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mathias wellner

auf den spuren meiner selbst

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Tag: theater

Ein aktu­el­les Thea­ter­pro­jekt dreht sich um das Thema „Zu Hause”. Es ist des­halb eine Art Haus­auf­gabe, sich mal mit die­sem Thema zu beschäftigen.

Zu Hause als Ort

In ers­ter Linie ist das Zuhause ein Ort, schließ­lich ist Haus der Haupt­be­stand­teil des Begriffs. Die Frage ist natür­lich, wie Leute vor dem Bau von Häu­sern ihr Zuhause genannt haben. Aber man kann ja auch in Höh­len und Hüt­ten hausen.

Ich habe in vie­len Häu­sern gewohnt und kann mich noch gut erin­nern. In Dresden-​​Laubegast wohn­ten wir in einer Zwei­raum­woh­nung unter dem Dach, danach ging es zumin­dest grö­ßen­mä­ßig schritt­weise auf­wärts. Drei Räume im Erd­ge­schoss stan­den uns in Dresden-​​Kleinzschachwitz zur Ver­fü­gung, vier Räume in Dresden-​​Leuben. Dann folgte die WG-​​Zeit in mei­nem schö­nen gel­ben Zim­mer in Dresden-​​Löbtau. Nach einem Zwi­schen­stopp in Blacks­burg, Vir­gi­nia kehrte ich wie­der ins WG-​​Zimmer zurück. Dann folgte der Sprung nach Zürich-​​Witikon, eine Ein­raum­woh­nung unter dem Dach war für vier­ein­halb Jahre mein Zuhause. Kürz­lich der Umzug nach Zürich-​​Oberstraß, ins Herz der Stadt in eine wesent­lich grö­ßere Woh­nung in loser WG. Es sind viele Häu­ser und Woh­nun­gen, in denen ich gelebt habe. Getrost kann man noch die Schu­len, die Uni­ver­si­tä­ten und Arbeits­stel­len dazu zäh­len, in denen ich für lange Zeit ein– und aus­ging. Da kom­men viele Gebäude zusam­men, wobei gerade die Viel­zahl die genaue Fest­le­gung eines Zuhau­ses erschwert. Über­all und nir­gends bin ich zu Hause, alles ist flüch­tig. Ich kann mich nur an den Moment klam­mern, an den aktu­el­len Zustand, meine aktu­elle Bleibe.

Elbbogen von der Frauenkirche aus
Dres­den war lange Zeit mein Zuhause.

Bezo­gen auf Städte war Dres­den für sehr lange Zeit mein Zuhause, Blacks­burg nur kurz und Zürich jetzt schon seit fast fünf Jah­ren. Mich bringt die Frage „Woher kommst du?” immer ein wenig in Ver­le­gen­heit, instink­tiv ant­worte ich mit Dres­den, daher komme ich, dort sind meine Wurzeln.

Zu Hause als Menschen

Aber letzt­lich sind es in ers­ter Linie die Men­schen, die ein Zuhause aus­ma­chen. Wenn ich weg­ge­zo­gene Freunde oder Ver­wandte treffe, fühle ich mich zuhause, unab­hän­gig vom Ort. Ein Ort ist nur beim ers­ten Mal neu, schon beim zwei­ten Mal Hin­fah­ren auf der glei­chen Route blen­det der Ver­stand das schon Gese­hene aus. Was bleibt, ist die Begeg­nung mit dem Menschen.

Und man fühlt sich in einer neuen Stadt erst dann zuhause, wenn man ein Umfeld von Freun­den hat, wenn man ein­ge­la­den wird und sich ange­nom­men fühlt. Dann ist man wirk­lich angekommen.

Zu Hause als Sprache

Die Spra­che ist ein wei­te­rer Aspekt. Auf mei­nen häu­fi­gen Fahr­ten von Zürich nach Dres­den und zurück gibt es immer die­ses erste Mal, wenn ich Säch­sisch oder rückzu Schwei­zer­deutsch höre. Das weckt in mir Hei­mat­ge­fühle, in beide Richtungen.

Zürich bei Nacht
Bahn­hof­strasse in Zürich, mei­ner Wahl­hei­mat.

Die Auf­re­gung in der Schweiz über die von eini­gen so emp­fun­dene Über­frem­dung durch deut­sche Zuwan­de­rer ist vor allem sprach­lich bedingt. Wenn mehr und mehr Hoch­deutsch erklingt, ob nun im Tram, im Wirts­haus, beim dienst­li­chen Tele­fo­nat oder an den Uni­ver­si­tä­ten, dann füh­len sich die Schwei­zer nicht mehr zu Hause.

