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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Publikum

Lam­pen­fie­ber

Lam­pen­fie­ber, wie­der hatte es mich erwischt. Es ist immer der erste Auf­tritt, wenn man zum ers­ten Mal ins Schein­wer­fer­licht tritt, ange­schaut von Dut­zen­den Augen­paa­ren. Nur nicht ins Publi­kum schauen, nicht aus der Rolle fal­len. Ich hatte wei­che Knie. Zum Glück trug ich als Land­schafts­ar­chi­tekt Richard Noa­kes einen lan­gen Man­tel und hatte am Anfang nicht viel zu sagen. Lam­pen­fie­ber ist auch schön, es zeigt mir, dass ich noch nicht voll­ends abge­klärt und reak­ti­ons­los bin.

1. Rolle — Richard Noakes

Richard Noa­kes spiele ich als Kar­ri­ka­tur, er ist extrem über­zeugt von sich und sei­nen Gar­ten­plä­nen. Es fällt mir etwas schwer, denn Lady Croom ist über­haupt nicht begeis­tert und ver­schafft ihrem Unmut deut­lich Aus­druck. Aber ich kriege das nicht mit und äußere mich mit höchs­ter Ver­zü­ckung. Ich denke immer, dass er auf Kokain ist.

2. Rolle — Gus Coverly

Meine zweite Rolle, der stumme Gus Coverly, liegt mir da schon bes­ser. Er ist extrem intro­ver­tiert, spricht nicht und hat dem­ent­spre­chend auch Angst vor frem­den Leu­ten. Mein ers­ter Auf­tritt ist des­halb recht kurz, ich komme auf die Bühne, sehe Ber­nard Nightingale, der mich begrü­ßen möchte, erschre­cke und ver­lasse die Bühne auch schon wie­der. Die Her­aus­for­de­rung bei die­sem Auf­tritt ist für mich, nicht zu lachen, son­dern die Bestür­zung authen­tisch zu zei­gen. Also nicht mein Gesicht zu arg zu ver­zie­hen, ganz wenig machen, ein­fach han­deln. Als Gus habe ich noch wei­tere, kurze Auf­tritte, beson­ders schön ist das Über­rei­chen eines Apfels an Han­nah am Ende der zwei­ten Szene.

Zum Ent­ste­hungs­pro­zess

Wenn ich ehr­lich bin, über­rascht mich das gute Ankom­men des Stü­ckes beim Pre­mie­ren­pu­bli­kum. Ich hatte große Beden­ken, ob das Publi­kum nicht durch die vie­len intel­lek­tu­el­len Anspie­lun­gen und Bezüge zwi­schen den Zeit­ebe­nen abge­hängt wird. Es gibt etli­che lange Dia­loge, in denen nicht viel pas­siert, außer dass sich die Prot­ago­nis­ten über his­to­ri­sche Quel­len und andere Fra­gen aus­tau­schen. Aber der Wech­sel zwi­schen die­sen erklä­ren­den Pas­sa­gen der Neu­zeit, der hand­lungs­rei­chen alten Zeit und den unter­halt­sa­men Auf­trit­ten der ande­ren Neuzeit-​​Protagonisten (wie Gus) erwies sich als gutes Mit­tel gegen die even­tu­ell auf­kom­mende Lan­ge­weile, es pas­siert dann doch immer wie­der etwas und in der aller­letz­ten Szene wer­den die bei­den Zei­ten ohne­hin auf geniale Weise ver­knüpft und ein par­al­le­ler Wal­zer beschließt das Stück stimmungsvoll.

Für mich war der Ent­ste­hungs­pro­zess des Stü­ckes eher schlep­pend. Das mag zum einen am enor­men Kon­trast zum ver­gan­ge­nen Jahr lie­gen, als wir mit Mau­rice einen extrem zupa­cken­den und for­dern­den Regis­seur hat­ten, dem das Phy­si­sche an den Rol­len am wich­tigs­ten war. Tobias war da das ganze Gegen­teil, bedäch­tig vor­ge­hend und sorg­sam abwä­gend, an den Fein­hei­ten der Beto­nung inter­es­siert. Vom Stil her war mir das Zupa­ckende lie­ber, außer­dem hatte ich ja zwei kleine Rol­len, wes­halb ich die­ses Jahr schau­spie­le­risch weni­ger gefor­dert war. Aber es gibt keine klei­nen Rol­len, son­dern nur kleine Schau­spie­ler und die Reak­tio­nen des Publi­kums auf Gus ver­söh­nen mich.

Wie wei­ter?

