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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Szene

Auf­wär­men, Sin­ne­ser­in­ne­rung mit neu­tra­lem Text

Das kör­per­li­che Auf­wär­men und das Zazen waren wir immer. Ich war heute kör­per­lich fit­ter als letz­tes Mal aber leich­ter ablenk­bar. Bei der Sin­ne­ser­in­ne­rung (drei Stoffe mit allen Sin­nen ent­de­cken) soll­ten wir den neu­tra­len Text gleich­zei­tig auf­sa­gen. Das war eine immense Her­aus­for­de­rung, bei mir saß der Text dafür nicht gut genug.

Ich hatte mir den Anfang von Ulys­ses (James Joyce) gewählt. Okay, es mag kein Buch sein, das mir abso­lut egal ist, aber wenn ich schon einen Text lerne, dann einen von hoher lite­ra­ri­scher Qua­li­tät. Beim Lesen war mir die­ser Text noch recht unver­ständ­lich vor­ge­kom­men, die deut­sche Premium-​​Ausgabe ist mit tau­sen­den erklä­ren­den Fuß­zei­len durch­setzt, die den Text­fluss unter­bre­chen. Aber durch das Ler­nen konnte ich mich auf einen kur­zen Abschnitt kon­zen­trie­ren und des­sen ganze Schön­heit ent­de­cken. Es ist so dicht geschrie­ben, jedes Wort sitzt. Hut ab vor dem Über­set­zer (Hans Woll­schlä­ger).

Statt­lich und feist erschien Buck Mul­li­gan am Trep­pen­aus­tritt, ein Sei­fen­be­cken in Hän­den, auf dem gekreuzt ein Spie­gel und ein Rasier­mes­ser lagen. Ein gel­ber Schlaf­rock mit offe­nem Gür­tel bauschte sich leicht hin­ter ihm in der mil­den Mor­gen­luft. Er hielt das Becken in die Höhe und into­nierte:
Introibo ad altare Dei.
Inne­hal­tend spähte er die dunkle Wen­del­treppe hin­un­ter und kom­man­dierte grob:
– Komm rauf, Kinch! Komm rauf, du fei­ger Jesuit!
Fei­er­lich schritt er wei­ter und erstieg das runde Geschütz­la­ger. Dort machte er kehrt und seg­nete wür­de­voll drei­mal den Turm, das umlie­gende Land und die erwa­chen­den Berge. Dann gewahrte er Ste­phen Deda­lus, ver­neigte sich vor ihm und schlug rasche Kreuze in die Luft, keh­lig gluck­send dabei und den Kopf schüt­telnd. Ste­phen Deda­lus, miß­lau­nig und schläf­rig, lehnte die Arme auf den Rand der Trep­pen­mün­dung und betrach­tete kalt das sich schüt­telnde, gluck­sende, in sei­ner Länge pfer­de­hafte Gesicht, das ihn seg­nete, und das helle untons­u­rierte Haar, das fle­ckig getönt war wie matte Eiche.

Quelle: James Joyce, Ulys­sus, über­setzt von Hans Woll­schlä­ger, Suhrkamp-​​Verlag, 2004

Jeden­falls ver­suchte ich die­sen Text zu spre­chen und mir dabei die Ein­drü­cke von der Sinnes-​​Übung vor­zu­stel­len. Eigent­lich geht das nicht, man kann sich nur auf eine Sache kon­zen­trie­ren. So hatte ich zumin­dest in mei­ner Dis­ser­ta­tion argu­men­tiert, wel­che sich mit der Prä­senz in vir­tu­el­len Umge­bun­gen befasste. Dabei kann es zu Wider­sprü­chen zwi­schen den Sin­nes­ein­drü­cken kom­men. Zum Bei­spiel sieht man sich visu­ell um eine Kurve bie­gen (Renn­si­mu­la­tion), jedoch fehlt die Zen­tri­fu­gal­kraft. Vir­tu­elle und reale Umge­bung strei­ten um die Hoheit, aber der Mensch kann sich nur für eine ent­schei­den. Auf die Übung bezo­gen bedeu­tet das, dass man den Text so gut aus­wen­dig ken­nen muss, dass er völ­lig auto­ma­tisch abruf­bar ist. Ich musste mich jeden­falls stark kon­zen­trie­ren und die Inten­si­tät der Sin­ne­ser­in­ne­rung nahm auch ab.

