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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Regie

Das Thea­ter Neu­markt prä­sen­tierte anläss­lich der Neu­über­set­zung von Dide­rots Para­dox über den Schau­spie­ler einen Abend mit Lesung und Dis­kus­sion. Zwei erfah­rene Regis­seure – Luc Bondy und Urs Schaub – dis­ku­tier­ten unter der Lei­tung von Bar­bara Vil­li­ger Heilig.

Der Abend begann mit der sehr häu­fi­gen Erwäh­nung des Namens Felix Rell­stab. Denn nie­mand anders als Felix Rell­stab selbst hatte sei­ner­zeit das his­to­ri­sche Werk Dide­rots über­setzt und die Felix-​​Rellstab-​​Stiftung betreute nun auch die Neu­über­set­zung und Neu­auf­lage. Inter­es­san­ter­weise hat Felix Rell­stab eine Reihe von Thea­ter­bü­chern her­aus­ge­ge­ben, von denen ich mir sicher noch das eine oder andere besor­gen werde. Und er hat das Thea­ter Neu­markt gegrün­det. Nun gut, eine lokale Thea­ter­größe mehr, die ich bis­her nicht kannte.

Im Publi­kum, gar nicht weit von uns, saß dann auch noch der der­zeit bekann­teste Schwei­zer Schau­spie­ler – Bruno Ganz. Er sagte nicht viel, saß ein­fach da und lächelte ab und zu, wenn man sei­nen Namen erwähnte. Wahr­schein­lich waren noch ein paar mehr Schwei­zer Pro­mi­nente anwe­send, und natür­lich einige auf­stre­bende Jung­schau­spie­le­rin­nen, die sich dann spä­ter an die pro­mi­nen­ten Regis­seure und Schau­spie­ler heranmachten.

Die Mode­ra­ti­ons­kunst von Bar­bara Vil­li­ger Hei­lig (NZZ-​​Feulletonistin) ließ zu wün­schen übrig. Zu fixiert auf ihre Inhalte und ver­se­hen mit eher theo­re­ti­schem Wis­sen unter­brach sie die bei­den älte­ren Her­ren mehr­fach auf unschöne Weise. So kamen die bei­den gar nicht rich­tig in Schwung, erst am Ende der Ver­an­stal­tung wur­den sie eini­ger­ma­ßen warm. Und dann war es auch sehr plötz­lich zu Ende. Man hatte den Ein­druck, dass sie die bei­den für eine län­gere Phase der Igno­ranz stra­fen wollte. Und gerade diese Igno­ranz war der Garant für einen schö­nen Gesprächs­fluss gewe­sen, auch wenn sich das Gespräch the­ma­tisch immer wei­ter von Dide­rots Text ent­fernt hatte. Nach mei­nem Ver­ständ­nis sollte sich der Mode­ra­tor nicht inhalt­lich ein­brin­gen, son­dern ledig­lich das Gespräch sanft len­ken und alle Ecken aus­leuch­ten. Aber ein­fach ist das nicht.

Zwei männ­li­che Schau­spie­ler lasen einen Aus­schnitt des Tex­tes, der im spä­ten 18. Jahr­hun­dert entstand.

ZWEITER Ich zweifle daran.

ERSTER Und ich beharre auf mei­ner Meinung.

ZWEITER Behar­ren Sie dar­auf, ich bin ein­ver­stan­den; aber den­ken Sie daran, ich bin keine Frau, und Sie müs­sen sich bitte erklären.

ERSTER Unbe­dingt?

ZWEITER Unbe­dingt.

ERSTER Es wäre mir ange­neh­mer zu schwei­gen, als mein Den­ken zu verschleiern.

ZWEITER Das glaube ich.

ERSTER Ich werde streng sein.

(…)

ERSTER … Aber der Haupt­punkt, über den wir völ­lig gegen­sätz­li­che Auf­fas­sun­gen haben, … das sind die Grund­an­la­gen des gros­sen Schau­spie­lers. Ich ver­lange von ihm viel Urteils­ver­mö­gen. Ich will, dass in ihm ein kal­ter und ruhi­ger Beob­ach­ter der mensch­li­chen Natur sei. Ich for­dere als Folge davon durch­drin­gen­den Scharf­blick, aber keine Emp­find­sam­keit; die Kunst, alles nach­zu­ah­men oder, was auf das­selbe her­aus­kommt, die glei­chen Anla­gen für alle Arten von Cha­rak­te­ren und Rollen.