Was bleibt, ist die Frage nach mei­ner schau­spie­le­ri­schen Wei­ter­ent­wick­lung. Mein Anspruch ist nach wie vor, authen­tisch spie­len zu ler­nen, inspi­riert durch Sta­nis­law­ski und Stella Adler. Ich hoffe, dass ich dies im Schau­spiel­trai­ning Gess­ne­ral­lee Back­stage ler­nen kann, wo ich par­al­lel seit April bin.

Lesung „Novecento”

Apr 27
Allgemein

Ges­tern las ich zum zwei­ten Mal „Nove­cento — Die Legende vom Oze­an­pia­nis­ten”. Im Gegen­satz zur Dresd­ner Abschieds­le­sung war diese weni­ger dra­ma­tisch ange­haucht, und es kamen auch wesent­lich weni­ger Leute. Den­noch, es war ein schö­nes Ereig­nis, rou­ti­niert ließ ich meine Stimme im Raum schwe­ben und die begeis­ter­ten Bli­cke und der tosende Applaus am Ende waren wun­der­voll. Der Pia­nist hat lus­ti­ger­weise den glei­chen Vor­na­men wie ich, also auch mit nur einem T geschrie­ben. Die von ihm gewähl­ten Stü­cke pass­ten gut, wir wech­sel­ten uns vor­züg­lich ab. Es ist ein­fach schade, wie wenig Leute zu so einem Ereig­nis kom­men, dabei gab es ziem­lich viel Öffentlichkeitsarbeit.

Diplomverteidigung

Apr 20
Allgemein

Ich stehe auf und gehe nach vorn. Der Moment ist gekom­men, ein letz­ter Vor­trag, ein letz­tes Mal Fra­gen beant­wor­ten müs­sen, dann wird es vor­über sein. Ich schaue in die Runde. Prof. Ger­lach sitzt mir gegen­über in der Mitte, neben ihm Dr. Nor­kus im unge­wohn­ten Anzug. Einige Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts haben sich zu so frü­her Stunde ein­ge­fun­den. Und zu bei­den Sei­ten sit­zen Freunde, die mich mit ihren freund­li­chen gespann­ten Mie­nen still anfeu­ern. Der Vor­trag beginnt, ich habe ihn nicht geübt, die Worte flie­ßen, erst etwas hol­pe­rig, dann immer besser.

Die letzte Nacht habe ich schlecht geschla­fen, mich stun­den­lang her­um­ge­wälzt. Es waren wahr­schein­lich nur wenige Stun­den Schlaf, die ich bekom­men habe. Die letzte Woche war ein wenig stres­sig gewe­sen, da ich noch ein Pos­ter anfer­ti­gen und die Prä­sen­ta­tion ver­be­rei­ten musste. Und zuvor hatte ich mich in der End­phase der Arbeit befun­den, Kor­rek­tu­ren ein­ge­baut, Gra­fi­ken neu gezeich­net, immer wie­der Sätze ver­än­dert, Absätze umfor­mu­liert, Glie­de­run­gen über­dacht. Es reicht jetzt. Nur noch die­sen Vor­trag, dann ist Schluss.

Wahr­schein­lich wirke ich ent­spannt und sou­ve­rän, zu oft habe ich Rhetorik-​​Trainings absol­viert, als dass man mir Auf­re­gung ansähe. Ich bin auf­ge­regt, inner­lich, aber irgend­wie auch müde und abge­spannt. Ich bin fer­tig mit die­sem Thema, die Arbeit ist geschrie­ben, die Anre­gun­gen und Fra­gen zwar nett und hilf­reich, aber zu spät. Eigent­lich stehe ich auch nicht selbst da vorn. Es ist jemand anders, den ich für sol­che Zwe­cke in der Hin­ter­hand habe. Ein Teil von mir, der sich durch Rhetorik-​​Seminare lang­sam ent­wi­ckelt hat. Auf jeden Fall kommt mir die Situa­tion nicht wirk­lich vor, ich stehe neben mir, wie in einem Traum.

Es ist vor­bei. Der Vor­trag kam gut an, die Fra­gen eini­ger­ma­ßen intel­li­gent beant­wor­tet, die Hände geschüt­telt, die Glück­wün­sche ent­ge­gen­ge­nom­men, gelä­chelt, gelä­chelt. Der Pro­fes­sor wünscht eine steile Kar­riere, ich weiß damit nichts so recht anzu­fan­gen. Mal wie­der bin ich über diese Wir­kung von mir erstaunt, dar­über, wie ent­schlos­sen und ziel­stre­big ich wirke. Aber so rich­tig Zeit zum Nach­den­ken bleibt nicht, schon in weni­gen Stun­den fahre ich los nach Wro­claw, die nächs­ten Wochen sind alle­samt ver­plant. Meine Zukunft liegt vor mir, ver­hei­ßungs­voll und doch ungewohnt.