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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Shakespeare

Am Don­ners­tag lasen wir in erle­se­ner Runde einen wei­te­ren Klas­si­ker – Mac­beth von Wil­liam Shake­speare. In die­sem Arti­kel möchte ich gern meine Ein­drü­cke fest­hal­ten. Wir ent­schie­den uns für die Über­set­zung von Frank Gün­ther, wel­che eher treu als schön ist. Schil­ler ver­suchte sich auch daran und legte mehr Wert auf schöne Sprache.

Im Gegen­satz zu ande­ren Shakespeare-​​Werken gibt es bei Mac­beth nur wenige Zitate, die außer­halb des Wer­kes bekannt sind. Am ehes­ten viel­leicht noch der Mono­log des ver­ein­sam­ten, lebens­mü­den Tyran­nen, der teil­nahms­los vom Tod sei­ner Frau erfährt.

MACBETH:
To-​​morrow, and to-​​morrow, and to-​​morrow,
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recor­ded time;
And all our yes­ter­days have ligh­ted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life’s but a wal­king shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signify­ing nothing.

MACBETH:
Und mor­gen und dann mor­gen und dann mor­gen,
So kriecht’s im Schlei­che­schritt von Tag zu Tag
Zur letz­ten Silbe hin im Lebens­buch;
Und alles Ges­tern hat nur Narrn geleuch­tet
Beim Gang zu Dreck und Tod. Aus, aus klein Herz­lein!
Lebens ist nur ein Wan­der­schat­ten­schau­spiel;
Ein armer Komö­di­ant, der seine Zeit
Abstolzt und abschnauft auf der Bühne und
Nie mehr gehört wird dann; ist eine Mär
Aus einem Töl­pel­mund, voll von Getön
Und Toben, und bedeu­tet nichts.

Über­set­zung von Frank Gün­ther

MACBETH:
Mor­gen, Mor­gen
Und wie­der Mor­gen kriecht in sei­nem kur­zen Schritt
Von einem Tag zum andern, bis zum letz­ten
Buch­sta­ben der uns zuge­meß­nen Zeit,
Und alle unsre Ges­tern haben Nar­ren
Zum moder­vol­len Grabe hin­ge­leuch­tet!
– Aus, aus, du kleine Kerze! Was ist Leben?
Ein Schatte, der vor­über streicht! Ein armer Gauk­ler,
Der seine Stunde lang sich auf der Bühne
Zer­quält und tobt; dann hört man ihn nicht mehr.
Ein Mär­chen ist es, das ein Thor erzählt,
Voll Wort­schwall, und bedeu­tet nichts.

Über­set­zung von Fried­rich Schil­ler

Schö­ner klingt dies im Ori­gi­nal, anbei ein Aus­schnitt aus der 1971er Ver­fil­mung von Roman Polan­ski.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Dem sieg­rei­chen Feld­her­ren Mac­beth wird durch drei Hexen geweis­sagt, dass er Than von Caw­dor und der­einst König würde. Nach­dem der erste Teil der Pro­phe­zei­ung ein­trifft, plant Mac­beth gemein­sam mit sei­ner Frau die Ermor­dung des amtie­ren­den Königs. Nach­dem die Tat voll­streckt ist, wird Mac­beth tat­säch­lich König. Jedoch kann er diese Würde nicht wirk­lich genie­ßen und wird zuneh­mend von Gewis­sens­bis­sen und Wahn­vor­stel­lun­gen gepei­nigt. Er sucht die Hexen erneut auf, diese pro­phe­zeien ihm, dass er solange sicher sei, bis der Wald von Dir­nam sich auf die Fes­tung Dun­si­nane zube­wege. Und kein Mann, von einer Frau gebo­ren, könne ihm etwas anha­ben. Der­weil for­miert sich Wider­stand, aus Eng­land mar­schiert ein Heer, um Mac­beth zu stür­zen. Zur Tar­nung tra­gen die Sol­da­ten Zweige vor sich her, so dass Mac­beth diese Pro­phe­zei­ung sich auch erfül­len sieht. Und im Duell mit Mac­duff erfährt Mac­beth, dass die­ser durch Kai­ser­schnitt auf die Welt kam. Schließ­lich tötet Mac­duff Mac­beth und stellt die gött­li­che Ord­nung wie­der her, die nach der Blut­tat in Frage gestellt wor­den war.

