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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Stanislawski

Auf­wär­men

Die Auf­wär­mung lief wie üblich, erst kör­per­lich, dann Zazen, dann Sin­ne­ser­in­ne­rung. Ich hatte durch mei­nen Oster­aus­flug wenig Zeit für die Haus­auf­gabe gehabt, des­halb stand meine Sin­nes­reise auf einer wack­li­gen Basis. Ins­ge­samt hat sich in der Gruppe eine gewisse Faul­heit ein­ge­schli­chen, das ruhige Zazen wird end­los aus­ge­dehnt, wohin­ge­gen die kör­per­li­che Auf­wär­mung und vor allem der kon­ti­nu­ier­li­che Gebrauch der Stimme weni­ger Beach­tung fin­den. Des­halb gab es heute noch­mal eine Rück­be­sin­nung auf Sinn und Zweck der Übun­gen. Die Sin­ne­ser­in­ne­run­gen sind ledig­lich der Ein­stieg ins emo­tio­nale und affek­tive Erin­nern. Sie schu­len den Sinn für die Details und den Gebrauch der Sinne.

Letzt­lich kann man alles als Trai­ning der Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit betrach­ten. Eine Stunde inten­si­ves Arbei­ten mit Kör­per, Geist und Stimme. Beson­ders die Sin­ne­ser­in­ne­rung strengt an, vor allem men­tal. Am Ende war ich echt geschafft, durch die man­gelnde Vor­be­rei­tung musste ich mir aller­dings auch ein paar Sachen ausdenken.

Dia­log

Der Haupt­punkt des Abends war die Auf­füh­rung eines kur­zen vor­ge­ge­be­nen Dia­logs. Ein Mann kommt nach Hause, die Frau putzt, sie reden kurz über ihre unmit­tel­bar zukünf­ti­gen Pläne. Wir übten in fol­gen­den Varianten:

  1. Beide neu­tral
  2. Beide hören zu und legen jedes Wort auf die Goldwaage.
  3. Beide hören nicht zu.
  4. Mann will Tren­nung, Frau ist schwanger.
  5. Mann ist kuschel­be­dürf­tig, Frau hat Migräne.
  6. Mann wurde gekün­digt und hat Alko­hol­pro­blem, Frau hat durch Tod der Mut­ter geerbt.

Die wich­tigste Erkennt­nis war, dass ein zu offen­sicht­li­ches Zei­gen der Moti­va­tion zu einem plat­ten Spiel führt. Span­nend wird es dann, wenn man die Emo­tion nicht direkt zeigt, son­dern ein Geheim­nis dar­aus macht. Viel­schich­tige Moti­va­ti­ons­struk­tu­ren sind anzu­stre­ben und dar­zu­stel­len. Wie bei einem Eis­berg sieht man zwar nur die Spitze, aber ein Groß­teil der Rolle schwimmt unter der Ober­flä­che und macht den Cha­rak­ter ebenso aus.

Haus­auf­ga­ben

  1. Sin­nes­er­fah­rung: drei Stoffe mit allen Sin­nen entdecken
  2. Neu­tra­len Mono­log ler­nen, irgend­ein Buch ohne emo­tio­na­len Gehalt, 10–15 Zeilen
  3. DVD Hello Actor’s Studio

Auf­wär­men

Wir began­nen selb­stän­dig mit dem Auf­wär­men, das hatte uns Marco letz­tes Mal mit auf den Weg gege­ben. Denn das Ziel die­ses Kur­ses ist die Selb­stän­dig­keit. Am Set oder auch beim Thea­ter ist es nicht zu erwar­ten, dass jemand das Signal zum Star­ten gibt. Bei mei­nen bis­he­ri­gen Lai­en­grup­pen habe ich das anders erlebt, das gemein­same Auf­wär­men war dort ein wich­ti­ges Ritual. Aber im Pro­fi­be­reich kann man davon eben nicht aus­ge­hen und muss sich not­falls allein in einer ablen­ken­den Umge­bung aufwärmen.

