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mathias wellner

klar träumen, klar denken

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Tag: theater

Ges­tern lasen wir ein wei­te­res Meis­ter­werk mit ver­teil­ten Rol­len – Onkel Wanja von Anton Tsche­chow. Das Stück ent­stand 1901 und ich finde es extrem fas­zi­nie­rend, wie aktu­ell es heute noch ist. Die Ankunft des Pro­fes­sors mit sei­ner jun­gen hüb­schen Frau auf einem Land­sitz bringt das Leben dort durch­ein­an­der, Kon­flikte bre­chen auf und uner­füllte Sehn­süchte kom­men zum Vorschein.

Der cha­ris­ma­ti­sche, aber des­il­lu­sio­nierte Arzt Astrow ist ein Grü­ner durch und durch, leicht könnte man sich ihn bei einer Anti-​​AKW-​​Demo vorstellen.

Astrow
… Aber wozu die Wäl­der zer­stö­ren? Die rus­si­schen Wäl­der kom­men alle­samt unter die Axt, Mil­li­ar­den von Bäu­men ster­ben, Tiere und Vögel ver­lie­ren ihr Zuhause, Flüsse trock­nen aus, die schöns­ten Land­schaf­ten wer­den ver­nich­tet. Und warum? Weil der Mensch zu faul ist, um sich zu bücken und den Heiz­stoff vom Boden aufzuheben.

Auch die ande­ren Cha­rak­tere sind span­nend. Der splee­nige alte Pro­fes­sor Alex­an­der Sere­brjaków, der ver­drieß­li­che, miss­lau­nige Iwán Petrówitsch Wojníz­kij, die gute Sonja, die lang­wei­lige aber bild­hüb­sche Jeléna Andréje­wna – sie alle sehe ich ver­kör­pert von den Leu­ten ges­tern, mit Leben erfüllt. Sehr gern würde ich die­ses Stück mal auf der Bühne sehen und noch lie­ber würde ich es auf die Bühne brin­gen wollen.

Gestat­ten, mein Name ist Alboury. Ich lebe in West­afrika, wel­ches frü­her von den Fran­zo­sen besetzt war. Jetzt sind wir frei, aber die Wei­ßen sind immer noch da und füh­ren sich auf wie einst. Sie ver­ste­hen nichts von die­sem Land, von unse­rer Kul­tur und vom Leben über­haupt. Ich möchte die Lei­che mei­nes Bru­ders abho­len, er wollte heute von der Bau­stelle zurück kom­men und man erzählte mir, er sei bei einem Unfall gestorben.

Being Alboury

Schau­spie­le­ri­sche Ver­wand­lung als Alboury in „Kampf des Negers und der Hunde” von Bernhard-​​Marie Koltés

Heute war der letzte Ter­min des Monolog-​​Kurses, um 19:40 ging mein per­sön­li­cher Vor­hang auf und ich war für ein paar Minu­ten Alboury. Es war der Mono­log, an dem ich seit ein paar Wochen arbeite. Heute war ich zufrie­den mit dem Resul­tat. Es ist eine künst­li­che Figur ent­stan­den, for­mal nannte sie Marco. Aber bei der schwie­ri­gen Ver­wand­lung in einen Schwar­zen ist das ein gutes Mittel.

Ich ras­selte wohl­do­siert mit dem Caxixi, sprach ein wohl­do­sier­tes Säch­sisch, bewegte mich sel­ten, aber ruck­ar­tig, ließ den Affen ein­flie­ßen, spürte die Kälte unter der Wolke und die fami­liäre Ver­bun­den­heit. Ich war Alboury.