Im Gegen­satz zu ande­ren Shakespeare-​​Dramen ist Mac­beth leich­ter zugäng­lich und auch deut­lich kür­zer als bei­spiels­weise Ham­let oder König Lear. Mar­kant sind die Hexen­sze­nen, diese herr­lich fie­sen Geschöpfe brin­gen durch ihre zwei­deu­ti­gen Weis­sa­gun­gen die Hand­lung ins Rol­len und stür­zen Schott­land ins Chaos. Natür­lich könnte man auch auf die Hexen ver­zich­ten oder sie als innere Stim­men inter­pre­tie­ren, aber effekt­voll sind sie alle­mal, wie auch viele wei­tere Sze­nen und Sze­nen­wech­sel. Ein wei­te­rer Höhe­punkt ist der zotige Pfört­ner vom Beginn des drit­ten Aktes, wel­cher mit sei­nen der­ben Wit­zen die Stim­mung nach der Blut­tat auf­lo­ckert. Köst­lich auch die Selbst­be­zich­ti­gun­gen von Mal­colm, der sich als poten­zi­el­ler frauen– und geld­gie­ri­gen Ursu­pa­tor ver­un­glimpft, sollte er den Thron besteigen.

Auf der Nega­tiv­seite ist eigent­lich nur die Spra­che zu erwäh­nen. Frank Gün­ther hat größ­ten­teils eine gute Über­set­zung hin­ge­legt, aber Deutsch ist ein­fach sper­ri­ger und einige Ver­bum­stel­lun­gen erschwe­ren das Ver­ständ­nis erheb­lich. Das Vers­maß sollte halt bei­be­hal­ten wer­den, durch diese Ein­schrän­kung wird zwar der rhyth­mi­sche Cha­rak­ter gewahrt, aber eben auf Kos­ten der Ver­ständ­lich­keit. Die Schiller-​​Übersetzung ist wahr­schein­lich ange­neh­mer zu lesen.

Sehr gern sähe ich mal eine schöne Insze­nie­rung, die vom Pfauen (Sebas­tian Nüb­ling, 2008) war ein­fach nur geschmack­los. Lady Mac­beth wurde von oben bis unten mit blut­ro­ter Flüs­sig­keit besprüht, Zuschauer ver­lie­ßen den Saal, so bleibt man als Regis­seur im Gedächtnis.

Im Rah­men des Zür­cher Thea­ter­spek­ta­kels besuchte ich heute die Römi­schen Tra­gö­dien der hol­län­di­schen Gruppe Toneel­groep Ams­ter­dam. Aus­gangs­punkt der ambi­tio­nier­ten Pro­duk­tion waren die drei Shakespeare-​​Tragödien Corio­la­nus, Julius Cae­sar, and Ant­ony and Cleo­pa­tra. Die Insze­nie­rung nutzte eine moderne Über­set­zung ins Hol­län­di­sche (soweit ich das anhand der deut­schen Simul­tan­über­ti­tel beur­tei­len kann) und stellte alle wesent­li­chen Cha­rak­tere in Business-​​Kleidung dar. Ort war eben­falls eine Business-​​Lounge, als Zuschauer konnte man sich frei bewe­gen. Ich pro­bierte das auch aus, jedoch spiel­ten die meis­ten Sze­nen dann doch auf der Bühne zwi­schen Lounge und Zuschau­er­raum, so dass man vom nor­ma­len Sitz­platz den bes­ten Blick auf die Gescheh­nisse hatte. Kame­ras fin­gen das Gesche­hen ein und stell­ten es auf Bild­schir­men in der Lounge dar, ich fand das aber mit der Zeit etwas anstrengend.

Anstren­gend ist über­haupt ein gutes Wort, da ich Hol­län­disch nicht wirk­lich ver­stand, musste ich stän­dig auf die Titel schauen. Und diese Tren­nung zwi­schen Schau­spie­ler und Text ist ein­fach anstren­gend, auch wenn man sich ein wenig daran gewöhnt. Aber man kann dem Gesche­hen ein­fach nicht so unmit­tel­bar fol­gen wie bei einem Stück, des­sen Spra­che man versteht.

Der abso­lute Höhe­punkt war die Grab­rede von Mar­cus Anto­nius, der nach Mar­cus Iunius Bru­tus spricht und seine Rede mit den berühmt gewor­de­nen Wor­ten „Freunde, Römer, Lands­leute, leiht mir euer Ohr” ein­lei­tet. Nach­dem Bru­tus dem Volk gerade erklärt hat, dass Cäsar nach der Allein­herr­schaft gegrif­fen hatte und seine Ermor­dung im Inter­esse der Repu­blik gele­gen hatte, kann Anto­nius mit einer flam­men­den Rede das Volk gegen die Atten­tä­ter ein­neh­men. Es war wun­der­voll insze­niert, er schmiss sein Manu­skript weg, setzte sich vor das Red­ner­pult hin, den Trä­nen nahe und sprach frei von der Leber weg. Dann ging er auch in den Zuschau­er­raum hin­ein, um den wah­ren Erben Cäsars nahe zu sein. Es war bewegend.