Ich begann also mit den lang­sa­men Bewe­gun­gen von Armen und Bei­nen. Da ich vor­her klet­tern war, spürte ich Unter­arme und Schul­tern beson­ders deut­lich, das Schneeschuh-​​Wochenende steckte mir auch noch in den Bei­nen. Der Bedarf an Auf­wär­mung ist jeden Tag anders, das gilt es mit die­sen lang­sa­men Bewe­gun­gen her­aus­zu­fin­den. Ich dehnte dann Arme und Beine aus­gie­big. Eine Her­aus­for­de­rung dabei ist auch das stän­dige Reden und Geräuschma­chen, um psy­cho­lo­gi­sche Ver­span­nun­gen zu lösen. Wir wur­den häu­fi­ger lei­ser dabei und Marco ermahnte uns immer wie­der, den Pegel der Kon­ver­sa­ti­ons­laut­stärke bei­zu­be­hal­ten. Am Ende war ich eini­ger­ma­ßen auf­ge­wärmt und neu­tral, nur meine rechte Schul­ter blieb verspannt.

Danach folgte die Zazen-​​Meditation, als Kon­trolle, ob wir wirk­lich ent­spannt waren. Und dann die Sin­ne­ser­in­ne­rung mit dem hei­ßen Getränk. Erst mach­ten wir das alle leise und still, aber das war nicht im Sinne des Lei­ters. Wir soll­ten dabei reden, kom­men­tie­ren, Geräu­sche machen und so die Sin­nes­ein­drü­cke wie­der leben­dig wer­den lassen.

Von der Sin­ne­ser­in­ne­rung zur emo­tio­na­len Erinnerung

Die Sin­ne­ser­in­ne­rung ist nur der erste Schritt. Der nächste ist die der emo­tio­na­len Erin­ne­rung. Bei unse­rer Reise durch die Sin­ne­ser­in­ne­run­gen tref­fen wir viel­leicht auf eine Sin­nes­er­fah­rung, die uns auch emo­tio­nal berührte. Dann gilt es den genauen Aus­lö­ser zu ermit­teln. Wel­cher Sin­nes­ein­druck war haupt­ver­ant­wort­lich? Wenn man spä­ter auf der Bühne eine sol­che Emo­tion dar­stel­len soll, kann man sich an die aus­lö­sende Sin­nes­er­fah­rung erin­nern und so in den gewünsch­ten emo­tio­na­len Zustand gelan­gen. Als guter Schau­spie­ler ver­fügt man über eine breite Kla­via­tur von der­ar­ti­gen Aus­lö­sern für eine Viel­zahl von Gefüh­len. Die emo­tio­nale Reak­tion kann wie beim Paw­low’schen Hund trai­niert werden.

Ein­zelim­pro­vi­sa­tion

In der Pause soll­ten wir eine kurze, stumme Ein­zelim­pro­vi­sa­tion vor­be­rei­ten. Als Auf­tritts­e­mo­tion war Trauer ange­sagt, am Ende soll­ten wir glück­lich von der Bühne gehen.

Die Resul­tate waren sehr unter­schied­lich uns spie­gel­ten die unter­schied­li­che Erfah­rung der Teil­neh­mer. Alle Anfän­ger­feh­ler waren dabei. Viele kamen neu­tral rein, um sich dann beim Ver­lust des Han­dys oder beim Lesen eines Brie­fes in die Trauer rein­zu­stei­gern. Aber eigent­lich soll­ten wir beim Auf­tritt schon in der Emo­tion drin sein. Des­halb muss man sich vor dem Auf­tritt vor­be­rei­ten und mit einer geeig­ne­ten Sin­ne­ser­in­ne­rung in die Emo­tion rein­ge­hen. Nicht vor­han­dene Requi­si­ten stell­ten ebenso ein Pro­blem dar, sie ver­lei­ten zu unrea­lis­ti­schen Hand­lun­gen (Brief­öff­nen oder –fal­ten). Im Zwei­fel lie­ber mit ech­ten Requi­si­ten spie­len, Phan­to­mime vermeiden.

