lich ankommt beim Thea­ter, auf natür­li­ches Spiel und die authen­ti­sche Ver­kör­pe­rung der Rolle. Es sind die stil­len Momente, die mich im Thea­ter am meis­ten bewe­gen und die ich als Schau­spie­ler auch gern meis­tern möchte. Die lau­ten, pol­t­ri­gen Momente sind genauso not­wen­dig, denn erst der gekonnte Wech­sel zwi­schen bei­den Extre­men ver­mag jene Span­nung auf der Bühne zu schaf­fen, die eine gelun­gene Insze­nie­rung auszeichnet.

Ich mag Thea­ter. Es ist eine enorm viel­sei­tige Pas­sion, neben Lite­ra­tur kommt die Psy­cho­lo­gie beim Rol­len­ver­ständ­nis zum Ein­satz, die Geschichte klopft an, wenn der gewählte Stoff in ver­gan­ge­nen Zei­ten spielt, das Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und die Phan­ta­sie sind stän­dig gefragt, doch zugleich ist Thea­ter­spie­len aber auch Hand­werk — kör­per­lich, denn am Ende steht man da auf der Bühne in sei­nem Kör­per und wird ange­schaut. Man muss ganz ent­spannt sein, ganz natürlich.