Zum Inhalt springen

mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Stück

Ich kann es nicht las­sen, wie­der habe ich mich beim Zen­trum für Ent­wick­lung im Schau­spiel ein­ge­schrie­ben. Es geht um sze­ni­sches Arbei­ten und Cha­rak­ter­ent­wick­lung, als Basis dient uns das Stück Doig von Greg Free­man. Es ist ein zeit­ge­nös­si­sches, unter­halt­sa­mes Stück.

Die Rol­len­ver­tei­lung ging sehr rasch von­stat­ten, ich darf mich mit Smith, dem Coach und Pseu­do­psy­cho­lo­gen beschäf­ti­gen. Des­halb ver­brachte ich einen Teil des Sonn­tags im Zür­cher Zoo, eine unse­rer ers­ten Auf­ga­ben ist das Suchen eines geeig­ne­ten Tieres.

Inmit­ten von Fami­lien schritt ich also durchs Ein­gangs­tor und geneh­migte mir zual­ler­erst mal ein gutes Mit­tag­es­sen. Und kaum trat ich ins spät­herbst­lich bewölkte Freie, da ent­deckte ich auch schon, wonach ich gesucht hatte – einen Pfau. Er lief ein­fach mit­ten unter den Leu­ten umher und pickte Essens­reste auf. Ein gro­ßer Vogel, der viel mit dem Kopf arbei­tete, um vor­an­zu­kom­men. Aber abge­se­hen von die­sen ruck­ar­ti­gen Kopf­be­we­gun­gen wirkte sein Gang ruhig, fast majes­tä­tisch. Sein Rad hatte er nicht auf­ge­schla­gen, er ach­tete auf Abstand, war den­noch aufs Fut­ter fixiert. Kin­der ver­such­ten ihn zu erschre­cken, ohne Erfolg. See­len­ru­hig zog er seine Kreise, kehrte immer wie­der zurück zu den Tischen und pickte, pickte, pickte.

Smith hat die ers­ten Sätze im Stück, er the­ra­piert den depres­si­ven Doig durch Pro­vo­ka­tion und Psy­cho­tricks. Er hat in der ers­ten Szene eine starke Prä­senz, muss in die dunkle Welt von Doig ein­bre­chen und ihn wie­der zurück zu den Leben­den holen. Das gelingt ihm schließ­lich, jedoch fast zu gut, Doig wird zum Kon­sum­ver­ach­ter und läuft fortan, nur mit einer Plas­tik­tüte beklei­det, umher.

SMITH:
Was wür­den Sie tun, wenn Sie nur noch drei Minu­ten zu leben hät­ten?… Ich wüsste, was ich täte. Wenn ich noch drei Minu­ten hätte. Ich wüsste genau, was ich täte.

Sind Sie religiös?

Ich glaube, wenn man wüsste, dass man nur noch drei Minu­ten hat auf die­ser Erde, würde man sehr schnell zur Reli­gion fin­den. Das Pro­blem ist nur, wenn man nur noch drei Minu­ten hat – wel­che soll man neh­men? Ich meine, wel­che ist die Rich­tige, hm? Wel­che die­ser vie­len Reli­gio­nen bringt einen sicher über die Tür­schwelle.
Wel­che ist wohl die magi­sche Ein­tritts­karte ins Para­dies. Östli­che, west­li­che oder eine die­ser obsku­ren Reli­gio­nen in ver­steck­ten Gegen­den des süd­li­chen Pazi­fiks. Was wür­den Sie mit Ihren letz­ten drei Minu­ten tun? Na kom­men Sie.

Smith wird also etwas pfau­en­haf­tes haben, er pickt immer wie­der nach Doig, reizt ihn, bis die­ser end­lich rea­giert. Es ist mal ein Anfang für diese Rolle.