Ler­nen von Text

Um einen Text wirk­lich gut zu beherr­schen, muss man ihn sehr oft wie­der­ho­len. In ver­schie­dens­ten All­tags­si­tua­tio­nen auf­sa­gen, einen Zet­tel im WC auf­hän­gen, iPod damit füt­tern, etc. Mir kommt mein täg­li­ches Pen­deln da zugute, so habe ich jeden Tag zwei­mal die Mög­lich­keit, den Text zu repe­tie­ren. Beim ers­ten Ler­nen mit Zet­tel kommt es auch auf die Ein­sätze an, nur seine eige­nen Sätze zu beherr­schen reicht nicht (siehe Weblog-​​Eintrag Ler­nen von Theatertext(en)).

Zur­zeit habe ich reich­lich Gele­gen­heit zum Text­ler­nen. Im Kurs brauch­ten wir den neu­tra­len Text und einen emo­tio­na­len Dia­log zwi­schen Selbstmörder(in) und Kommissar(in). Für das aki­tiv–Mini­drama muss ich min­des­tens mei­nen eige­nen Text beherr­schen, bes­ser wäre der ganze. Und für die Top Dogs–Pro­duk­tion gilt es auch, einen län­ge­ren Mono­log aus­wen­dig zu beherrschen.

Wiederholungs-​​Übungen

Basie­rend auf der Methode von Sandy Meis­ner trai­nier­ten wir das gegen­sei­tige Zuhö­ren. Zwei Leute saßen sich gegen­über, das ein­zige zuge­las­sene Wort war But­ter. Danach gab es etli­che Kom­bi­na­tio­nen, wobei meist gegen­sätz­li­che Instruk­tio­nen vor­ge­ge­ben waren (dem ande­ren schmei­cheln, Geld lei­hen, zum Gebet über­re­den, aufregen).

Akti­ves Zuhö­ren ist schon im nor­ma­len Leben eine sel­tene Fähig­keit, auf der Bühne ist es durch die Anspan­nung noch schwie­ri­ger (siehe Weblog-​​Eintrag Gute Gesprä­che, schlechte Gesprä­che, Büh­nen­ge­sprä­che). Bei der Fenstersturz-​​Szene sollte sich das sehr deut­lich zeigen.

Fenstersturz-​​Szene

Wir hat­ten eine knappe halbe Stunde zur Vor­be­rei­tung, ein Groß­teil der Zeit ging für Text­pro­ben drauf. Ich spielte den Kom­mis­sar, der eine poten­zi­elle Selbst­mör­de­rin von ihrem Vor­ha­ben abbrin­gen will. Für mich war klar, dass ich die Dis­tanz zu ihr ver­rin­gern wollte. Immer dann, wenn sie nicht schaut, wollte ich mich lang­sam anpir­schen, Mil­li­me­ter für Mil­li­me­ter. Und dabei ruhig wir­ken, mir aber des Erns­tes der Situa­tion voll bewusst zu sein. Wir schau­ten uns den Text auch wegen Bewegungs-​​Impulsen an. Am Anfang wollte ich nichts­ah­nend den Raum betre­ten, dann erst die Frau auf dem Fens­ter­sims sehen und die Selbstmord-​​Absicht rea­li­sie­ren. Mit mei­nen ers­ten Sät­zen wollte ich auf sie zuge­hen, werde jedoch von ihren kla­ren Stopp-​​Aussagen geblockt. Beim Ende hat­ten wir uns nicht wirk­lich was über­legt, wes­we­gen ich bei ihrem Sturz dann ein­fach in einem Freeze erstarrte.

Blick auf Siena
Wie kann man auf der Bühne Höhe glaub­haft dar­stel­len?

Als Feed­back kamen dann lobende Worte für die Fein­heit mei­ner Rolle, aber nega­tiv war die Anspan­nung gewe­sen. Als Polizei-​​Psychologe würde man geschult auf Dees­ka­la­tion, Zuhö­ren und das Aus­strah­len von Ruhe sein, anstatt sich ver­krampft anzu­schlei­chen. Und das Ende war natür­lich nicht opti­mal, nach dem Sturz geht die Szene wei­ter, da hätte ich mir noch was über­le­gen sol­len. Aber es schaffte eigent­lich kei­ner der Kom­mis­sare in der Gruppe, voll­stän­dig zu überzeugen.