ZWEITER Keine Empfindsamkeit?

ERSTER Keine.

(…)

Sie sind für allzu vie­les glei­cher­mas­sen befä­higt, sind zu sehr beschäf­tigt mit Beob­ach­ten, Aus­kund­schaf­ten und Nach­ah­men, als dass sie in ihrem Inne­ren hef­tig ergrif­fen wür­den. Ich sehe sie dau­ernd mit dem Notiz­block auf den Knien und dem Blei­stift in der Hand.

Wir, wir füh­len. Sie, sie beob­ach­ten, stu­die­ren und malen. Soll ich es sagen? Warum nicht. Emp­find­sam­keit ist kaum eine Eigen­schaft des gros­sen Genies. Nicht sein Herz, sein Kopf tut alles. Der emp­find­same Mensch ver­liert ihn beim gerings­ten uner­war­te­ten Umstand. Er wird weder ein gros­ser König, noch ein gros­ser Minis­ter, noch ein gros­ser Kapi­tän, noch ein gros­ser Advo­kat, noch ein gros­ser Arzt.

Füllt den Zuschau­er­raum mit die­sen Trau­er­wei­den, aber lasst mir kei­nen ein­zi­gen von ihnen auf die Bühne.

Quelle: Denis Dide­rot, Para­dox über den Schau­spie­ler, Über­set­zung von Felix Rell­stab

Es geht um zwei Extreme des Schau­spiels, Emp­find­sam­keit und kal­tes Beob­ach­tuns­ver­mö­gen, letz­te­res wünscht sich Dide­rot mehr. Aber eigent­lich ist das nicht das wirk­lich Span­nende an die­sem Text. Span­nend ist viel­mehr, dass das Thea­ter damals ein Leit­me­dium war. Ähnlich wie heute die Kon­tro­verse über Fern­se­hen und Video­spiele tobt, denen man Ver­dum­mung oder Stei­ge­rung der Gewalt­be­reit­schaft vor­wirft, dis­ku­tierte man damals ganz ähnli­che Fra­gen in Bezug auf das Thea­ter. Heute ist Thea­ter ein Rand­me­dium, die gro­ßen Gefühle fin­den im Kino statt. Anstatt sich daran zu mes­sen, gehen viele Thea­ter­ma­cher neue Wege, sie lösen sich von den Kon­ven­tio­nen des Dra­mas (Post­dra­ma­tik). Ent­spre­chend ist der Text trotz sei­ner Zeit­lo­sig­keit schwie­rig zu bewer­ten. Für Schau­spie­ler bringt er wenig, da nur über Schau­spie­ler an sich dis­ku­tiert wird, ohne eine Tech­nik vor­zu­schla­gen. Das kam erst spä­ter mit Sta­nis­law­ski und Stras­berg. Und so glitt die Dis­kus­sion immer wie­der in die Gefilde der kon­kre­ten Erfah­run­gen ab, Bondy und Schaub plau­der­ten aus dem Näh­käst­chen, und das war gut so.

Und sie lie­ßen auch kei­nen Zwei­fel daran auf­kom­men, dass sie auch nicht genau wüss­ten, wie gute Schau­spie­ler arbei­ten. Letzt­lich müsse man das als Regis­seur nicht ver­ste­hen. Es ist eine zu kom­plexe, zu indi­vi­du­elle Kunst, als dass man dar­über all­ge­mein­gül­tige Aus­sa­gen tref­fen kann. Und das Glei­che gilt für die Regie. Jeder Regis­seur tickt anders, kör­per­be­tont, kopf­be­tont, thea­ter­päd­ago­gisch – am Ende ent­steht ein Pro­zess mit einem mehr oder weni­ger guten Resul­tat, das man selbst eigent­lich gar nicht gut beur­tei­len kann.

Alles in allem ein schö­ner Abend, den ich mit eini­gen Thea­ter­freun­den sehr genoss.