Ich dachte an ein per­sön­li­ches trau­ri­ges Erleb­nis, damit gelang mir die Anfangs­emo­tion recht gut. Jedoch fiel mir keine gute Hand­lung ein, das war der Schwach­punkt mei­nes Auf­tritts. Ich pro­bierte einen 360°-Sprung aus dem Stand, kriegte ihn anfang nicht hin, spä­ter schon, fröh­lich ver­ließ ich den Raum. Für einen Tän­zer ist das eine zu ein­fa­che Auf­gabe, es war nicht gut begründet.

Haus­auf­ga­ben

  1. Bewusste Rasur als Mate­rial für Sinneserinnerung.
  2. Solo-​​Auftritt vor­be­rei­ten, mit Spra­che, Hand­lung und Emo­tion wich­tig, Auf­tritts– und Schlus­se­mo­tion frei wähl­bar, Dauer 2–5′
  3. DVD mit Doku­men­ta­tion zu Actor Stu­dio schauen, Fra­gen notieren

TEZET Oer­li­kon

Es ist nicht weit vom Bahn­hof Oer­li­kon, das Gemein­schafts­zen­trum mit der cha­rak­te­ris­ti­schen Abkür­zung TEZET. Es befin­det sich in einem alt­ehr­wür­di­gen Haus in einem unspek­ta­ku­lä­ren Braun­ton. Als ich weit vor der abge­mach­ten Zeit dort schlen­dern ankomme, ist nicht viel los im Zen­trum. Zwei junge Mäd­chen in Sport­sa­chen kichern im Kel­ler, aber ein hand­ge­schrie­be­ner Zet­tel mit gro­ßen rosa Buch­sta­ben weist mir den Weg nach oben. Hel­les Trep­pen­haus, alles ange­schrie­ben, geräu­mige Toi­let­ten mit schwer ver­ständ­li­chen Sym­bo­len für Männ­lein und Weib­lein, ich muss mehr­mals hin­schauen und bin doch nicht ganz sicher, dass ich im rich­ti­gen ver­schwinde. Der Kurs­raum ist anonym und hell, es gibt viele und große Fens­ter, hel­les Par­kett, ansons­ten prak­ti­sche Sta­pel­ti­sche und Holz­stühle, Blech­schränke und auf den Schrän­ken alle mög­li­chen Spiel­sa­chen. Zwei Leute sind schon drin, wei­tere tref­fen ein.

Theo­rie

Wir sol­len Noti­zen machen, viele. Denn es gilt die Kau­sal­kette des Lernens:

Gesagt ist noch nicht gehört,
gehört ist noch nicht ver­stan­den,
ver­stan­den ist noch nicht ein­ver­stan­den,
ein­ver­stan­den ist noch nicht getan,
getan ist noch nicht beibehalten.

Das ist schon mal das erste, was wir auf­schrei­ben. Ich muss zurück an die Uni den­ken, und an die Schule. Denn nach­her kam es bei mir sel­ten vor, dass ich flei­ßig mit­schrieb. Ein­mal, bei einem Kun­den­ter­min hatte ich kein Schreib­zeug dabei, dann wäre es wich­tig gewe­sen, um Auf­merk­sam­keit zu signa­li­sie­ren. Und nach mei­nen Vor­trä­gen wäh­rend des Dok­to­rats schrieb ich immer emsig die Kom­men­tare mei­nes Profs mit. Aber ansons­ten ist mir diese ana­loge Art der Auf­zeich­nung fremd gewor­den und ich emp­fand es als erfrischend.