Zu Hause als Gefühl

Das Gefühl der Gebor­gen­heit im Mut­ter­leib ist wohl der Ursprung von „zu Hause”. Es ist warm und dun­kel, das Blut rauscht, Stim­men von außen klin­gen gedämpft und ver­zerrt, das Herz der Mut­ter schlägt, man muss nichts machen, kein Leis­tungs­zwang, keine Geschäf­tig­keit, ein­fach nur wach­sen. Zu Hause fühlt man sich somit dann, wenn man gebor­gen, behü­tet und aner­kannt ist.

Es ist ein Gefühl, das sich durch ver­schie­dene Umstände ein­stellt, ein ver­trau­ter Ort, eine ver­traute Umge­bung, ver­traute Men­schen, die Liste ließe sich belie­big fort­set­zen. Als Thea­ter­mensch ist man auf der Bühne „zu Hause”, als Auto­fah­rer in sei­nem Wagen, als Alpi­nist in den Ber­gen. Es ist immer etwas Ver­trau­tes dabei und auch Vertrauen.

Bezug zum Stück

Im Thea­ter­stück ist der Prot­ago­nist auf der Suche nach sei­nem Zuhause, weiß aber nicht, wo das ist. Er begeg­net ver­schie­de­nen Per­so­nen, die ihn zum Taxi­stand, zur Post, zum Hotel schi­cken. Aber so rich­tig ist das alles nicht, was er sucht. Er weiß am Ende nicht mehr als vorher.

Im Stück wird die Suche nach dem Zuhause von allen Cha­rak­te­ren als die Suche nach einem bestimm­ten Ort inter­pre­tiert. Aber ein bestimm­ter Ort kann die Sehn­sucht des Haupt­dar­stel­lers nicht befrie­di­gen, er sucht sein Zuhause auf einer ande­ren Ebene.

Spre­chen ist eine Kunst, die nur wenige beherr­schen. Seine eige­nen Fähig­kei­ten bezüg­lich Spra­che zu ver­bes­sern lohnt sich, nicht nur fürs Thea­ter. Denn eine volle, wohl­klin­gende Stimme strahlt Selbst­si­cher­heit und Kom­pe­tenz aus, was in allen Lebens­la­gen nütz­lich ist. Im Thea­ter ist eine ver­ständ­li­che Aus­spra­che natur­ge­mäß zen­tral, da das Publi­kum sonst wenig von der Auf­füh­rung hat. Und außer­dem beste­hen die meis­ten Stü­cke vor allem aus Text, die Regie­an­wei­sun­gen hal­ten sich eher in Grenzen.

Der Weg zu einer bes­se­ren Spra­che ist lang. Es lohnt sich, ein Gehör dafür zu ent­wi­ckeln, geschulte Spre­cher in Radio und Fern­se­hen soll­ten ein Vor­bild sein. Erst heute habe ich in der Tages­schau inten­siv dar­auf geach­tet, wie der Spre­cher das r aus­spricht, hin­ten in der Kehle (Nord­deutsch­land) oder vorn an den Zäh­nen (Süd­deutsch­land, Schweiz, Öster­reich). Die nord­deut­sche Vari­ante domi­niert, was auch dem gepfleg­ten Bühnen-​​Deutsch entspricht.

Büh­nen­deutsch in der Schweiz

In der Schweiz mit einer star­ken Stel­lung des Dia­lekts ist die Frage der Büh­nen­spra­che hei­kel. Die wenigs­ten Schwei­zer kön­nen akzent­frei Hoch­deutsch spre­chen, viele Thea­ter­grup­pen füh­ren des­halb im Dia­lekt auf. Für Schwei­zer ist der Weg zum Büh­nen­deutsch lang und müh­sam, genauso müh­sam wie für mich der Weg zum akzen­freien Schwei­zer­deutsch wäre. Es ist fast ein aus­sichts­lo­ser Kampf, da die gesamte Umge­bung Schwei­zer­deutsch spricht und somit auch das Gefühl für die hoch­deut­sche Aus­spra­che fehlt. Der ein­zige Weg ist eine mög­lichst kom­plette Immer­sion ins Hoch­deut­sche, mög­lichst jeden Tag die Spra­che hören und somit ein Gefühl für die Aus­spra­che und Beto­nung ent­wi­ckeln. Außer­dem mög­lichst oft spre­chen, bis die Spra­che sich natür­lich anfühlt. Wie bei einer Fremdsprache.