Was bedeu­tet es eigent­lich, Regis­seur zu sein? Es ist einer mei­ner Träume und ich lese viel dar­über der­zeit. Und so lang­sam kris­tal­li­siert sich her­aus, was sich eigent­lich dahin­ter ver­birgt. Wenn man ein­zig die prak­ti­sche, unmit­tel­bare Seite sieht, tut man als Regis­seur folgendes:

Einen rät­sel­haf­ten Beruf hat der Regis­seur: Er zieht viele Wochen in leid­lich geheizte, große und meis­tens etwas her­un­ter­ge­kom­mene Räume und treibt eine Schar unter­schied­lichs­ter, zum Teil diven­haf­ter, zum Teil lie­bens­wer­ter Men­schen zu bestimm­ten Lebens­ent­äu­ße­run­gen. Er sagt ihnen, wie sie Sätze zu beto­nen haben, er stellt sie in aus­ge­dachte räum­li­che Anord­nun­gen, er gibt ihnen Anwei­sun­gen, wann sie sich bewe­gen dür­fen und wann nicht. Er sagt ihnen, wass sie spre­chen sol­len und was für ein Gesicht sie dabei zu machen haben. Er schreibt ihnen vor, was für Klei­dung sie tra­gen und wie sie sich auf einen Stuhl set­zen sol­len. Er lässt ihnen mit hel­len Lam­pen ins Gesicht strah­len, und trotz­dem sol­len sie nicht mit den Augen blin­zeln. Er stra­pa­ziert ihre Stim­men, redet von undeut­li­cher Aus­spra­che und dass der Text auch gemeint wer­den muss und nicht nur auf­ge­sagt wer­den darf. Er kri­ti­siert die Schau­spie­ler, dass sie zu sehr schau­spie­lern und ihre Texte zu sehr nach Thea­ter klin­gen. Er ver­langt, dass nicht gespielt wer­den soll und statt­des­sen nor­mal gespro­chen wird. Er sagt, dass sie nicht genug spie­len und die Texte nicht klin­gen. Er setzt ihnen Mas­ken auf, und nun sol­len die Kör­per das aus­drü­cken, was zuvor das Geischt konnte. Er zieht alle aus und andere wie­der in Kos­tüme, die noch in der Kan­tine ziem­li­ches Auf­se­hen erre­gen. Er erklärt, was der Text eigent­lich meint, und er ver­bie­tet, dass die Bedeu­tung mit­ge­spielt wird.

Bernd Ste­ge­mann, Regie als Beruf

Sitz­brett, das die Welt bedeutet

Es ist eine sehr kom­plette Beschrei­bung, die ziem­lich genau die Band­breite von Regie­an­wei­sun­gen wider­gibt. Es geht immer um ein Hin– und Her­pen­deln zwi­schen den wider­sprüch­li­chen schau­spie­le­ri­schen For­de­run­gen nach Aus­drucks­kraft und Nach­ah­mung. Als Regis­seur sollte man im Ide­al­fall wis­sen, warum man mehr oder weni­ger Aus­drucks­kraft braucht. Und damit beginnt eine Reise in die Geschichte der Dra­ma­tur­gie, die­ser sich stän­dig wan­deln­den Lehre der Beschaf­fen­heit von Stü­cken. Je nach Epo­che stand mal die Aus­drucks­kraft im Mit­tel­punkt, mal die ein­fühl­same Nachahmung.

Durch mei­nen thea­tra­li­schen Wer­de­gang bin ich eher auf der Seite des Natu­ra­lis­mus gelan­det, einige an Sta­nis­law­ski und Stras­berg ori­en­tierte Kurse haben mich sehr stark geprägt. Aber Natu­ra­lis­mus ist nicht alles, gerade in letz­ter Zeit habe ich meh­rere Insze­nie­run­gen gese­hen, die neben star­ken natu­ra­lis­ti­schen Sze­nen auch humor­volle Unter­bre­chun­gen der Büh­nen­il­lu­sion ein­setz­ten. Der gekonnte und lust­volle Wech­sel zwi­schen Fik­tion und der Rea­li­tät des Thea­ter­ma­chens hat mich beein­druckt und ist auch mitt­ler­weile der Stan­dard im Reper­toire heu­ti­gen Bühnenschaffens.