Die momen­tane Thea­ter­pause möchte ich nut­zen, um mich inten­si­ver mit den Fun­da­men­ten des Thea­ters aus­ein­an­der­zu­set­zen. Als Schau­spie­ler ver­su­che ich, den Augen­blick auf der Bühne publi­kums­wirk­sam zu erle­ben, immer wie­der aufs Neue. Die Kennt­nis der grö­ße­ren Zusam­men­hänge ist dafür nicht unbe­dingt erfor­der­lich, ein guter Regis­seur hat das omi­nöse Ganze ohne­hin im Blick. Aber was genau macht eine gute Szene oder ein gutes Stück aus? Für sol­che Fra­gen möchte ich mei­nen Blick wei­ten und das Buch The Art of Dra­ma­tic Wri­t­ing von Lajos Egri ist ein guter Anfang.

Prä­misse

Die Basis für jedes Drama ist eine Prä­misse, also ein Satz, wel­cher das Stück beschreibt. Die Ana­lo­gie beim wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten wäre die Hypo­these. Ohne sau­bere Hypo­these ist kein sinn­vol­les Expe­ri­ment mög­lich, viele wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten ver­kom­men zu col­la­gen­haf­ten Zusam­men­stel­lun­gen. Und das Glei­che gilt für Büh­nen­stü­cke, ohne Prä­misse läuft das Stück ins Leere.

Egri nennt auch einige Bei­spiele für Prä­mis­sen erfolg­rei­cher Theaterstücke:

  • Romeo und Julia (Shake­speare) – Große Liebe trotzt sogar dem Tod.
  • König Lear (Shake­speare) – Blin­des Ver­trauen führt zu Zerstörung.
  • Mac­beth (Shake­speare) – Skru­pel­lo­ser Ehr­geiz führt zur Selbstzerstörung.
  • Gespens­ter (Ibsen) – Die Sün­den der Väter suchen die Kin­der heim.
  • Tartuffe (Molière) – Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Cha­rak­ter und Handlung

Im Gegen­satz zu Aris­to­te­les betont Egri die Wich­tig­keit der Cha­rak­tere gegen­über der Hand­lung. Jede Hand­lung besitzt eine Ursa­che, den Ent­schluss eines Cha­rak­ters. Alle Hand­lun­gen müs­sen aus dem Cha­rak­ter der han­deln­den Per­so­nen begründ­bar sein. Nichts ist schlim­mer als wenn man einer Rolle ihre Hand­lun­gen nicht abnimmt.

Ein Cha­rak­ter besteht aus drei Dimen­sio­nen, der Phy­sio­lo­gie, der Psy­cho­lo­gie und der Sozio­lo­gie. Die äuße­ren Merk­male wie Kör­per­größe, Mus­kel­kraft, Alter, Hum­peln, Schwer­hö­rig­keit, sicht­bare Nar­ben haben einen immen­sen Ein­fluss auf den Cha­rak­ter. Wie sieht die Welt aus aus Sicht einer klei­nen, alten, schwäch­li­chen Frau? Oder aus Sicht eines tap­si­gen Rie­sen? Die Psy­cho­lo­gie eines Cha­rak­ters ist ein wei­tes Feld, die zen­tra­len Cha­rak­tere eines Stü­ckes soll­ten auf jeden Fall ein kla­res Ziel und eine gewisse Wil­lens­kraft haben. Sonst käme es gar nicht zum Kon­flikt. Des­halb ist die Welt des Dra­mas immer eine ver­dich­tete Welt, in der beson­ders aus­ge­prägte und wil­lens­starke Per­so­nen auf­ein­an­der tref­fen. Der All­tag mit sei­nen vie­len lie­bens­wür­di­gen, ziel­lo­sen, unent­schlos­se­nen Men­schen bie­tet wenig Stoff für ein Drama – zum Glück. Das soziale Umfeld ist die dritte Dimen­sion, sie beein­flusst die Psy­cho­lo­gie, sowohl durch die Kin­der­stube als auch den Freun­des– und Bekanntenkreis.

