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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Russland

Ges­tern lasen wir ein wei­te­res Meis­ter­werk mit ver­teil­ten Rol­len – Onkel Wanja von Anton Tsche­chow. Das Stück ent­stand 1901 und ich finde es extrem fas­zi­nie­rend, wie aktu­ell es heute noch ist. Die Ankunft des Pro­fes­sors mit sei­ner jun­gen hüb­schen Frau auf einem Land­sitz bringt das Leben dort durch­ein­an­der, Kon­flikte bre­chen auf und uner­füllte Sehn­süchte kom­men zum Vorschein.

Der cha­ris­ma­ti­sche, aber des­il­lu­sio­nierte Arzt Astrow ist ein Grü­ner durch und durch, leicht könnte man sich ihn bei einer Anti-​​AKW-​​Demo vorstellen.

Astrow
… Aber wozu die Wäl­der zer­stö­ren? Die rus­si­schen Wäl­der kom­men alle­samt unter die Axt, Mil­li­ar­den von Bäu­men ster­ben, Tiere und Vögel ver­lie­ren ihr Zuhause, Flüsse trock­nen aus, die schöns­ten Land­schaf­ten wer­den ver­nich­tet. Und warum? Weil der Mensch zu faul ist, um sich zu bücken und den Heiz­stoff vom Boden aufzuheben.

Auch die ande­ren Cha­rak­tere sind span­nend. Der splee­nige alte Pro­fes­sor Alex­an­der Sere­brjaków, der ver­drieß­li­che, miss­lau­nige Iwán Petrówitsch Wojníz­kij, die gute Sonja, die lang­wei­lige aber bild­hüb­sche Jeléna Andréje­wna – sie alle sehe ich ver­kör­pert von den Leu­ten ges­tern, mit Leben erfüllt. Sehr gern würde ich die­ses Stück mal auf der Bühne sehen und noch lie­ber würde ich es auf die Bühne brin­gen wollen.

Die Fan­zone in Zürich befin­det sich direkt am Bel­le­vue und damit in der Nähe des Sees. Man kommt nicht ein­fach so hin­ein, Sicher­heits­leute über­prü­fen, ob man einen der ver­bo­te­nen Gegen­stände bei sich hat. Mit mei­nem Ruck­sack habe ich gemischte Erfah­run­gen gemacht, manch­mal durfte ich ihn mit rein­neh­men, manch­mal nicht. Aber im Wesent­li­chen geht es um die kom­mer­zi­el­len Inter­es­sen der Stand­be­trei­ber, die ihr Bier für 6 CHF (4 EUR) an die durs­ti­gen und eupho­ri­sier­ten Fans ver­kau­fen. Des­halb muss man selbst Lei­tungs­was­ser in bereit­ste­hende Plas­tik­be­cher umfül­len, was nur bis zu einer gewis­sen Menge Sinn geht. Am bes­ten, man hat nur sein prall gefüll­tes Porte­mon­naie und Handy dabei, mehr braucht man nicht.

Alles orange – genau so wie in Basel, wo das Spiel aus­ge­tra­gen wird. Nur wenige rus­si­sche Fans haben den Weg in die Zür­cher Fan­meile gefun­den. Und die weiße Farbe sticht auch nicht so her­vor bei die­sem grel­len Orange. Und auch ich trage Orange heute, ich hatte ein oder zwei Vor­run­den­spiele der Nie­der­län­der gese­hen und war – wie eigent­lich alle – ein gro­ßer Fan ihres schnel­len und schö­nen Spiels. Hat­ten sie doch die Fina­lis­ten der letz­ten Welt­meis­ter­schaft, Ita­lien und Frank­reich, gran­dios besiegt. Es schien also klar, gegen die bis­lang eher farb­lo­sen Rus­sen wür­den es die oran­gen Jungs schon schaffen.

Aber dann die Ent­täu­schung, es ist ein lah­mes Spiel und die Rus­sen sind ein­fach bes­ser. Nicht genial bes­ser, aber sie haben deut­lich mehr Chan­cen. Und dafür steht man zwei oder drei Stun­den rum, lässt sich von Ziga­ret­ten­rauch umhül­len und kriegt beim hol­län­di­schen Aus­gleichs­tref­fer auch noch Bier über Kopf und T-​​Shirt geschüt­tet. Hin­ter uns ste­hen ein paar laut­starke Deut­sche, die dem Anse­hen mei­nes Vater­lan­des in der Schweiz nicht gerade gut tun, platt und laut kra­kee­len sie herum. Aber ich will es nicht schlecht­re­den, es war schön in die­ser deutsch-​​schweizer Gruppe.