Wie­ner Hof­thea­ter, Mekka für Regisseure

Es ist eine große Welt, die sich da auf­tut, mehr als 2000 Jahre Thea­ter­ge­schichte. Und als Regis­seur kennt man die wich­tigs­ten Strö­mun­gen, um dann im Ide­al­fall doch einen eige­nen Stil zu fin­den, den ich mir als spie­le­ri­sche Kom­bi­na­tion des Beste­hen­den vorstelle.

Regie — Bernd Ste­ge­mann (Her­aus­ge­ber), Nicole Grö­ne­meyer (Herausgeber)

Auf zu neuen Her­aus­for­de­run­gen – ich werde Regie füh­ren. Um nicht völ­lig ahnungs­los vor erwar­tungs­vol­len Schau­spie­lern zu ste­hen, werde ich mich auto­di­dak­tisch vor­be­rei­ten. Meine Lese­liste umfasst momentan

  • Die Odys­see des Dreh­buch­schrei­bers (Chris­to­pher Vogler)
  • Dra­ma­ti­sches Schrei­ben (Lajos Egri)
  • Lek­tio­nen 1: Dra­ma­tur­gie (Bernd Stegemann)
  • Lek­tio­nen 2: Regie (Nicole Grö­ne­meyer, Bernd Stegemann)

Für wei­tere Lite­ra­tu­r­emp­feh­lun­gen bin ich offen.

Span­nend ist für mich die Frage nach dem Gan­zen, nach dem roten Faden für eine Szene und auch für ein gan­zes Stück. Als Schau­spie­ler erlebe ich den Moment mit sei­ner Bedeu­tung und Span­nung, als Regis­seur muss ich in grö­ße­ren Ein­hei­ten den­ken. Ein schö­ner Ver­gleich ist der mit einem Orches­ter, wo die Instru­men­ta­lis­ten jeweils ihre Noten vor sich haben. Sie haben sie ver­mut­lich vor­her schon geübt, beherr­schen ihre Stimme. Doch erst im Zusam­men­spiel mit allen ande­ren Musi­kern ent­steht das Ganze. Genau wie beim Thea­ter ist es eine Inter­pre­ta­tion eines beste­hen­den Stof­fes. Und jeder Diri­gent wird aus den haar­ge­nau glei­chen Noten etwas ande­res ent­ste­hen las­sen. Je nach den klang­li­chen Fähig­kei­ten, der Tra­di­tion sei­nes Hau­ses und sei­ner per­sön­li­chen Vision.

Eine wei­tere Ana­lo­gie ist Pro­gram­mie­ren – die Nicht­tech­ni­ker unter euch wer­den mich ver­dam­men. Das Den­ken auf ver­schie­de­nen Abs­trak­ti­ons­ebe­nen ist die große Her­aus­for­de­rung des Pro­gram­mie­rers. Ein Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gramm arbei­tet mit ein­zel­nen Pixeln, kann aber auch Bild­be­rei­che, ganze Bil­der oder Samm­lun­gen von Bil­dern ver­än­dern. Auf jeder Ebene muss ein abge­schlos­se­nes Gan­zes ent­ste­hen, damit die über­ge­ord­nete Ebene eben­falls funk­tio­niert. Anders als beim Orches­ter gibt es kein vor­ge­ge­be­nes Werk, son­dern ledig­lich eine über­ge­ord­nete Auf­gabe mit teil­weise wider­sprüch­li­chen Anfor­de­run­gen. Und am Ende wird das Ergeb­nis sogar nach ästhe­ti­schen Gesichts­punk­ten beur­teilt, der Nut­zer sieht ja nicht die tau­send Funk­ti­ons­auf­rufe son­dern nur das Ergeb­nis als gra­fisch auf­be­rei­te­tes Etwas.

Ich werde mich auf eine span­nende Reise bege­ben, mich durch den Dschun­gel des Beste­hen­den kämp­fen, Ver­bün­dete, Rat­ge­ber, Zweif­ler tref­fen, um dann schließ­lich die­sen Moment der Pre­miere zu erle­ben, zufrie­den lächelnd oder kurz vor einem Nervenzusammenbruch.