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Tag: Rezension

Wie kurz­wei­lig und inter­es­sant die Beschäf­ti­gung mit phi­lo­so­phi­schen The­men sein kann, zeigt Richard David Precht in sei­nem Buch „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?” Schon die Wahl der Über­schrift zeigt seine unor­tho­doxe Her­an­ge­hens­weise an Phi­lo­so­phie, die sich dann auch durch das gesamte Buch zieht. Denn anstatt von den wich­ti­gen Phi­lo­so­phen aus­zu­ge­hen und deren Werke zusam­men­zu­fas­sen, steht für ihn stets eine kon­krete Frage im Mit­tel­punkt eines Kapi­tels, wel­che er gekonnt mit einem Phi­lo­so­phen und sei­nem Wir­kungs­ort verknüpft.

Ein Bei­spiel ist „Darf man Men­schen töten?”, was ihn nach Lon­don führt und damit zum Haupt­ver­tre­ter des Uti­li­ta­ris­mus, Jeremy Bent­ham. Und um es vor­weg­zu­neh­men — das Töten von Men­schen ist nicht gestat­tet. Zwar bie­tet der Utli­ta­ris­mus eine Begrün­dung an, indem er Nütz­lich­keit als allei­ni­gen Maß­stab für das Tun defi­niert. Somit könnte das Töten eines bösen Men­schen, der viel Leid ver­ur­sacht, legi­ti­miert wer­den. Aber die Kon­se­quenz wäre eine Gesell­schaft, in der jeder nach eige­nem Abwä­gen der Nütz­lich­keit einen ande­ren umbrin­gen könnte. Und das wollte Bent­ham dann doch nicht ver­ant­wor­ten und klam­merte das Töten von Men­schen expli­zit aus.

In allen Kapi­teln ver­mit­telt er in sei­ner humor­vol­len Art einen anek­do­ti­schen Ein­blick in das Leben des Phi­lo­so­phen oder Wis­sen­schaft­lers, um schließ­lich zur Aus­gangs­frage zurück­zu­keh­ren und diese zu dis­ku­tie­ren. Dabei ver­ein­facht er bewusst die kom­plexe The­ma­tik, um eine klare Ant­wort auf die Kapi­tel­frage zu fin­den. Auf jeden Fall erschie­nen mir die Gigan­ten der Geis­tes­welt jetzt in einem sehr mensch­li­chen Licht und ich sehe die Unzu­läng­lich­kei­ten ihrer Werke klarer.

Einen Aus­schnitt habe ich für euch gele­sen und stelle ihn als Pod­cast zur Ver­fü­gung. Es geht um die berühm­ten Worte „Ich denke, also bin ich” von René Des­car­tes.

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/20090827.mp3[/podcast]

Ins­ge­samt kann ich die­ses Buch abso­lut emp­feh­len, es gefällt mir deut­lich bes­ser als Sofies Welt, was eine ähnli­che Ziel­stel­lung besitzt. Und außer­dem gibt es etli­che Bezüge zu aktu­el­len For­schungs­the­men, ins­be­son­dere zur Hirn­for­schung, die mich sehr ange­spro­chen haben.

Wir, also die stu­den­ti­sche Thea­ter­gruppe aki­tiv, suchen zur Zeit nach einem Stück und einem Regis­seur für die nächste Pro­duk­tion. Das Stop­pard–Stück haben wir als einen von drei Kan­di­da­ten angelesen.

Inhalt

Das Stück spielt auf zwei Zeit­ebe­nen. Am Beginn des 19. Jahr­hun­derts erle­ben wir auf einem eng­li­schen Land­sitz eine amo­röse Affäre. Die Frau des anschei­nend völ­lig unbe­gab­ten Schrift­stel­lers Ezra Cha­ter wurde mit dem Haus­leh­rer Sep­ti­mus Hodge in „fleisch­li­cher Umar­mung” im Park beob­ach­tet. Der gehörnte Gatte for­dert Hodge zum Duell, jedoch kann sich die­ser geschickt aus der Affäre zie­hen. Es gibt zahl­rei­che Dia­loge zwi­schen Hodge und sei­ner früh­rei­fen Schü­le­rin Tho­ma­sina zu wis­sen­schaft­li­chen The­men, Fer­mats letz­ter Satz, Ther­mo­dy­na­mik, Frak­tale Geo­me­trie und viele wei­tere The­men fin­den Erwäh­nung. Spä­ter wird auch Lord Byron erwähnt, der kurz zu Besuch weilt.

