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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: rudern

Es gibt diese Momente, in denen ich beim Anblick eines Gemäl­des, beim Lesen eines Buches oder beim Erle­ben einer Tanz­vor­füh­rung die Genia­li­tät des Künst­lers spüre. Es ist schwer zu sagen, was es genau ist, etwas reso­niert in mir, trifft einen Nerv. Der rus­si­sche Schau­spie­ler und Regis­seur Michael Tsche­chow brachte diese Qua­li­tä­ten in sei­nem Buch „Die Kunst des Schau­spie­lers” auf den Punkt, für ihn sind es Leich­tig­keit, Form, Ganz­heit­lich­keit und Schön­heit. Ich möchte diese Auf­zäh­lung gern kom­men­tie­ren, auch in Bezug auf meine eige­nen Theatererfahrungen.

Leich­tig­keit

Leicht erkennt man den Klet­ter­profi in der Halle, schein­bar ent­spannt hängt er da am Über­hang und über­legt, wie es wei­ter geht. Dann ein paar wohl­do­sierte Bewe­gun­gen und die schwie­rige Stelle ist über­wun­den, die nächste Ruhe­po­si­tion erreicht. Für mich hat Klet­tern — wie jede Bewe­gung — etwas mit Kunst zu tun. Und gerade Klet­tern ist ein Sym­bol für das mensch­li­che Stre­ben nach Höhe­rem, in die­sem Fall nach dem Umlenk­ka­ra­bi­ner unter dem Dach der Klet­ter­halle. Leich­tig­keit braucht man an der Wand, sonst hängt man an den Grif­fen wie ein schwe­rer Sack und kommt nicht weit. Ele­ganz erscheint mir wie ein ande­res Wort für das glei­che Phä­no­men, auch Effi­zi­enz kommt mir in den Sinn. Auf jeden Fall spannt man genau die Mus­keln an, die für die Auf­gabe gebraucht wer­den und nutzt die phy­si­ka­li­schen Gege­ben­hei­ten (Dyna­mik) best­mög­lich aus. Wobei Leich­tig­keit nicht Kraft­lo­sig­keit bedeu­tet, es wirkt nur nach außen leicht. Wenn man die­sen Bereich ver­lässt und einen zu schwe­ren Weg klet­tert, ver­krampft man, klam­mert sich fest, bewegt sich eckig und mit wesent­lich mehr Auf­wand als notwendig.

Beim Thea­ter ist diese Leich­tig­keit genau so wich­tig. Statt der bestän­dig nach unten zie­hen­den Schwer­kraft beim Klet­tern ist es die beson­dere Anspan­nung durch die Büh­nen­si­tua­tion, die dem leich­ten Spiel ent­ge­gen wirkt. Man ver­krampft, weni­ger mit den Armen und Bei­nen als viel­mehr in sei­nen Bewe­gun­gen und vor allem in der Mimik. In die­sem Zustand ist man auch nicht mehr so wirk­lich emp­fäng­lich für die Mit­spie­len­den und kann sich das See­len­le­ben der ver­kör­per­ten Figur nur noch schlecht vorstellen.

Um die­sen Effekt zu zei­gen, gibt es eine sehr ein­drucks­volle Übung, die auf Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski zurück geht. Man soll einen schwe­ren Gegen­stand anhe­ben oder zie­hen und sich dabei an das letzte Mit­tag­es­sen erin­nern oder sich das Innere einer Kir­che vor­stel­len. Es geht schlich­weg nicht, in die­sem Zustand der Ver­kramp­fung kriegt man das nicht hin. Man braucht auf der Bühne wie an der Klet­ter­wand eine ent­spannte Angespanntheit.