Ein wei­te­res Argu­ment für das Mit­schrei­ben ist die Ver­gess­lich­keit. Unser Gedächt­nis merkt sich nur 15% des Gehör­ten, 25% des Gese­he­nen, 60% des Gehör­ten und gleich­zei­tig Gese­he­nen und 75% des selbst gemach­ten. So in der Form habe ich schon oft Sta­tis­ti­ken ver­nom­men, jedoch hatte ich dar­aus immer abge­lei­tet, alles aus­zu­pro­bie­ren und mög­lichst selbst zu machen. Auf­schrei­ben ist aber mal ein Anfang und zwingt einen zur Ver­ar­bei­tung und Klarheit.

Neben den Noti­zen sol­len wir auch ein Tage­buch zu den ein­zel­nen Lek­tio­nen füh­ren und unse­rem Lei­ter schi­cken. Für mich bie­tet sich die­ses Web­log als Medium dafür an, gege­be­nen­falls ergänzt durch pri­vate Aufzeichnungen.

Der erste Eindruck

Eine aus­ge­wählte Stu­die [1] zeigt, dass man einige Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von Men­schen sehr schnell, zum Bei­spiel anhand kur­zer Video­auf­nah­men, ana­ly­sie­ren kann. Von den fünf wich­ti­gen Charakter-​​Eigenschaften (Big Five) las­sen sich Gesel­lig­keit (Extro­ver­sion) und Offen­heit für neue Erfah­run­gen beson­ders gut ein­schät­zen. Weni­ger gut hin­ge­gen konn­ten die Test­per­so­nen Aus­sa­gen zu Neu­ro­ti­zis­mus, Gewis­sen­haf­tig­keit und Gut­her­zig­keit machen. Die Intel­li­genz eines Men­schen lässt sich eben­falls bereits nach kur­zem Ken­nen­ler­nen erstaun­lich gut beur­tei­len, beson­ders auf­schluss­reich ist die Art und Weise, wie die Beur­teil­ten Zei­tungs­schlag­zei­len lesen.

Wich­tig für die schau­spie­le­ri­sche Arbeit ist die Kennt­nis des eige­nen ers­ten Ein­drucks. Nur dann kann man ent­we­der damit arbei­ten oder aber – bei ent­ge­gen­ge­setz­tem Rol­len­pro­fil – bewusst gegensteuern.

Übung zum ers­ten Eindruck

Span­nend war die prak­ti­sche Umset­zung die­ses Kon­zepts. Bis dahin hatte vor allem Marco gespro­chen, der Kurs­lei­ter. Wir Kurs­teil­neh­mer waren mit Zuhö­ren und Noti­zen­ma­chen beschäf­tigt. Jetzt teilte uns Marco in Zwei­er­grup­pen ein, ich kam gegen­über Flu­rina zu sit­zen. Wir hat­ten ein paar Minu­ten Zeit, um den ande­ren anzu­schauen, dann soll­ten wir ihn vor­stel­len. Gespro­chen wurde kein Wort.

Ich kam mir vor wie Sher­lock Hol­mes im kürz­lich her­aus­ge­kom­me­nen Kino­film. Die neue Freun­din von Dr. Wat­son fragt Hol­mes, was er über sie aus­sa­gen könne. Und Hol­mes legt los, mit sei­ner Manie für Details kann er extrem viele rich­tige Aus­sa­gen tref­fen. Ich war weit davon ent­fernt. Beim Alter ver­schätzte ich mich extrem, beim deutsch-​​französischen Eltern­haus genauso. Aber dafür weiß ich jetzt, wie ich wirke: musi­ka­lisch, wil­lens­stark, zurück­hal­tend, farb­ver­ach­tend, sport­lich. Ich hatte meine schwar­zen Thea­ter­sa­chen und Turn­schuhe an, meine Fin­ger sind lang und erin­nern viele an die eines Pia­nis­ten und mein Gesichts­aus­druck an die­sem Abend war anschei­nend zurück­hal­tend und ent­schlos­sen zugleich.

