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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Stuhl

Auf­wär­men

In nun­mehr fast schon gewohn­ter Manier gin­gen wir an die Vor­be­rei­tung, mit kör­per­li­cher Auf­wär­mung, Zazen-​​Meditation und Sin­ne­ser­in­ne­rung. Aber es fiel mir nie so schwer wie heute. Zum einen war ich erkäl­tet, was mein Kör­per­ge­fühl stark ver­än­derte und meine Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit beein­träch­tigte. Mein Kopf fühlte sich ver­spannt und schwer an, das ging auch durch die Auf­wär­mung nicht weg. Und außer­dem konn­ten es zwei Teil­neh­mer nicht las­sen, unent­wegt zu lachen. Sie waren direkt neben mir, immer wie­der brach ein Lachen her­vor. Es nahm kein Ende und zehrte an mei­nen erkäl­tungs­ge­schwäch­ten Ner­ven. In der Nacht zuvor war Voll­mond gewe­sen, viel­leicht lag es auch daran.

Auf jeden Fall waren die ernst­haft sich Auf­wär­men­den in der Min­der­zahl, die drei neuen Leute zähle ich mal nicht mit, da sie sich noch nicht so recht trau­ten, akus­tisch mit­zu­ma­chen. Das war auch so eine Sache, neue Gesich­ter in der Runde, was für die auf Außen­ste­hende etwas befremd­lich anmu­tende Auf­wärm­rou­tine nicht so opti­mal ist.

Zazen und Sin­ne­ser­in­ne­rung lie­gen gut bei mir, wobei ich durch die Erkäl­tung zwar weni­ger kon­zen­triert aber dafür auch weni­ger ablenk­bar war.

Ein­zel­szene

Die Vor­be­rei­tung einer Szene war Haus­auf­gabe gewe­sen. Meine Idee hatte ich im Web­log ver­öf­fent­licht (Ein­trag vom 29. März), wodurch ich zwei hilf­rei­che Feed­backs erhal­ten hatte. Damit konnte ich die Szene noch ver­bes­sern und war gut vor­be­rei­tet. Den­noch, an eini­gen Stel­len hatte ich mir wenig Gedan­ken gemacht und musste mehr oder weni­ger improvisieren.

Meine Anfangs­emo­tion war Wut auf Unord­nung. Da konnte ich mich recht ein­fach hin­ein­be­ge­ben, ich führte ein ima­gi­nä­res Gespräch mit mei­nem fik­ti­ven lie­der­li­chen Mit­be­woh­ner und stellte mir bild­haft schim­melnde Kochüber­bleib­sel vor. So gela­den konnte der Auf­tritt begin­nen. Ich begann meine Schimpf­ti­rade, riss die Tür auf, schickte die unmiss­ver­ständ­li­che Auf­for­de­rung hin­ter­her, doch end­lich mal die Küche auf­zu­räu­men, und betrat den Raum. In des­sen Mitte stand eine Matratze und ein Stuhl, mehr brauchte ich nicht. Ich ging zum Stuhl. An die­ser Stelle hatte ich mir nicht groß vor­her über­legt, warum. Jeden­falls rückte ich den Stuhl zurecht, rich­tete ihn mil­li­me­ter­ge­nau recht­wink­lig aus. Der Pedant sollte deut­lich wer­den. Dann ging ich raus, wie­der auf mei­nen fik­ti­ven Mit­be­woh­ner schimp­fend, warum er denn mei­nen Stuhl ver­rückt habe. In der Zwi­schen­zeit hatte ein Gehilfe den Stuhl wie­der etwas ver­rückt. Somit fand ich bei mei­ner Rück­kehr den Stuhl wie­der im abso­lu­ten Chaos vor. Vor Schreck ließ ich den Metall­be­cher fal­len und begann, an mei­nem Ver­stand zu zwei­feln. Nach einer Weile ging ich dann raus, mit ein paar Wor­ten der Ent­schul­di­gung an mei­nen fik­ti­ven Mitbewohner.

Das Feed­back war über­wie­gend posi­tiv, ich hatte den Raum gut genutzt und den Stuhl her­vor­ra­gend ein­ge­setzt, um mei­nen Cha­rak­ter zu illus­trie­ren. Mein fik­ti­ver Mit­be­woh­ner war viel­leicht nicht ganz rea­lis­tisch, aber meine eige­nen Emo­tio­nen ihm gegen­über kamen gut zum Aus­druck. Nega­tiv war die Dar­stel­lung der Über­ra­schung, das kam wohl nicht ganz authen­tisch rüber. Ist auch schwie­rig, das dar­zu­stel­len, ich wusste ja schon, was passiert.