Anto­nius: Mit­bür­ger! Freunde! Römer! hört mich an:
Begra­ben will ich Cäsarn, nicht ihn prei­sen.
Was Men­schen Übles tun, das über­lebt sie,
Das Gute wird mit ihnen oft begra­ben.
So sei es auch mit Cäsarn! Der edle Bru­tus
Hat euch gesagt, daß er voll Herrsch­sucht war;
Und war er das, so war’s ein schwer Ver­ge­hen,
Und schwer hat Cäsar auch dafür gebüßt.
Hier, mit des Bru­tus Wil­len und der andern
(Denn Bru­tus ist ein ehren­wer­ter Mann,
Das sind sie alle, alle ehren­wert),
Komm ich, bei Cäsars Lei­chen­zug zu reden.
Er war mein Freund, war mir gerecht und treu;
Doch Bru­tus sagt, daß er voll Herrsch­sucht war,
Und Bru­tus ist ein ehren­wer­ter Mann.
Er brachte viel Gefangne heim nach Rom,
Wofür das Löse­geld den Schatz gefüllt.
Sah das der Herrsch­sucht wohl am Cäsar gleich?
Wenn Arme zu ihm schrien, so weinte Cäsar;
Die Herrsch­sucht sollt aus här­term Stoff bestehn.
Doch Bru­tus sagt, daß er voll Herrsch­sucht war,
Und Bru­tus ist ein ehren­wer­ter Mann.
Ihr alle saht, wie am Luper­cus­fest
Ich drei­mal ihm die Königs­krone bot,
Die drei­mal er gewei­gert. War das Herrsch­sucht?
Doch Bru­tus sagt, daß er voll Herrsch­sucht war,
Und ist gewiß ein ehren­wer­ter Mann.
Ich will, was Bru­tus sprach, nicht wider­le­gen;
Ich spre­che hier von dem nur, was ich weiß.
Ihr lieb­tet all ihn einst nicht ohne Grund;
Was für ein Grund wehrt euch, um ihn zu trau­ern?
O Urteil, du ent­flohst zum blö­den Vieh,
Der Mensch ward unver­nünf­tig! — Habt Geduld!
Mein Herz ist in dem Sarge hier beim Cäsar,
Und ich muß schwei­gen, bis es mir zurückkommt.

Aus­zug aus der Über­set­zung von August Wil­helm von Schle­gel

Was für ein Stück! Ich bin beein­druckt, schwelge immer noch in süßen Erin­ne­run­gen. Genial Tom Quaas als macht­be­ses­se­ner Tyrann, der für die Königs­krone über Lei­chen geht und dann, am Ziel sei­ner Träume, unfä­hig ist zu regie­ren. Seine Wand­lung vom eis­kal­ten Macht­men­schen zum wahn­sin­ni­gen, selbst­zer­stö­re­ri­schen Dik­ta­tor war wun­der­bar zu beobachten.

Was ich nicht ganz so toll fand, war die Büh­nen­tech­nik, die im Über­maß ein­ge­setzt wurde. Stän­dig drehte sich eine Wand oder ein Bogen im Kreise herum, diese Dreh­scheibe nahm einen Groß­teil der Bühne ein und zwang die Schau­spie­ler gele­gent­lich zu lus­tig anzu­schau­en­den Seit­wärts­schrit­ten, die so aus­se­hen soll­ten, als blie­ben sie am Fleck.

Zitate

Nun ward der Win­ter unsers Miß­ver­gnü­gens
Glor­rei­cher Som­mer durch die Sonne Yorks;
Die Wol­ken all, die unser Haus bedräut,
Sind in des Welt­meers tie­fem Schoß begraben.

Ein Pferd! ein Pferd! mein König­reich für ein Pferd!

Das Dresd­ner Staats­schau­spiel spielt am 21. Juni das Stück „Richard III.” (Wil­liam Shake­speare). Wen jemand Lust hat mit­zu­kom­men, bitte mel­den. Anbei noch die Stückbeschreibung:

In Eng­land ist end­lich Frie­den, ein Frie­den, mit dem Richard, Her­zog von Glos­ter, nichts anzu­fan­gen weiß. So setzt er sich ein Ziel. Macht­wille und Ver­ach­tung aller gel­ten­den Nor­men wer­den von da ab seine Zukunft bestim­men. Zurück­ge­setzt von Natur und Men­schen, brennt Richard für »seine« Auf­gabe. Ent­schlos­se­nes Han­deln, über­le­gene Intel­li­genz, Vir­tuo­si­tät in der Fähig­keit, sich selbst Feinde gefü­gig zu machen, ebnen dem Her­zog von Glos­ter den Weg zur Macht, zum Königs­thron. Er wird Richard III sein. Lüge und Ver­rat, Mein­eid und Mord haben ihn beglei­tet, bis ihm, end­lich im Besitz der Krone, Angst vor dem Ver­lust des Throns den Blick für die not­wen­di­gen nächs­ten Schritte zum Macht­er­halt ver­stellt. Ein Ent­wurf für die Zukunft Eng­lands wäre not­wen­dig, Richard aber hat kein Pro­gramm für Frie­dens­zei­ten. Und so beginnt der unauf­halt­same Abstieg des macht­hung­ri­gen Richard III.