Span­nend war, wie stark die Wahl von Klei­dung und Schmuck die ent­ste­hen­den Cha­rak­te­ri­sie­run­gen beein­flusste! Eine Gold­kette wurde gleich zum Beruf sti­li­siert, schwarz lackierte Fin­ger­nä­gel gaben Rät­sel auf und breit­bei­ni­ges Hin­set­zen wurde als raum­grei­fend interpretiert.

Span­nung und Entspannung

Schon lange wollte ich diese klas­si­sche Stanislawski-​​Übung mal sehen, an die­sem Abend war es soweit. Eine Teil­neh­me­rin sollte Lie­ge­stüt­zen machen und der Kurs­lei­ter fragte sie euro­päi­sche Haupt­städte ab. Bei Por­tu­gal war Schluss, sie konnte sich durch die kör­per­li­che Anstren­gung ein­fach nicht kon­zen­trie­ren. Danach mel­dete ich mich frei­wil­lig für eine ähnli­che Übung. Nach zwan­zig Lie­ge­stüt­zen sollte ich anspruchs­volle Kopf­re­chen­auf­ga­ben lösen. 12×27 war die erste, ich tippte erst auf 254, hatte mich aber ver­tan und kor­ri­gierte auf 324, das kor­rekte Ergeb­nis. 624 stellte mich vor grö­ßere Pro­bleme, aber letzt­lich kam ich auch da aufs rich­tige Resul­tat 15,5. Gene­rell fal­len sol­che Auf­ga­ben und Den­ken bei einer kör­per­li­chen Anstren­gung schwe­rer, die Gedan­ken quä­len sich müh­sam voran.

Wich­tig für den Schau­spie­ler ist die Fähig­keit der Ent­span­nung. Er muss sich kör­per­lich, emo­tio­nal und see­lisch ent­span­nen, damit er bereit für den künst­le­ri­schen Pro­zess ist. Die Ent­span­nungs­rou­tine ist dabei wie eine Trenn­scheibe zwi­schen dem All­tags­le­ben und der Rolle. Ziel ist es, sich leer zu machen wie ein wei­ßes Blatt Papier, auf dem sich das Kunst­werk ent­fal­ten kann.

Da ein gemein­sa­mes Auf­wär­men nicht immer gewähr­leis­tet ist, haben wir ein Ent­span­nungs­ri­tual ent­wi­ckelt, das man auch allein auf engs­tem Raum durch­füh­ren kann. Denn an einem Film­set geht es hek­tisch zu und not­falls muss ein Stuhl ausreichen.

Ent­span­nungs­ri­tual

  1. Ich sitze bequem auf dem Stuhl, fast so, als würde ich ein­schla­fen wollen.
  2. Durch lang­same Bewe­gun­gen mei­ner Glied­ma­ßen und mei­nes Kör­pers über­prüfe ich, wo es heute hakt. Sind die Beine noch schwer von der Rad­tour? Ist der Nacken ver­spannt vom Büro­job? Oder ste­cken mir noch die Lie­ge­stütze der Stanislawski-​​Übung in den Tri­zeps? Es kann jeden Tag etwas ande­res sein.
  3. Dann massiere/​dehne/​bewege ich die mehr oder weni­ger betrof­fe­nen Kör­per­teile und mache dabei unent­wegt Geräu­sche, um emo­tio­na­len Stress abzu­bauen und meine Stimme zu trainieren.
  4. Wenn ich mit dem gan­zen Kör­per durch bin, beginne ich eine ein­fa­che Zazen-​​Meditation. Ich atme zwei­mal tief durch, mache Kreise mit dem Ober­kör­per, die immer enger wer­den, bis ich mein Zen­trum gefun­den habe.
  5. Ich kon­zen­triere mich auf den Atem und zähle nach Belie­ben, aber maxi­mal bis zehn. Ich möchte eins wer­den mit der aktu­el­len Zahl, nichts ande­res existiert.
  6. Wenn die Medi­ta­tion nicht funk­tio­niert, geht es zurück zu 3.
  7. Nach der Medi­ta­tion geht es zu einer Sin­ne­ser­in­ne­rung. Ich erin­nere mich mög­lichst leb­haft an ein sinn­li­ches Erleb­nis, zum Bei­spiel das Zube­rei­ten und Genie­ßen von Tee.