Die Kunst des Autors besteht darin, sein Stück mit span­nen­den Cha­rak­te­ren zu fül­len, wel­che schon durch ihre Cha­rak­ter­züge den sich anbah­nen­den Kon­flikt und die Auf­lö­sung in sich tra­gen (Prä­misse). Cha­rak­ter­ent­wick­lung geschieht im Laufe des Stücks durch Ein­wir­kung von innen und außen. Hier liegt auch der Schlüs­sel für die Ana­lyse von Sze­nen. Denn jede Szene bewirkt eine kleine, glaub­hafte Ent­wick­lung in min­des­tens einem Cha­rak­ter. Wenn sie es nicht täte, könnte man sie getrost streichen.

Die Toscana-​​Therapie

Zum Schluss möchte ich noch eine Prä­misse für die Toscana-​​Therapie entwickeln.

Ger­hard und Karin sind kön­nen ihre Bedürf­nisse nicht klar aus­drü­cken, das führt zur Zer­stö­rung ihrer Ehe. Am Ende erscheint jedoch die gött­li­che Figur Die­ter und löst den Kon­flikt auf, so dass sich Karin und Ger­hard in der aller­letz­ten Szene halb­her­zig ver­söh­nen. Aber wahr­schein­lich muss man für die Prä­misse das Ende weg­las­sen und lan­det bei sowas wie: Feh­lende Kom­mu­ni­ka­tion der eige­nen Wün­sche zer­stört eine Bezie­hung. Es bleibt aber ein komi­sches Gefühl bei die­sem Ende, wel­ches die Prä­misse ad absur­dum führt.

Die Cha­rak­tere ber­gen dies schon in sich. Einem ver­staub­ten, aka­de­mi­schen Ehe­paar traut man nicht mehr zu, sich aus eige­ner Kraft aus dem Sumpf zu lösen. Die rest­li­chen Cha­rak­tere sind eher flach gehal­ten, sie ent­wi­ckeln sich kaum. Die­ter ist der trei­bende Cha­rak­ter, sein ange­kün­dig­tes Kom­men setzt den Kon­flikt in Gang und er hat ja das Ganze als The­ra­pie insze­niert. Die ande­ren sind alle­samt Die­ters Stell­ver­tre­ter, um Ger­hard und Karin in Bedräng­nis zu brin­gen, sie erklä­ren am Ende ihre Rolle im Stück.

Dra­ma­ti­sches Schrei­ben. Thea­ter — Film — Roman (Amazon)

Der erste Höhe­punkt bei den Aarauer Thea­ter­ta­gen war Yas­mina Reza’s Stück Kunst. Phil­ipp Lenz insze­nierte das Stück mit dem Thea­ter Mun­ta­nellas bereits 2010.

Es geht um drei Her­ren, deren lang­jäh­rige Freund­schaft durch den Kauf eines sehr teu­ren wei­ßen Gemäl­des auf die Probe gestellt wird. Serge hat 200 000 für weiße Strei­fen auf wei­ßem Unter­grund bezahlt und ist stolz dar­auf. Marc hält das Gemälde für eine „Scheiße” und sagt das Serge ins Gesicht. Yvan, der gut­mü­tige, erfolg­lose, bald ver­hei­ra­tete Papier­wa­ren­ver­tre­ter gerät zwi­schen die Fron­ten und ver­sucht zwi­schen den bei­den Prin­zi­pi­en­rei­tern zu ver­mit­teln. Es ent­wi­ckelt sich eine sprach­ge­wal­tige Eska­la­tion, die aber bald wie­der ver­söhn­li­cher wird.

