Lam­pen­fie­ber

Lam­pen­fie­ber, wie­der hatte es mich erwischt. Es ist immer der erste Auf­tritt, wenn man zum ers­ten Mal ins Schein­wer­fer­licht tritt, ange­schaut von Dut­zen­den Augen­paa­ren. Nur nicht ins Publi­kum schauen, nicht aus der Rolle fal­len. Ich hatte wei­che Knie. Zum Glück trug ich als Land­schafts­ar­chi­tekt Richard Noa­kes einen lan­gen Man­tel und hatte am Anfang nicht viel zu sagen. Lam­pen­fie­ber ist auch schön, es zeigt mir, dass ich noch nicht voll­ends abge­klärt und reak­ti­ons­los bin.

1. Rolle — Richard Noakes

Richard Noa­kes spiele ich als Kar­ri­ka­tur, er ist extrem über­zeugt von sich und sei­nen Gar­ten­plä­nen. Es fällt mir etwas schwer, denn Lady Croom ist über­haupt nicht begeis­tert und ver­schafft ihrem Unmut deut­lich Aus­druck. Aber ich kriege das nicht mit und äußere mich mit höchs­ter Ver­zü­ckung. Ich denke immer, dass er auf Kokain ist.

2. Rolle — Gus Coverly

Meine zweite Rolle, der stumme Gus Coverly, liegt mir da schon bes­ser. Er ist extrem intro­ver­tiert, spricht nicht und hat dem­ent­spre­chend auch Angst vor frem­den Leu­ten. Mein ers­ter Auf­tritt ist des­halb recht kurz, ich komme auf die Bühne, sehe Ber­nard Nightingale, der mich begrü­ßen möchte, erschre­cke und ver­lasse die Bühne auch schon wie­der. Die Her­aus­for­de­rung bei die­sem Auf­tritt ist für mich, nicht zu lachen, son­dern die Bestür­zung authen­tisch zu zei­gen. Also nicht mein Gesicht zu arg zu ver­zie­hen, ganz wenig machen, ein­fach han­deln. Als Gus habe ich noch wei­tere, kurze Auf­tritte, beson­ders schön ist das Über­rei­chen eines Apfels an Han­nah am Ende der zwei­ten Szene.

Zum Ent­ste­hungs­pro­zess

Wenn ich ehr­lich bin, über­rascht mich das gute Ankom­men des Stü­ckes beim Pre­mie­ren­pu­bli­kum. Ich hatte große Beden­ken, ob das Publi­kum nicht durch die vie­len intel­lek­tu­el­len Anspie­lun­gen und Bezüge zwi­schen den Zeit­ebe­nen abge­hängt wird. Es gibt etli­che lange Dia­loge, in denen nicht viel pas­siert, außer dass sich die Prot­ago­nis­ten über his­to­ri­sche Quel­len und andere Fra­gen aus­tau­schen. Aber der Wech­sel zwi­schen die­sen erklä­ren­den Pas­sa­gen der Neu­zeit, der hand­lungs­rei­chen alten Zeit und den unter­halt­sa­men Auf­trit­ten der ande­ren Neuzeit-​​Protagonisten (wie Gus) erwies sich als gutes Mit­tel gegen die even­tu­ell auf­kom­mende Lan­ge­weile, es pas­siert dann doch immer wie­der etwas und in der aller­letz­ten Szene wer­den die bei­den Zei­ten ohne­hin auf geniale Weise ver­knüpft und ein par­al­le­ler Wal­zer beschließt das Stück stimmungsvoll.

Für mich war der Ent­ste­hungs­pro­zess des Stü­ckes eher schlep­pend. Das mag zum einen am enor­men Kon­trast zum ver­gan­ge­nen Jahr lie­gen, als wir mit Mau­rice einen extrem zupa­cken­den und for­dern­den Regis­seur hat­ten, dem das Phy­si­sche an den Rol­len am wich­tigs­ten war. Tobias war da das ganze Gegen­teil, bedäch­tig vor­ge­hend und sorg­sam abwä­gend, an den Fein­hei­ten der Beto­nung inter­es­siert. Vom Stil her war mir das Zupa­ckende lie­ber, außer­dem hatte ich ja zwei kleine Rol­len, wes­halb ich die­ses Jahr schau­spie­le­risch weni­ger gefor­dert war. Aber es gibt keine klei­nen Rol­len, son­dern nur kleine Schau­spie­ler und die Reak­tio­nen des Publi­kums auf Gus ver­söh­nen mich.

Wie wei­ter?

Was bleibt, ist die Frage nach mei­ner schau­spie­le­ri­schen Wei­ter­ent­wick­lung. Mein Anspruch ist nach wie vor, authen­tisch spie­len zu ler­nen, inspi­riert durch Sta­nis­law­ski und Stella Adler. Ich hoffe, dass ich dies im Schau­spiel­trai­ning Gess­ne­ral­lee Back­stage ler­nen kann, wo ich par­al­lel seit April bin.