Authen­ti­zi­tät

Ein Mensch ist gekenn­zeich­net durch seine Ver­gan­gen­heit, seine momen­tane psy­chi­sche Befind­lich­keit, seine Kör­per­lich­keit und sein aktu­el­les Bedürf­nis und Ziel. Für eine Rolle gilt es, diese Punkte stim­mig darzustellen.

Metho­den dafür sind

  • Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung
  • eigene Erfah­run­gen
  • Erfah­rung sam­meln, Hand­lung selbst machen
  • Erfah­run­gen jen­seits des Mach­ba­ren, Erleb­ten (z.B. Teu­fel) las­sen sich nur indi­rekt ange­hen durch Objektarbeit.

Sin­ne­ser­in­ne­rung

Wahr­neh­mun­gen wer­den dann leich­ter gespei­chert, wenn sie eine emo­tio­nale Bedeu­tung haben. Des­halb sind die meis­ten Sin­ne­ser­in­ne­run­gen emo­tio­nal gela­den. Ziel der Übung Sin­ne­ser­in­ne­rung ist es, den Gegen­stand wie­der zum Leben zu erwe­cken, als geschähe es in die­sem Moment erneut. Beim Aus­tes­ten am rea­len Objekt sollte man auf Details ach­ten und den Gegen­stand in eine neue Per­spek­tive befördern.

Übung zur Sinneswahrnehmung

Mit ver­bun­de­nen Augen den Raum erfor­schen, sich an die Sin­nes­ein­drü­cke erin­nern. Beson­ders inter­es­sant ist der Riech­sinn, der wenig gebraucht wird aber eine starke emo­tio­nale Bedeu­tung hat.

Auf­ga­ben

  1. Bewusst und mit allen Sin­nen durchs Leben gehen, Geruch, Tem­pe­ra­tur und Geräu­sche auf­sau­gen, Früchte unter­su­chen, Augen schlie­ßen und nur hören.
  2. Ent­span­nungs­übun­gen, Zazen praktizieren
  3. War­mes Getränk bewusst zube­rei­ten und genie­ßen für Sin­ne­ser­in­ne­rung am Anfang der nächs­ten Lektion

[1] Peter Bor­kenau, Anette Lieb­ler, Trait infe­ren­ces: Sour­ces of vali­dity at zero acquain­tance, Jour­nal of Per­so­na­lity and Social Psy­cho­logy. Vol 62(4), Apr 1992, pp. 645–657.

Lam­pen­fie­ber

Lam­pen­fie­ber, wie­der hatte es mich erwischt. Es ist immer der erste Auf­tritt, wenn man zum ers­ten Mal ins Schein­wer­fer­licht tritt, ange­schaut von Dut­zen­den Augen­paa­ren. Nur nicht ins Publi­kum schauen, nicht aus der Rolle fal­len. Ich hatte wei­che Knie. Zum Glück trug ich als Land­schafts­ar­chi­tekt Richard Noa­kes einen lan­gen Man­tel und hatte am Anfang nicht viel zu sagen. Lam­pen­fie­ber ist auch schön, es zeigt mir, dass ich noch nicht voll­ends abge­klärt und reak­ti­ons­los bin.

1. Rolle — Richard Noakes

Richard Noa­kes spiele ich als Kar­ri­ka­tur, er ist extrem über­zeugt von sich und sei­nen Gar­ten­plä­nen. Es fällt mir etwas schwer, denn Lady Croom ist über­haupt nicht begeis­tert und ver­schafft ihrem Unmut deut­lich Aus­druck. Aber ich kriege das nicht mit und äußere mich mit höchs­ter Ver­zü­ckung. Ich denke immer, dass er auf Kokain ist.