Das Stück ist sehr sprach­las­tig, Marc und Serge sind Bil­dungs­bür­ger und wer­fen mit Zita­ten um sich. Und auch ihre Art sich aus­zu­drü­cken ist kom­plex und gesto­chen. Da muss ich den bei­den Schau­spie­lern Tri­but zol­len, sie haben es größ­ten­teils geschafft, die gesto­chene Spra­che des Stücks zu ihrer eige­nen zu machen. Ver­ein­zelt klappte es nicht ganz und man hörte her­aus, dass es Schwei­zer sind. Yvan ist da ein­fa­cher gestrickt. Dafür hat er einen sen­sa­tio­nel­len Mono­log, als er ver­spä­tet zu einer Ver­ab­re­dung kommt und von einem dra­ma­ti­schen Streit wegen sei­ner Hoch­zeits­ein­la­dun­gen berichtet.

Vor vie­len Jah­ren sah ich das Stück in Dres­den, und an die­sen Mono­log kann ich mich noch jetzt gut erin­nern. Ich fand den Mono­log damals in Dres­den authen­ti­scher gespielt. Der Dresd­ner Yvan kam völ­lig atem­los rein und es brach wie ein Was­ser­fall aus ihm her­aus, er holte keine Luft. In Aarau spürte ich mehr Dis­tanz, Yvan wech­selte die Posi­tion, deu­tete Tele­fon­hö­rer an, er war kon­trol­lier­ter und sprach mit Pausen.

Das Büh­nen­bild war sehr ein­fach gehal­ten, schwarze Wände und ein paar Stühle. Aber das ist durch das Stück gar nicht anders mög­lich, das weiße Bild muss im Zen­trum ste­hen. Und zuviel Deko­ra­tion würde die Auf­merk­sam­keit vom Bild ablen­ken. Drei Men­schen und ein wei­ßes Bild von 120×90. Das genügt für Theater.

Alles in allem eine sehr gelun­gene Insze­nie­rung, die ich mit gro­ßer Anteil­nahme mit­er­lebt habe. Das Stück selbst gefällt mir sogar noch bes­ser als Der Gott des Gemet­zels.

Buch bei Ama­zon bestel­len

Im Rah­men einer sze­ni­schen Lesung lernte ich gemein­sam mit Freun­den das frühe Dürrenmatt-​​Stück Die Ehe des Herrn Mis­sis­sippi ken­nen. Ins­ge­samt fand ich das Stück mit­tel­mä­ßig, aber Dür­ren­matt ver­wen­dete einige span­nende Ansätze und Ideen, die ich gern dis­ku­tie­ren möchte.

Jede Haupt­per­son im Stück ver­kör­pert eine Idee oder Ideo­lo­gie. Mis­sis­sippi steht für bib­li­sche Gerech­tig­keit, Saint-​​Claude für Kom­mu­nis­mus, Übelohe für Liebe, Ana­st­asia für Jetzt­be­zo­genn­heit, Diego für Real­po­li­tik und Macht­wil­len. Die Hand­lung zwi­schen den Per­so­nen ist dem­zu­folge ent­we­der sym­bo­lisch als Aus­ein­an­der­set­zung von Ideen zu ver­ste­hen oder dient ledig­lich als Rahmen.

Die Anfangs­szene zeigt Ana­st­asia kurz nach dem Tod ihres ers­ten Gat­ten, eines Zucker­fa­bri­kan­ten. Mis­sis­sippi, der uner­bitt­li­che Staats­an­walt, besucht sie und wirft ihr vor, dass sie ihren Gat­ten ver­gif­tet habe. Sie leug­net, Mis­sis­sippi kann sie letzt­end­lich aber doch zu einem Geständ­nis bewe­gen. Er gesteht ihr, dass auch er seine Gat­tin umge­bracht habe, als Strafe für diese bei­den Morde bie­tet er ihr die Ehe an.