In der Jetzt­zeit pral­len die Schrift­stel­le­rin Han­nah Jar­vis und der ambi­tio­nierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ber­nard Nightingale auf­ein­an­der. Beide for­schen im glei­chen Land­haus, wo die andere Zeit­ebene spielt. Wäh­rend Jar­vis sich mit dem Park und einer dar­auf befind­li­chen Ere­mi­tage beschäf­tigt, möchte Nightingale unbe­dingt nach­wei­sen, dass Lord Byron im Duell Ezra Cha­ter getö­tet hat. Damit wäre ein Rät­sel in der Bio­gra­fie Byrons gelöst, näm­lich seine plötz­li­che Abreise aus Eng­land im Jahr 1809.

Ein­druck

Das Stück ent­hält extrem viele fein­sin­nige, humor­volle Anspie­lun­gen und war schon beim Lesen recht lus­tig. Der häu­fige Wech­sel zwi­schen den Zeit­ebe­nen und die damit ver­bun­dene Frage nach der Inter­pre­ta­tion his­to­ri­scher Quel­len sind kurz­wei­lig und unter­halt­sam. Jedoch sind von den Zuschau­ern eine rasche Auf­fas­sungs­gabe und hohe All­ge­mein­bil­dung gefor­dert, um spe­zi­ell den wis­sen­schaft­li­chen Gesprä­chen fol­gen zu kön­nen. Hier hätte ich gewisse Beden­ken, ob sich dadurch wirk­lich alle unsere Zuschauer ange­spro­chen füh­len, die sich vor allem aus Ver­wand­ten und Bekann­ten zusam­men set­zen und nicht so oft ins Thea­ter gehen.

Ein paar Gedan­ken zum Buch, inspi­riert durch die Kri­tik im Deutsch­land­funk, durch eine Sen­dung im DLF wurde ich auch auf das Werk aufmerksam.

Die erste Frage wäre die nach Assi­zia­tio­nen zum Titel, Kali. Kalium-​​Salz ist eine Mischung ver­schie­de­ner kali­um­hal­ti­ger Salz­ver­bin­dun­gen, Haupt­ver­ar­bei­tung erfolgt zu Dün­ger. In der Geschichte ist der weiße Salz­berg das Ziel der Reise der Prot­ago­nis­tin, sym­bol­haft steht das Salz für Reich­tum (Arbeits­plätze, Geruch­lo­sig­keit) und Zer­stö­rung (Gemälde in der Kir­che lei­den, gerö­tete Augen) zugleich. Die hin­du­is­ti­sche „schwarze” Göt­tin Kali von Tod und Zer­stö­rung zielt eher auf die weib­li­che Haupt­fi­gur ab. Sän­ge­rin und Ver­füh­re­rin der Mas­sen, bringt sie Tod all denen, die sich mit ihr ein­las­sen. Aber Kali ist auch eine phil­ip­pi­ni­sche Kampf­sport­art, bei wel­cher die Abwehr von Angrif­fen mit Stock und Mes­ser im Vor­der­grund steht. Die­ses Motiv wird durch den Vor­win­ter­wind im Buch auf­ge­grif­fen, wel­cher die töd­li­che Gefahr abwen­det. Schon der Titel ist viel­deu­tig, und die­ses Vage, Unbe­stimmte zieht sich durchs ganze Buch.

Eine Schlüs­sel­stelle ist die, wo eine Pfar­re­rin gegen die Gleich­gül­tig­keit wet­tert, mit der heute Böses geschieht. Die Stelle ist des­halb wich­tig, weil da viel von Handke selbst mit­schwingt, dem ent­täusch­ten 68er. Von die­ser Resi­gna­tion ist ein gro­ßer Teil des Buches betrof­fen, unaus­weich­lich nähert sich die Prot­ago­nis­tin dem wei­ßen Salz­berg und damit ihrem Tod. Denn so hat sie es ein­mal aus­ge­spro­chen, also muss es auch so gesche­hen. Doch es kommt anders, die Ret­tung vor die­sem tris­ten Ende weht in Form des Vor­win­ter­win­des heran, der vom Salz­herrn gehört und ver­stan­den wird. Dem­ent­spre­chend ist das Ende des Buches dann hoff­nungs­voll, die Welt wird geret­tet, das ver­misste Kind von der Frau gefun­den, ein Fest gefei­ert mit allem, was dazu gehört.