Form

Wenn ich rudere, ver­su­che ich mir immer die Bewe­gung des Ruder­blat­tes vor­zu­stel­len. Die Phy­sik gibt eine ideale Form vor. Das Ruder­blatt soll im Was­ser einen mög­lichst wei­ten Weg zurück legen, ande­rer­seits möchte ich beim Zurück­rol­len lang­sam und ruhig sein, um die Gleit­phase aus­zu­nüt­zen. In die­sem Fall ist die Form durch Bewe­gungs­ef­fi­zi­enz bestimmt.

Beim Thea­ter herrscht da grö­ßere Frei­heit, der Kör­per des Schau­spie­lers ist eine ver­än­der­li­che Form. Umso schwie­ri­ger ist es des­halb, gute von schlech­ten (Bewegungs-)Formen zu unter­schei­den. Idea­ler­weise soll­ten Schau­spie­ler einen geschmei­di­gen, schö­nen Gang haben und ihre Bewe­gun­gen soll­ten schön anzu­schauen sein. Im Grunde muss man par­al­lel zum Thea­ter noch Yoga, Bal­lett oder sowas machen, um geschmei­dig und fit zu bleiben.

Ich habe wohl eine sehr kon­trol­lierte Art mich zu bewe­gen, das kommt vom Wan­dern im unweg­sa­men Gelände, vom Vol­ley­ball und von mei­ner Ana­to­mie. Des­halb fällt es mir schwer, auf der Bühne locker zu gehen. Es wird wahr­schein­lich Zeit mei­nes Lebens eine Her­aus­for­de­rung für mich bleiben.

Gesamt­heit

Beim Foto­gra­fie­ren brau­che ich einen Sinn für das ganze Bild. Es ist für mich wie ein Puz­zle mit einer Anzahl drei­di­men­sio­na­ler Objekte, wel­che auf dem Foto in einen zwei­di­men­sio­na­len Zusam­men­hang gebracht wer­den. Was ist eine gute Kom­po­si­tion? Ich denke, dass die Fotos am bes­ten sind, die eine kleine Geschichte erzäh­len, wel­che durch die Kom­po­si­tion ange­deu­tet wird.

Ein Thea­ter­stück ist nun weni­ger durch räum­li­che als viel­mehr durch zeit­li­che Aus­deh­nung defi­niert. Cha­rak­tere wer­den ein­ge­führt, erle­ben Dinge und ver­las­sen ver­än­dert die Bühne. Als Schau­spie­ler ent­steht die Rolle als Gan­zes nur dann, wenn man den Bogen zwi­schen Beginn und Schluss schla­gen kann. Damit gewinnt das Kunst­werk der eige­nen Rolle. Im Zusam­men­hang des gan­zen Stü­ckes ent­steht natür­lich eine andere Ebene der Gesamtheit.

Schön­heit

Wahre Schön­heit kommt von innen, eine rein äußer­li­che Schön­heit ver­kommt zur Attrak­ti­vi­tät. Gerade in Zürich lau­fen sehr viele äußer­lich schöne Men­schen herum, die viel Zeit und Geld in Klei­dung und Make-​​Up inves­tie­ren. Aber ihre Bewe­gun­gen sind unge­lenk und ihre Spra­che ebenso. Sie sind nicht wirk­lich schön, son­dern eben nur nett anzuschauen.

Als Schau­spie­ler ist es wich­tig, einen Sinn für innere Schön­heit zu ent­wi­ckeln. Durch die Büh­nen­si­tua­tion kommt jeder Bewe­gung und jedem Satz eine beson­dere Bedeu­tung zu, man ist zu schö­nen Bewe­gun­gen und zu schö­ner Spra­che ver­pflich­tet. Auch bei der Dar­stel­lung von absto­ßen­den Cha­rak­te­ren ist das der Fall, wenn das Motiv zwar mit Schön­heit wenig gemein hat, die Dar­stel­lung hin­ge­gen schon.