Nächste Woche bin ich dann der Selbst­mör­der, das wird span­nend. Ein wich­ti­ger Punkt ist die Höhe, ich stehe auf einem Fens­ter­sims und es geht 20 Meter run­ter auf die Straße. Als Klet­te­rer habe ich ja nicht so enorme Pro­bleme mit Höhe, aber Respekt schon. Und den gilt es authen­tisch dar­zu­stel­len. Aber der viel grö­ßere Knack­punkt ist die psy­cho­lo­gi­sche Situation.

Haus­auf­ga­ben

  1. In Bade­wanne oder Dusche kleb­rige Sub­stanz mit allen Sin­nen erfor­schen. Das wird eklig.
  2. Eine aus­ge­wählte Per­son beob­ach­ten, mög­lichst viele Aspekte zusam­men­tra­gen. Zusätz­lich kann man in der Stadt einer unbe­kann­ten Per­son unauf­fäl­lig folgen.
  3. Andere Rolle der Fens­ter­sturz–Szene vor­be­rei­ten (Selbstmörder).

Beginn von Ulys­ses (James Joyce), gele­sen von mir, MP3

Auf­wär­men

In nun­mehr fast schon gewohn­ter Manier gin­gen wir an die Vor­be­rei­tung, mit kör­per­li­cher Auf­wär­mung, Zazen-​​Meditation und Sin­ne­ser­in­ne­rung. Aber es fiel mir nie so schwer wie heute. Zum einen war ich erkäl­tet, was mein Kör­per­ge­fühl stark ver­än­derte und meine Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit beein­träch­tigte. Mein Kopf fühlte sich ver­spannt und schwer an, das ging auch durch die Auf­wär­mung nicht weg. Und außer­dem konn­ten es zwei Teil­neh­mer nicht las­sen, unent­wegt zu lachen. Sie waren direkt neben mir, immer wie­der brach ein Lachen her­vor. Es nahm kein Ende und zehrte an mei­nen erkäl­tungs­ge­schwäch­ten Ner­ven. In der Nacht zuvor war Voll­mond gewe­sen, viel­leicht lag es auch daran.

Auf jeden Fall waren die ernst­haft sich Auf­wär­men­den in der Min­der­zahl, die drei neuen Leute zähle ich mal nicht mit, da sie sich noch nicht so recht trau­ten, akus­tisch mit­zu­ma­chen. Das war auch so eine Sache, neue Gesich­ter in der Runde, was für die auf Außen­ste­hende etwas befremd­lich anmu­tende Auf­wärm­rou­tine nicht so opti­mal ist.

Zazen und Sin­ne­ser­in­ne­rung lie­gen gut bei mir, wobei ich durch die Erkäl­tung zwar weni­ger kon­zen­triert aber dafür auch weni­ger ablenk­bar war.

Ein­zel­szene

Die Vor­be­rei­tung einer Szene war Haus­auf­gabe gewe­sen. Meine Idee hatte ich im Web­log ver­öf­fent­licht (Ein­trag vom 29. März), wodurch ich zwei hilf­rei­che Feed­backs erhal­ten hatte. Damit konnte ich die Szene noch ver­bes­sern und war gut vor­be­rei­tet. Den­noch, an eini­gen Stel­len hatte ich mir wenig Gedan­ken gemacht und musste mehr oder weni­ger improvisieren.

Meine Anfangs­emo­tion war Wut auf Unord­nung. Da konnte ich mich recht ein­fach hin­ein­be­ge­ben, ich führte ein ima­gi­nä­res Gespräch mit mei­nem fik­ti­ven lie­der­li­chen Mit­be­woh­ner und stellte mir bild­haft schim­melnde Kochüber­bleib­sel vor. So gela­den konnte der Auf­tritt begin­nen. Ich begann meine Schimpf­ti­rade, riss die Tür auf, schickte die unmiss­ver­ständ­li­che Auf­for­de­rung hin­ter­her, doch end­lich mal die Küche auf­zu­räu­men, und betrat den Raum. In des­sen Mitte stand eine Matratze und ein Stuhl, mehr brauchte ich nicht. Ich ging zum Stuhl. An die­ser Stelle hatte ich mir nicht groß vor­her über­legt, warum. Jeden­falls rückte ich den Stuhl zurecht, rich­tete ihn mil­li­me­ter­ge­nau recht­wink­lig aus. Der Pedant sollte deut­lich wer­den. Dann ging ich raus, wie­der auf mei­nen fik­ti­ven Mit­be­woh­ner schimp­fend, warum er denn mei­nen Stuhl ver­rückt habe. In der Zwi­schen­zeit hatte ein Gehilfe den Stuhl wie­der etwas ver­rückt. Somit fand ich bei mei­ner Rück­kehr den Stuhl wie­der im abso­lu­ten Chaos vor. Vor Schreck ließ ich den Metall­be­cher fal­len und begann, an mei­nem Ver­stand zu zwei­feln. Nach einer Weile ging ich dann raus, mit ein paar Wor­ten der Ent­schul­di­gung an mei­nen fik­ti­ven Mitbewohner.

