Es ist eins der weni­ger bekann­ten Stü­cke von Ten­nes­see Wil­liams, der den meis­ten wahr­schein­lich durch Die Katze auf dem hei­ßen Blech­dach oder End­sta­tion Sehn­sucht ein Begriff ist. Den­noch ist es äußerst loh­nend, viel­schich­tig ange­legt und hält dem ame­ri­ka­ni­schen Süden einen scho­nungs­lo­sen Spie­gel vor.

Die Haupt­fi­gur ist Val, ein her­um­zie­hen­der Sän­ger mit Schlan­gen­le­der­ja­cke und Gitarre auf dem Rücken. Er kommt in einem pro­vin­zi­el­len Örtchen an, auf der Suche nach Arbeit. Die Besit­ze­rin eines Ladens (Lady) stellt ihn als Laden­ge­hil­fen an und zwi­schen den bei­den ent­wi­ckelt sich eine inter­es­sante Bezie­hung. Sie ist unglück­lich ver­hei­ra­tet, ihr Mann nach einer Krebs-​​Operation ein wan­deln­der Toter. Auch andere Damen füh­len sich vom cha­ris­ma­ti­schen Frem­den ange­zo­gen, ihre uner­füll­ten Sehn­süchte und zer­bro­che­nen Träume kom­men zum Vorschein.

Schön und sym­bo­lisch zugleich ist Val’s Geschichte von einem klei­nen blauen Vogel ohne Füße, der nie­mals den Boden berührt, außer bei sei­nem Tod. So will er sein, unkor­rum­piert und frei.

Aus­zug aus „Orpheus Descen­ding” von Ten­nes­see Wil­liams (MP3, 900 kB)

Der Bezug zur grie­chi­schen Mytho­lo­gie ist schon durch den Titel gege­ben. Orpheus war dort der berühm­teste aller Sän­ger und konnte sogar die Her­zen von Hades und Per­se­phone erwei­chen, nach­dem seine Frau Eury­dike durch einen Schlan­gen­biss gestor­ben war. Sie durfte mit ihm zurück in die Ober­welt, aber unter der Bedin­gung, dass er vor­an­ge­hen und sich nicht nach ihr umschauen dürfe. Als er schon oben ist, sie aber noch nicht ganz, dreht er sich zu früh um und ver­liert seine Frau erneut. Die Ähnlich­keit zum Gitarre spie­len­den Val ist offen­sicht­lich, das Her­ab­stei­gen von Orpheus in den Hades ent­spricht also dem Ankom­men von Val im Ort. Der ame­ri­ka­ni­sche Süden als Hölle – ein erschre­cken­des Bild.