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/2009–10-06.mp3[/podcast]

Im Jubi­lä­ums­jahr des See­club Küs­nacht wurde auch das Anru­dern, also die all­jähr­li­che Eröff­nung der Ruder­sai­son, im etwas grö­ße­ren Stil abge­hal­ten. Sämt­li­che Boote des Clubs soll­ten auf dem Was­ser sein, mit einem Groß­teil der akti­ven Ruderer.

Aus der Vision wurde heute Rea­li­tät. Die Orga­ni­sa­to­ren hat­ten das Was­sern der Boote im Fünf-​​Minuten-​​Takt vor­aus­ge­plant, mein Vierer-​​Riemen mit Steu­er­mann (4+) mit dem dyna­mi­schen Namen „Molch” ging um 7:50 ins Was­ser. Ers­ter Höhe­punkt des Tages war die Weihe der neuen Fahne durch den loka­len Pries­ter. Mit einem deut­lich moder­ne­ren Design mit den Club­far­ben Rot-​​Weiß flat­tert sie fortan am Küs­nach­ter Ponton.

Die Aus­fahrt ging dann erst in Rich­tung Herr­li­berg, anschlie­ßend bis zum Züri-​​Horn. Ins­ge­samt an die 18 km, und das mit Rie­men. Damit habe ich in die­sem Jahr die 100er Marke gesprengt und schon jetzt mehr Kilo­me­ter zurück­ge­legt als im gan­zen letz­ten Jahr.

Heute Mor­gen waren wir mal wie­der in Renn­boo­ten auf dem Züri­see unter­wegs. Vor einem Jahr hätte ich diese Idee sicher noch total abwe­gig gefun­den, aber mitt­ler­weile habe ich mich an das zei­tige Auf­ste­hen gewöhnt und Freude am Rudern. Hier noch das Pro­to­koll mei­ner Aus­fahr­ten die­sen Win­ter, nach­dem der Kurs nun­mehr abge­schlos­sen ist.

Datum Stre­cke Boot Typ Mitru­de­rer
14.11.08 6 km ? ? ?
28.11.08 6 km ? ? ?
19.12.08 7 km Trott­baum 8+ Roland, Jenny, Domi­nik, Olaf, Georg, Alex, Franta
30.01.09 2 km Nep­tun 3x Roland, Franta
06.02.09 5 km Schub 4x Olaf, Heike, John
13.02.09 4 km Lorenzo 2x John

Ins­ge­samt bin ich jetzt bei 120 km.

Heute beginnt die Stu­die mit Wett­be­wer­bern in unse­rem Ruder­si­mu­la­tor. Bis zum Jah­res­ende wer­den zehn Pro­ban­din­nen und Pro­ban­den gegen die vir­tu­el­len Geg­ner antre­ten. Wir wol­len her­aus­fin­den, ob man in Stress­si­tua­tio­nen sein Ver­hal­ten ändert.

Nach­trag: Die bei­den ers­ten Pro­fis brach­ten das Sys­tem an seine Gren­zen, die maxi­mal zuläs­sige Geschwin­dig­keit wurde über­schrit­ten. Des­halb ver­bes­sern wir noch ein paar Details, damit das Ganze dann funktioniert.

Es war der per­fekte Urlaub. Tol­les Wet­ter, tolle Gruppe, tol­ler Guide, toll. Ein­zig die Mücken, wel­che jeden Abend nach Son­nen­un­ter­gang in gro­ßen Schwär­men über uns her­fie­len, ste­hen auf der Nega­tiv­seite. Aber so schlimm waren die auch nicht. Ich bin jeden­falls zurück in der Schweiz und gleich mal über das reg­ne­ri­sche Wet­ter empört, das hatte es in Finn­land so nicht gege­ben. Und noch dazu am Schwei­zer Natio­nal­fei­er­tag. Aber genug von der tris­ten Gegen­wart, mit Hilfe der vie­len Finnland-​​Fotos schwelge ich lie­ber noch ein wenig in der unmit­tel­ba­ren Vergangenheit.