2. Rolle — Gus Coverly

Meine zweite Rolle, der stumme Gus Coverly, liegt mir da schon bes­ser. Er ist extrem intro­ver­tiert, spricht nicht und hat dem­ent­spre­chend auch Angst vor frem­den Leu­ten. Mein ers­ter Auf­tritt ist des­halb recht kurz, ich komme auf die Bühne, sehe Ber­nard Nightingale, der mich begrü­ßen möchte, erschre­cke und ver­lasse die Bühne auch schon wie­der. Die Her­aus­for­de­rung bei die­sem Auf­tritt ist für mich, nicht zu lachen, son­dern die Bestür­zung authen­tisch zu zei­gen. Also nicht mein Gesicht zu arg zu ver­zie­hen, ganz wenig machen, ein­fach han­deln. Als Gus habe ich noch wei­tere, kurze Auf­tritte, beson­ders schön ist das Über­rei­chen eines Apfels an Han­nah am Ende der zwei­ten Szene.

Zum Ent­ste­hungs­pro­zess

Wenn ich ehr­lich bin, über­rascht mich das gute Ankom­men des Stü­ckes beim Pre­mie­ren­pu­bli­kum. Ich hatte große Beden­ken, ob das Publi­kum nicht durch die vie­len intel­lek­tu­el­len Anspie­lun­gen und Bezüge zwi­schen den Zeit­ebe­nen abge­hängt wird. Es gibt etli­che lange Dia­loge, in denen nicht viel pas­siert, außer dass sich die Prot­ago­nis­ten über his­to­ri­sche Quel­len und andere Fra­gen aus­tau­schen. Aber der Wech­sel zwi­schen die­sen erklä­ren­den Pas­sa­gen der Neu­zeit, der hand­lungs­rei­chen alten Zeit und den unter­halt­sa­men Auf­trit­ten der ande­ren Neuzeit-​​Protagonisten (wie Gus) erwies sich als gutes Mit­tel gegen die even­tu­ell auf­kom­mende Lan­ge­weile, es pas­siert dann doch immer wie­der etwas und in der aller­letz­ten Szene wer­den die bei­den Zei­ten ohne­hin auf geniale Weise ver­knüpft und ein par­al­le­ler Wal­zer beschließt das Stück stimmungsvoll.

Für mich war der Ent­ste­hungs­pro­zess des Stü­ckes eher schlep­pend. Das mag zum einen am enor­men Kon­trast zum ver­gan­ge­nen Jahr lie­gen, als wir mit Mau­rice einen extrem zupa­cken­den und for­dern­den Regis­seur hat­ten, dem das Phy­si­sche an den Rol­len am wich­tigs­ten war. Tobias war da das ganze Gegen­teil, bedäch­tig vor­ge­hend und sorg­sam abwä­gend, an den Fein­hei­ten der Beto­nung inter­es­siert. Vom Stil her war mir das Zupa­ckende lie­ber, außer­dem hatte ich ja zwei kleine Rol­len, wes­halb ich die­ses Jahr schau­spie­le­risch weni­ger gefor­dert war. Aber es gibt keine klei­nen Rol­len, son­dern nur kleine Schau­spie­ler und die Reak­tio­nen des Publi­kums auf Gus ver­söh­nen mich.

Wie wei­ter?

Was bleibt, ist die Frage nach mei­ner schau­spie­le­ri­schen Wei­ter­ent­wick­lung. Mein Anspruch ist nach wie vor, authen­tisch spie­len zu ler­nen, inspi­riert durch Sta­nis­law­ski und Stella Adler. Ich hoffe, dass ich dies im Schau­spiel­trai­ning Gess­ne­ral­lee Back­stage ler­nen kann, wo ich par­al­lel seit April bin.