Haus­auf­ga­ben

drei Materialien/​Gegenstände mit allen Sin­nen in pri­va­ter Atmo­sphäre ent­de­cken
DVD „Book über Brook” schauen

Es soll eine vor­be­rei­tete Theater-​​Kurzszene für eine Per­son wer­den, unge­fähr zwei Minu­ten lang. Ich darf spre­chen, aber han­deln und füh­len sind wich­ti­ger. Es soll schließ­lich keine Kabarett-​​Nummer wer­den. Nach­dem ich am letz­ten Mitt­woch eine wenig plau­si­ble Hand­lung gewählt hatte, soll mein Auf­tritt dies­mal glaub­wür­dig und mit­rei­ßend zugleich sein.

Im Laufe der letz­ten Tage dachte ich immer wie­der an die­sen Auf­tritt. Nach und nach setz­ten sich die ein­zel­nen Hand­lungs­ele­mente zusam­men, es fie­len mir immer bes­sere Begrün­dun­gen für meine Tätig­kei­ten ein. Warum ver­lasse ich den Raum? Das war die zen­trale Frage, erst dachte ich an einen feh­len­den Wecker, aber der Was­ser­be­cher ist wesent­lich dramatischer.

Ort

Schlaf­zim­mer oder Stu­dio, sicht­bar ist ein Bett rechts und ein Stuhl neben dem Bett in Rich­tung Tür, auf dem Stuhl lie­gen Klei­der, eine Hose sollte dabei sein, in einer Hosen­ta­sche ein Mobiltelefon

Zeit

Nacht

Requi­si­ten draußen

Metall­be­cher mit Was­ser, Lappen

Hand­lung

Die Anfangs­emo­tion ist Müdig­keit. Ich muss vor dem Erschei­nen auf der Bühne in diese Emo­tion rein­kom­men. Sollte nicht wei­ter schwie­rig sein, ich denke ein­fach an die Instruk­tio­nen vom Auto­ge­nen Trai­ning (meine Arme sind ganz schwer usw.)

Ich betrete die Bühne, schläf­rig. Ich sehe das Bett, da ist mein Ziel. Aber ich habe es nicht eilig. Ich gehe lang­sam zum Bett und setze mich dar­auf. Ich möchte mich bett­fer­tig machen, ziehe einen Schuh aus.

Plötz­lich bemerke ich diese Tro­cken­heit im Mund. Ein Glas Was­ser wäre super jetzt. Ich streife den Schuh wie­der über und gehe raus.

Ein Hel­fer ver­rückt den Stuhl in mei­ner Abwe­sen­heit. Nicht viel, eine Dre­hung um viel­leicht 45° vielleicht.

Ich komme wie­der rein mit dem vol­len Was­ser­be­cher, schließe die Tür. Ich trinke, es tut gut. Ich bemerke den ver­än­der­ten Stuhl, lasse den Becher fal­len. Es gibt ein lau­tes Geräusch, das Was­ser spritzt, meine Auf­merk­sam­keit ver­la­gert sich auf die Pfütze vor mir. Ich gehe raus, den Lap­pen holen.

Noch­mals wird der Stuhl ver­än­dert, dies­mal einen hal­ben Meter ver­stellt und gedreht.

Ich komme rein, wische die Pfütze auf. Dann fällt mein Blick auf den Stuhl. Ich bin irri­tiert, werde zuneh­mend ner­vös. Ich laufe im Zim­mer umher, prüfe das Fens­ter. Es kann nicht sein, ich muss mir das alles ein­bil­den. Ich setze mich aufs Bett.

Ich nehme das Mobil­te­le­fon und rufe jeman­den an. Ich bin ver­wirrt, ängst­lich und bitte um Asyl. Ich ver­lasse das Zim­mer, erleichtert.

Ein durch­drin­gen­der Schrei, mein Kör­per wird gegen die Tür gewor­fen. Stille.

Vor­hang (wenn einer da wäre)

Okay, es ist ein biss­chen Thriller-​​mäßig. Aber ich mag ein­fach keine Happy-​​Ends. Alter­na­tiv könnte man ein „es war alles nur ein Traum”-Ende machen, aber das finde ich auch weni­ger spannend.

Mei­nun­gen?