Übun­gen für eine bes­sere Aussprache

Zur deut­li­che­ren Aus­spra­che gibt es zahl­rei­che Übun­gen, die man auch bequem zu Hause durch­füh­ren kann.

  1. Kerze aus­bla­sen, Abstand immer mehr ver­grö­ßern. Das trai­niert die Atmung.
  2. Flüs­tern. Zwingt zur deut­li­chen Artikulation.
  3. Kor­ken zwi­schen die Zähne klem­men und einen Text spre­chen. Zwingt zur deut­li­chen Zungenartikulation.
  4. Musik­an­lage lau­fen las­sen, Text gegen Geräusch­ku­lisse spre­chen. Eine Art Ausdauertraining.

Jedoch set­zen all diese Übun­gen ein gewis­ses Maß an Gefühl für kor­rekte Aus­spra­che vor­aus. Wenn Sie grö­ßere Pro­bleme haben oder schnel­lere Fort­schritte machen möch­ten, emp­fiehlt sich der Besuch beim Logo­pä­den oder Gesangsunterricht.

Tie­fere Stu­dien der Lautbildung

Wer rich­tig tief ein­stei­gen will, muss die Bil­dung jedes ein­zel­nen Buch­sta­bens ver­ste­hen. Jeder Buch­stabe bedingt eine ganz bestimmte Stel­lung der Zunge, der Lip­pen und des Kehl­kop­fes, von eini­gen Buch­sta­ben gibt es auch Vari­an­ten. Ein Stan­dard­werk in die­ser Rich­tung ist Der kleine Hey – Die Kunst des Spre­chens. Die erste Ver­sion des Buches war für den Gesangs­un­ter­richt bestimmt und ent­stand um 1900. Ich fand das Buch gut auf­ge­baut, jedoch wür­den Abbil­dun­gen das Ver­ständ­nis erleich­tern. Ein Pod­cast zum Thema Stimme ist Aben­teuer Stimme, die aller­ers­ten Sen­dun­gen beschäf­ti­gen sich mit grund­le­gen­den The­men wie Atmung und Körperspannung.

Sich selbst hören

Am aller­bes­ten ist eine Auf­nahme der eige­nen Stimme, dann hört man mal, wie man wirk­lich spricht. Für die meis­ten Leute ist die erste Begeg­nung mit der eige­nen Stimme ein Schock, da man sie von innen ganz anders wahr­nimmt. Es braucht ein biss­chen Zeit, sich daran zu gewöh­nen, so wie man sich an einen neuen Men­schen und seine Stimme erst gewöh­nen muss.

Thea­ter lebt von Hand­lung. Es ist die Auf­gabe des Regis­seurs, aus dem Stück­text die Hand­lung her­aus­zu­le­sen und den Schau­spie­lern als Hilfe anzu­bie­ten. Was ich heute gese­hen habe, war das genaue Gegen­teil. Der Regis­seur hat alle Hand­lung ver­bannt und die Schau­spie­ler mit dem Text allein gelas­sen. Das Stück begann mit Aus­schnit­ten aus dem Text, fast wie eine Ouver­türe wur­den The­men ange­ris­sen, von ver­schie­de­nen Schau­spie­lern. Es waren vier, zwei Män­ner und zwei Frauen, die dadurch wie aus­tausch­bar wirk­ten. Das war wohl auch die Absicht. Oder es liegt daran, dass der Regis­seur vor­her Opern gemacht hat. Bei Opern kommt es auf die Arien an, Hand­lung und Authen­ti­zi­tät spie­len eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Irgend­wann gab es aber doch so etwas Ähnli­ches wie Hand­lung. Tho­mas Pol­lock Nageoire, der rei­che Geschäfts­mann, bie­tet Louis Laine, dem armen Schlu­cker, Geld an, wirft es ihm zu. Die­ser ent­frem­det sich von sei­ner bra­ven Frau Marthe (von Klara Man­zel im knap­pen schwar­zen Kleid fast schon zu fesch gespielt), ver­lässt sie für Lechy, die Künst­le­rin. Kon­flikt, Marthe pocht auf die Ehe, so sah das wohl auch der Autor damals 1893, es zieht sich. Schön gespielt, aber es zieht sich. Keine Hand­lung, nur Worte.

Die Bühne ist breit, oben eine Holz­de­cke, hin­ten durch­ge­hende Holz­stu­fen, es sieht karg aus. Immer sind alle vier auf der Bühne, von Anfang an, dem Publi­kum aus­ge­lie­fert. Es gibt aber genug Platz, gele­gent­lich sitzt dann einer am Rand und kann sich ein biss­chen entspannen.