Das Feed­back war über­wie­gend posi­tiv, ich hatte den Raum gut genutzt und den Stuhl her­vor­ra­gend ein­ge­setzt, um mei­nen Cha­rak­ter zu illus­trie­ren. Mein fik­ti­ver Mit­be­woh­ner war viel­leicht nicht ganz rea­lis­tisch, aber meine eige­nen Emo­tio­nen ihm gegen­über kamen gut zum Aus­druck. Nega­tiv war die Dar­stel­lung der Über­ra­schung, das kam wohl nicht ganz authen­tisch rüber. Ist auch schwie­rig, das dar­zu­stel­len, ich wusste ja schon, was passiert.

Haus­auf­ga­ben

drei Materialien/​Gegenstände mit allen Sin­nen in pri­va­ter Atmo­sphäre ent­de­cken
DVD „Book über Brook” schauen

Elf Schau­spie­ler, ein Regis­seur, sechs Fla­schen Wein, ein Kof­fer­raum voll Ess­wa­ren, ein Haus in Frau­en­feld — das waren die Zuta­ten für das erste Pro­be­wo­chen­ende der lau­fen­den aki­tiv–Pro­duk­tion „Arka­dien” (Tom Stop­pard). Abge­schie­den vom Lärm der Groß­stadt kon­zen­trier­ten wir uns auf das Stel­len von Sze­nen. Wobei eigent­lich immer nur ein Teil der Leute mit Pro­ben direkt beschäf­tigt war, die ande­ren lern­ten Text, koch­ten oder jon­glier­ten mit Mandarinen.

An die­sem frü­hen Sta­dium der Pro­duk­tion kom­men eigent­lich alle Sze­nen mal dran und wer­den gestellt. Das Ziel ist dabei, dass jedem klar ist, wann er wo sein muss. Manch­mal schreibt der Text diese Dinge schon recht genau vor, aber sehr oft hat man da gro­ßen Frei­raum oder merkt, dass die Anga­ben im Text nicht funk­tio­nie­ren. Meis­tens fängt man irgend­wie an, pro­biert ein paar Kon­stel­la­tio­nen aus und merkt dann recht schnell, was am bes­ten aus­sieht und von den Schau­spie­lern als natür­lich emp­fun­den wird. Im Prin­zip beginnt schon an die­ser Stelle der Pro­zess des Recht­fer­ti­gens, jede Bewe­gung, jeder Auf– und Abgang wol­len begrün­det sein. Es ist viel ein­fa­cher, sich ein gerecht­fer­tig­tes Ziel für eine Bewe­gung auf der Bühne zu set­zen als ein­fach mal nach rechts zu gehen, weil als nächs­tes jemand von links kommt, den man sonst ver­deckt. Der Regis­seur ach­tet aufs Gesamt­bild, der Schau­spie­ler muss für sich seine Hand­lun­gen recht­fer­ti­gen. Als erfah­re­ner Schau­spie­ler kann man sich an die­ser Stelle auch schon sehr stark ein­brin­gen und dafür sor­gen, dass keine total komi­schen Bewe­gun­gen ste­hen blei­ben. Je mehr Leute auf der Bühne sind, desto schwie­ri­ger. Des­halb sind die dyna­mi­schen Mas­sen­sze­nen so schwie­rig zum Inszenieren.

Wenn jedem Schau­spie­ler seine Posi­tion klar ist, kann man dann wei­ter arbei­ten, zum Bei­spiel am grund­sätz­li­chen Cha­rak­ter, der auch ins Gesamt­bild pas­sen muss. Auch damit haben wir zum Teil schon begon­nen, meine Rolle des Land­schafts­ar­chi­tek­ten wird jetzt sehr in Rich­tung clow­nes­ker Visio­när gehen, um in diese Szene etwas Schwung zu bringen.