Ein neues Jahr hat begon­nen und fällt zusam­men mit den kur­zen Ferien, wel­che der Jah­res­wech­sel so mit sich bringt. Ich habe auf ein­mal Zeit für viele Dinge, für Fami­lie, Freunde und auch für mich. War das letzte Jahr geprägt durch sehr viele ver­schie­dene Akti­vi­tä­ten und Hob­bies, möchte ich mich nun­mehr kon­zen­trie­ren, beruf­lich auf das Schrei­ben der Dis­ser­ta­tion, pri­vat auf das Schauspielen.

Mit dem Ver­fas­sen der Dis­ser­ta­tion endet auch meine Zeit als Dok­to­rand. Vier Jahre mün­den in 100 Sei­ten. Das Ver­fas­sen der Diss ist eine logi­sche Wei­ter­ent­wick­lung von der Diplom­ar­beit mit einem vor­ge­ge­be­nen ein­ge­grenz­ten Thema, über Kon­fe­renz­ar­ti­kel von zwei bis sechs Sei­ten und umfang­rei­chere Arti­kel für wis­sen­schaft­li­che Zeit­schrif­ten. Stets stei­gen die Kom­ple­xi­tät und Selbst­ver­ant­wor­tung für das Geschrie­bene. Somit wäre die Dis­ser­ta­tion der vor­läu­fige Höhe­punkt mei­nes beruf­li­chen, also wis­sen­schaft­li­chen Schaf­fens. Und wie so oft ist das Schwie­rige nicht der Inhalt, in mei­nem Fall vier Stu­dien mit vir­tu­el­len Umge­bun­gen, son­dern der Rah­men und die gro­ßen Schluss­fol­ge­run­gen aus allem. In die­sem Werk führe ich Begriffe ein, erar­beite eine Fra­ge­stel­lung und nutze all dies kon­se­quent im Haupt­teil, um die Expe­ri­mente zu beschrei­ben und aus­zu­wer­ten. Es ist eine Her­aus­for­de­rung, ich freue und fürchte mich zugleich. Denn ich muss mich gleich­sam ein­schlie­ßen und nur dar­auf kon­zen­trie­ren, was ange­sichts all der net­ten Ablen­kun­gen in Form von klei­ne­ren Auf­ga­ben sich schwie­rig gestal­ten dürfte.

Thea­ter ist schon seit Län­ge­rem mein Hobby. Ich stand schon oft auf der Bühne, sehe mich aber noch nicht da, wo ich gern hin möchte. Mein Pro­blem ist das Geküns­telte, Über­trie­bene, Clow­neske, wel­ches ich auf der Bühne ent­wickle. Mein Ideal ist eine rea­lis­ti­sche und glaub­hafte Dar­stel­lung der Rolle. Und davon bin ich noch weit ent­fernt. Für die jetzt lau­fende aki­tiv–Pro­duk­tion „Arka­dien” möchte ich mich inten­si­ver und bewuss­ter mit dem Schau­spiel beschäf­ti­gen. Neben der Thea­ter­gruppe aki­tiv bin ich noch in einer Impro­thea­ter­gruppe dabei. Wenn­gleich sich Impro­thea­ter und die Pro­duk­tion eines fes­ten Stü­ckes unter­schei­den, ist das Kern­ele­ment des authen­ti­schen Dar­stel­lens doch gleich. Wäh­rend man sich beim fest­ge­leg­ten Stück die inne­ren Bil­der und Auf­ga­ben aus dem Stück­text erar­bei­tet, ver­traut das Impro­thea­ter auf die Magie des „ers­ten Mal”, da sich keine Szene wie­der­holt. Jeden­falls werde ich mich jetzt inten­si­ver mit Thea­ter­theo­rie beschäf­ti­gen, zur Zeit lese ich aus­ge­wählte Texte von Sta­nis­law­ski. Mit die­sem Hin­ter­grund­wis­sen und aus­rei­chend Zeit für Rol­len­ar­beit hoffe ich mein schau­spie­le­ri­sches Poten­zial bes­ser zu nutzen.