Ins­ge­samt kam es mir vor wie ein Übungs­stück für Schau­spiel­schü­ler, mit erschwer­ten Bedin­gun­gen, so dass es nur an ihnen hängt. Keine Hilfe, kein Ver­ste­cken, ein stän­di­ges Ausgeliefertsein.

Thea­ter spie­len heißt etwas tun und dabei den gesam­ten Kör­per ein­zu­set­zen. Eine Thea­ter­probe muss unbe­dingt kör­per­li­che Akti­vi­tä­ten ent­hal­ten, sonst wird Thea­ter zu einer rein geis­ti­gen Übung ohne phy­si­sche Wahr­heit. Ich möchte einige Übun­gen vor­stel­len, um Bewe­gung in die Thea­ter­probe einzubauen.

Iso­la­ti­ons­übung (zu Musik)

Man nutzt den gan­zen Kör­per, kon­zen­triert sich nach­ein­an­der auf Fuß­ge­lenke, Knie, Hüfte, Ober­kör­per, Schul­tern, Kopf, Ell­bo­gen, Hand­ge­lenke und schließ­lich die Fin­ger­spit­zen. Danach kann man noch frei kom­bi­nie­ren, rich­tig Gas geben und schließ­lich wie­der run­ter kommen.

Lauf­übun­gen

Lau­fen ist etwas extrem Ele­men­ta­res. Eine Übung besteht darin, dass alle durch den Raum lau­fen und der Lei­ter die Stim­mung vor­gibt. Bei Bedarf kann man noch gele­gent­lich ein­frie­ren und einige Leute zum Anschauen befreien. Bei einer ande­ren Vari­ante der Lauf­übung gibt der Lei­ter das Tempo in Abstu­fun­gen von 1 bis 10 vor.

Fol­gen

Alle lau­fen herum und fol­gen einer Per­son, machen also genau das Glei­che. Die Leit­per­son kann das Tempo ver­än­dern, Sprünge ein­bauen, was immer ihr einfällt.

Au ja!

Alle sind auf der Bühne. Einer schlägt laut etwas vor, zum Bei­spiel auf den Boden legen oder an eine Wand gehen. Dann rufen alle „Au ja!” und füh­ren die Hand­lung aus.

Gruppen-​​Einfrieren

Die Gruppe bewegt sich im Raum. Einer friert ein, alle ande­ren fol­gen so schnell wie mög­lich. Jemand anders fängt wie­der an mit bewe­gen. Wie­der fol­gen alle ande­ren. Es funk­tio­niert tat­säch­lich und gibt ein unheim­li­ches Gruppengefühl.

So muss Thea­ter sein — unter­halt­sam, mit Tief­gang, aktu­el­len Anspie­lun­gen und wun­der­bar aus­ge­ar­bei­te­ten Rol­len. Das gro­teske Stück von Gogol zeigt eine kor­rupte Klein­stadt, die jäh durch die Ankunft eines ver­meint­li­chen Revi­sors auf­ge­scheucht wird. Aus Angst vor der Auf­de­ckung der offen­sicht­li­chen Miss­stände hofiert man den Ankömm­ling, dem seine Rolle als wich­ti­ger Besu­cher schon bald zu Kopf steigt. Am Ende stellt sich her­aus, dass er gar nicht der gefürch­tete hohe Beamte war, das Spiel beginnt von Neuem.

Was mit als Nicht-​​Muttersprachler etwas schwer fiel, war das Ver­ste­hen des groß­zü­gig ein­ge­setz­ten Dia­lekts. Es war pas­send, holte es das Stück doch so aus dem fer­nen Russ­land direkt nach Zürich. Und dem fer­nen Gast gegen­über sprach man natür­lich Schriftdeutsch.


Eine gelun­gene Insze­nie­rung am Pfauen.

Aber der beson­dere Reiz des Stü­ckes lag an den mar­kant gestal­te­ten Rol­len. Eine Rolle war von zwei iden­tisch geklei­de­ten „Zwil­lin­gen” gran­dios umge­setzt, sie unter­bra­chen sich, rede­ten wei­ter, füll­ten Gedächt­nis­lü­cken des ande­ren — wie zwei Köpfe auf dem­sel­ben Kör­per. Aber im Grunde konnte man bei allen Rol­len gut zuschauen. Ein­fach eine tolle Inszenierung.