Ich fand diese Anfangs­szene sehr gelun­gen, sprach­lich sehr geho­ben und alle Regeln der Eti­kette wah­rend, aber doch bit­ter­böse in der Dar­stel­lung mensch­li­cher Abgründe. Jedoch sind es ja keine ech­ten Men­schen, son­dern Ideen, die da auf der Bühne wan­deln. Somit ist die Ehe zwi­schen Mis­sis­sippi und Ana­st­asia sym­bo­lisch zu ver­ste­hen, als Auf­ein­an­der­tref­fen von bib­li­scher Gerech­tig­keit und Wirk­lich­keit. Wäh­rend Mis­sis­sippi unauf­halt­sam Todes­ur­teile im Dienste sei­nes Gerechtigkeits-​​Ideals durch­setzt, wird Ana­st­asia zum Engel der Gefäng­nisse, indem sie den zum Tode Ver­ur­teil­ten Trost spen­det. Unnach­gie­bige Härte wird durch Mit­ge­fühl beglei­tet und erst dadurch real.

Saint-​​Claude ist ille­gal ein­ge­reist, um die kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­tion auch in dem Land anzu­fa­chen, wo das Stück spielt. Iro­ni­scher­weise bezeich­net Saint-​​Claude es als his­to­ri­sches Unglück, dass sich der Kom­mu­nis­mus aus­ge­rech­net in Russ­land fest­ge­setzt hat, was dazu am wenigs­ten geeig­net sei. Aber es ist ja nicht die letzte Revo­lu­tion, erst soll der Wes­ten kom­mu­nis­tisch wer­den, damit dann am Ende in einem wei­te­ren Schritt auch die Sowjet­union durch eine Revo­lu­tion wahr­haft kom­mu­nis­tisch wer­den wird.

Im Stück ken­nen sich Mis­sis­sippi und Saint-​​Claude von frü­her, als Söhne von Dir­nen fris­te­ten sie ihr Dasein in kal­ten Kel­ler­lö­chern. In die­ser Situa­tion fand Mis­sis­sippi eine Bibel und Saint-​​Claude „Das Kapi­tal”, wel­ches bei­den zur exis­ten­zi­el­len Lek­türe wurde. Über­spitzt könnte man sagen, dass Armut und Elend der Nähr­bo­den für alle Ideo­lo­gien sind und dass ledig­lich der Zufall dar­über ent­schei­det, wel­che Idee beim Ein­zel­nen verfängt.

Inter­es­sant ist nun die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Kom­mu­nis­mus und bib­li­scher Gerech­tig­keit. Saint-​​Claude will Mis­sis­sip­pis Kopf, ent­we­der als Füh­rungs­fi­gur der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung oder als Vor­wand für den Auf­stand, wel­cher den Umsturz ein­lei­ten soll. Auf der sym­bo­li­schen Ebene könnte man also sagen, dass Kom­mu­nis­mus nichts mit Gerech­tig­keit zu tun hat, son­dern sie instru­men­ta­li­siert und über Lei­chen geht. Die ideo­lo­gi­sche Debatte ist im Stück dann auch expli­zit ent­hal­ten, der Wett­streit der Ideen somit klar erkennbar.

Die dritte große Idee ist Liebe, ver­kör­pert durch Graf Übelohe. Er ist jedoch im Stück eher mar­gi­nal ein­ge­bun­den, Dür­ren­matt hat ihn etwas stief­müt­ter­lich behan­delt. Die Asso­zia­tio­nen die­ser Figur mit Jesus, Don Qui­jote, Albert Schweit­zer sind expli­zit und ein­deu­tig, die Figur selbst phi­lo­so­phiert über ihre Bestim­mung und bezich­tigt sich der Lächer­lich­keit. Köst­lich auch die Annahme, eine ein­zige Nacht mit Ana­st­asia mache sie zu sei­ner ewi­gen Geliebten.

Sprach­lich ist das Stück umständ­lich und alt­mo­disch, es lei­det dadurch enorm. Die Cha­rak­tere reden auch alle ähnlich geschwol­len, was das Stück unnö­tig schwer zu lesen und ver­ste­hen macht. Jedoch haben wir die lite­ra­risch gül­tige Fas­sung gele­sen, mög­li­cher­weise exis­tie­ren Büh­nen­fas­sun­gen, die diese Nach­teile nicht mehr haben.