Unlängst habe ich mich ein wenig mit Jean-​​Paul Sartre beschäf­tigt. Anstöße erhielt ich auf einem Rhetorik-​​Seminar der Friedrich-​​Ebert-​​Stiftung in Bonn. Ein Phy­si­ker aus Ber­lin stellte in einer sei­ner Reden das Kon­zept des Exis­ten­zia­lis­mus (Wikipedia-​​Eintrag) kurz vor, als des­sen bekann­tes­ter Ver­tre­ter Sartre gilt. Auch mein lang­jäh­ri­ger Mit­be­woh­ner Mat­thias hat mir spe­zi­ell die­ses Buch empfohlen.

Das Buch besteht aus einer fil­mar­tig erzähl­ten Hand­lung. Jeder Abschnitt ist mit sei­nem Ort über­schrie­ben, oft gibt es schnelle Hin– und Her­schnitte zwi­schen zwei Orten. Es geht um den Arbei­ter und Revo­lu­tio­när Pierre und Eve, die unglück­lich ver­hei­ra­tete Frau aus höhe­ren Krei­sen. Beide ster­ben, Pierre durch einen Ver­rä­ter, Eve wird von ihrem Mann ver­gif­tet. Das Jen­seits wird nun so beschrie­ben, dass die Toten unsicht­bar unter den Leben­den wan­deln und sich gegen­sei­tig wahr­neh­men kön­nen. Pierre und Eve tref­fen sich und ver­lie­ben sich inein­an­der. Sie erhal­ten eine zweite Chance auf­grund eines Aus­nah­me­pa­ra­gra­fen, da sie eigent­lich für­ein­an­der bestimmt gewe­sen waren. Sie haben 24 Stun­den Zeit und sol­len sich nur ehr­lich lie­ben. Aber beide wol­len bestimmte Dinge regeln, Pierre hat vom Ver­rat des für den nächs­ten Tag anbe­raum­ten Auf­stan­des erfah­ren, Eve möchte ver­hin­dern, dass sich ihr Mann an ihre junge Schwes­ter her­an­macht. Auch der Klas­sen­un­ter­schied ver­ur­sacht Zwis­tig­kei­ten. Am Ende kön­nen beide doch nicht aus ihrer Haut und ver­pas­sen die Chance.

Das Stück ist im Grunde kein rein exis­ten­zia­lis­ti­sches. Viel­mehr ist es dem Deter­mi­nis­mus ver­haf­tet, da die Figu­ren doch nicht über ihre Gren­zen gehen kön­nen und sich so die Ereig­nisse wie­der­ho­len. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, gegen den erklär­ten Wil­len der Haupt­fi­gu­ren. Auf jeden Fall ein loh­nens­wer­tes Stück, das durch die unmit­tel­bare Hand­lung gut zu ver­ste­hen ist. Schwie­ri­ger fällt mir die genauere Interpretation.

Bar­fuß lau­fen — wie fühlt sich das an? Man ist so unge­schützt, spürt so genau jeden klei­nen Stein. Die Füße wer­den schnell schmut­zig, die Tem­pe­ra­tur des Bodens spürt man deut­lich. Es ist ein ande­res Gehen, ein lang­sa­me­res, bedächtigeres.

Der Film erzählt von einer psy­chisch kran­ken Frau (Leila), die sich das Leben neh­men möchte und von Nick (gespielt von Til Schwei­ger) geret­tet wird. Fortan läuft sie ihm nach und wei­gert sich strikt, zurück ins Heim gebracht zu wer­den. Nick ist ein Hoch­stap­ler, der von einem Job zum nächs­ten drif­tet, ohne irgendwo lange Zeit zu blei­ben. Er ist halt­los und ver­ant­wor­tungs­los. Die Story ist dann abseh­bar, sie hel­fen sich gegen­sei­tig, geben sich Halt.

Schön fand ich die vie­len klei­nen Sze­nen, die immer wie­der das Schöne am Leben beton­ten, an klei­nen Din­gen. Und die Far­ben, die sehr gedeckt waren. Wie in einem Traum, etwas unwirk­lich. Ein schö­ner Film, den ich sehr emp­feh­len kann.