Mein Fazit ist, dass ich die­ses Stück ungern spie­len möchte, ich bevor­zuge authen­ti­sches Spiel, was bei sol­chen Ide­en­stü­cken der fal­sche Ansatz ist. Den­noch ist die Grund­idee span­nend, ein Stück aus dem Wett­streit von Ideen zu ent­wi­ckeln und so etwas Zeit­lo­ses und All­ge­mein­gül­ti­ges zu schaf­fen. Aber was wäre dies, was ist die Prä­misse die­ses Stücks? Ideale schei­tern an der Wirk­lich­keit – etwas wenig.

Ich bin Mathias und spiele momen­tan in zwei Thea­ter­pro­duk­tio­nen, halb­kon­takt und Toscana-​​Therapie. Ich bin also neben Mathias auch Andreas und Ger­hard und so lang­sam ver­liere ich den Überblick.

In halb­kon­takt bin ich Andreas, leite eine Biblio­thek und bin ver­hei­ra­tet mit Marion. Unsere Ehe ist nicht mehr ganz so frisch, da Marion gro­ßen Wert auf ihren Mit­ter­nachts­schlaf legt. Ich (also Andreas) bin da anders, für Molly, die attrak­tive Jugend­freun­din von Marion, ver­zichte ich auch mal auf mei­nen Mit­ter­nachts­schlaf. Also nur ein­mal, ist doch nicht so wild. Und wenn ihr Molly sehen wür­det, könn­tet ihr mich ver­ste­hen. Ich bin doch auch nur ein Mann. Marion muss davon nichts wis­sen, viel­leicht bringt das sogar neuen Schwung in unsere Ehe.

molly (halbkontakt)

Molly (vorn) und Marion (hin­ten), Pro­ben­foto halbkontakt

In der Toscana-​​Therapie bin ich Ger­hard, ein intel­lek­tu­el­ler Mitt­drei­ßi­ger, aka­de­mi­scher Rat. Ich bin ver­hei­ra­tet mit Karin, einer Gra­fi­ke­rin. Wir har­mo­nie­ren per­fekt, ich bin ein Meis­ter des Wor­tes und das Visu­elle ist ihre Domäne. Wir mögen beide Wort­spiele, ich sorge bei Karin immer wie­der mit aus­ge­fal­le­nen Asso­zia­tio­nen für Heiterkeit.

GERHARD Sag mal einen Satz mit “Woge­gen“. (Karin schweigt.) Mir tut der Kopf weh, weil ich wo gegen gerannt bin. Das ist wit­zig. Sehr witzig.

Obwohl, in letz­ter Zeit ver­hält sich Karin ein biss­chen selt­sam. Sie lacht nicht mehr über meine geist­rei­chen Wort­spiele und hat die­sen unmög­li­chen Vic­tor ein­ge­la­den. Obwohl sie genau weiß, dass wir keine Gäste haben sol­len, die Die­ter nicht kennt. Dabei woll­ten wir es uns doch zu zweit in Die­ters Toscana-​​Haus gut­ge­hen las­sen, wie in alten Zei­ten, als wir die Zika­den­klänge genossen.

GERHARD Sie sin­gen! Sin­gen das uralte Lied von Sonne, Som­mer, Süden. Karin! Was ist dir? Wir haben ihn doch immer geliebt, den Gesang der Zika­den! Erin­nere dich! Als wir zel­te­ten damals, im Klos­ter­vor­hof von Santa Fir­mine, inmit­ten der Pinien — war­te­ten wir da nicht gera­dezu auf die Zikaden?

Ich habe da eine Mit­ar­bei­te­rin, Anja Fels. Wir ver­ste­hen uns bes­tens, ich bin ja schließ­lich auch ein guter Chef. Habe extra Füh­rungs­trai­nings besucht damals, Gesprächs­füh­rung, Dees­ka­la­tion und Pro­jekt­ma­nage­ment. Ich kann das. Und Anja macht ihre Sache gut, ist zuver­läs­sig und kom­pe­tent, ein biss­chen unauf­fäl­lig. Sie hat nicht so die­sen Drive, aber sie ist ja auch keine Füh­rungs­kraft. Wird ihr Leben lang Bücher sor­tie­ren. Aber he – das ist ihre Entscheidung.

anja & marion (halbkontakt)

Marion (links) und Anja (rechts), Pro­ben­foto halbkontakt

MARION Sie bat mich um Hilfe.
ANDREAS Um Hilfe? Wieso?
MARION Sie sagt, dass du ihr hin­ter­her­stellst.
ANDREAS Ich?
MARION Offen­bar gibt es einen Typen in der Biblio­thek, der ihr per­verse Nach­rich­ten schickt. Und Nachts stöhnt ihr einer ins Tele­fon. Sie meint, du seist der Täter.
ANDREAS Warum ich?
MARION Weil du der ein­zige Mann im Betrieb bist. Und? Bist du der Täter?
ANDREAS Nein. Natür­lich nicht.
MARION Gut. Dann wäre das ja erle­digt.
ANDREAS Halt­halt­halt. Ich ver­steh nicht, warum Anja dich und nicht mich… Ich bin der Chef, ich muss das Pro­blem doch lösen.

Also lang­sam wird mir das schon ein biss­chen viel. Erst nis­tet sich die­ser Vic­tor hier ein, jetzt sind plötz­lich noch zwei Bekannte von Die­ter auf­ge­taucht, die unbe­dingt ein Foto hier machen müs­sen. Lisa heißt die eine, völ­lig fixiert und will unbe­dingt einen Zement­sack mit­ten im Bild plat­zie­ren. Ihre Beglei­te­rin Sil­via ist da schon net­ter, so spon­tan und offen, da könnte sich Karin noch eine Scheibe abschneiden.

Marion ist schon ein biss­chen ver­klemmt. Also in sexu­el­ler Hin­sicht. Ich will ja nichts wirk­lich Aus­ge­fal­le­nes. Aber man muss doch mal was aus­pro­bie­ren kön­nen, ich merke dann schon, wenn ich zu weit gehe. Manch­mal packt es mich ein­fach, dann will ich schon ein biss­chen expe­ri­men­tie­ren, sie kann ja jeder­zeit sagen, wenn’s ihr nicht mehr passt. Ein­mal bin ich echt zu weit gegan­gen, in Sevilla. Aber he, wir haben dar­über gere­det und jetzt ist alles wie­der in But­ter. Molly ist da schon eher der Typ Frau, der offen ist für gewisse Prak­ti­ken. Die fängt nicht an zu heu­len, wenn’s mal hef­ti­ger wird.

toscana-therapie

Sil­via (links), Ger­hard, Karin, Toscana-​​Therapie

Ich hätte nicht so viel Weiß­wein trin­ken sol­len. Jetzt sitzt diese Sil­via neben mir und mir wird ganz anders. Ich sollte diese Nähe nicht zulas­sen, intel­lek­tu­ell ist sie mir ohne­hin nicht gewach­sen, nicht­mal den Dampfer-​​unter-​​der-​​Brücke-​​Witz hat sie ver­stan­den. Aber sie ver­fügt schon über eine beacht­li­che äußere Attrak­ti­vi­tät, und wenn Karin sich jetzt wirk­lich mit Vic­tor im Bett tum­melt, warum soll ich dann nicht auch, sie kommt mir immer näher, was soll ich nur tun?

Der Orcio in Scher­ben, Anja frist­los ent­las­sen, Die­ter naht, Marion aus­ge­zo­gen, ich hasse Karin, Molly war’s, Fan­fa­ren­klänge, Ver­söh­nung, Wahn­sinn, Vorhang.