Am Anfang ist da mal der Text, wie er vom Autor geschrie­ben wurde. Damit musst du als Schau­spie­ler arbei­ten, um den Mono­log adäquat auf die Bühne zu brin­gen. Eine Her­an­ge­hens­weise ist nun die inhalt­li­che und emo­tio­nale Glie­de­rung des Tex­tes. Dabei unter­teilst du den Text in Sinn­pa­kete (inhalt­lich) und fin­dest außer­dem die emo­tio­na­len Wen­de­punkte. Mit die­ser Struk­tur kannst du den Text zum einen leich­ter ler­nen und zum ande­ren bie­tet er den Ein­stieg in die Erar­bei­tung der Emo­tio­nen mit­hilfe von Sin­nes­rei­sen und Sinneserinnerungen.

Aber am bes­ten ist wohl ein Bei­spiel. Ich arbeite momen­tan an einem Mono­log aus dem Stück „Kampf des Negers und der Hunde” von Bernhard-​​Marie Kol­tés. Die inhalt­li­che und emo­tio­nale Glie­de­rung mag als Anre­gung die­nen, wie man die­sen Mono­log ange­hen kann.

Die Ver­kör­pe­rung eines Schwar­zen ist natür­lich eine große Her­aus­for­de­rung für mich blas­sen Mit­tel­eu­ro­päer. Ich kann mich nur behut­sam annä­hern und ver­su­chen, über afri­ka­ni­sche Musik einen Zugang zu fin­den. Ich brau­che eine Trommel!

Der Theater-​​Monolog kann zur Stern­stunde eines Schau­spie­lers wer­den. Du hast die Bühne ganz für dich allein und an dir allein liegt es auch, ob sich die Zuschauer präch­tig amü­sie­ren oder zu Tode lang­wei­len. Was macht einen guten Mono­log aus? Wie berei­test du dich opti­mal dar­auf vor?

Gute Mono­loge, schlechte Monologe

Bei einem guten Mono­log schaffst du es, deine Gedan­ken und Erin­ne­run­gen leben­dig wer­den zu las­sen. Die Zuschauer sehen, was du siehst, hören, was du hörst und spü­ren, was du spürst. Und das, obwohl das alles nicht real ist, son­dern der Feder eines Autors ent­sprang. Das wich­tigste an einem guten Mono­log ist also Leben­dig­keit und Authentizität.

Lei­der kann man auf der Bühne oft das Gegen­teil beob­ach­ten. Die Schau­spie­ler rat­tern den Text run­ter, man lang­weilt sich und schal­tet nach ein paar Sät­zen ab. Es fehlt die Leben­dig­keit, der Text ist dem Dar­stel­ler fremd geblie­ben, man sieht keine Bil­der, hört keine Klänge, spürt nichts außer dem Wunsch, dass der Mono­log bald ein Ende haben möge.

Vor­be­rei­tung

Eine span­nende Vor­übung ist das Erzäh­len einer per­sön­li­chen Geschichte auf der Bühne. Diese wir­ken meist sehr leben­dig, da du direkt aus dei­nem Leben erzählst und echt berührt bist. Und du wirst die Geschichte auch nicht streng chro­no­lo­gisch erzäh­len, immer wie­der springst du hin und her zu den Bil­dern, wel­che die Erin­ne­rung gerade her­gibt. Es ist auch nicht per­fekt gespro­chen, du stockst, suchst nach Wor­ten, ver­has­pelst dich, lässt Sätze unvoll­en­det – all das trägt zum leben­di­gen und authen­ti­schen Cha­rak­ter bei.

Bei einem Theater-​​Monolog ver­suchst du nun, mög­lichst viel von dei­ner per­sön­li­chen Erzähl­weise zu ret­ten, ganz wird es dir nicht gelin­gen. Es bleibt ein­fach ein Riesen-​​Unterschied, ob du dich an etwas erin­nerst, was du wirk­lich erlebt hast oder ob du einen dir frem­den Text verwendest.

Wei­tere Tech­ni­ken sind die sen­so­ri­sche Erar­bei­tung von Emo­tio­nen (Sin­nes­reise, Aus­lö­ser für Emo­tio­nen fin­den und kul­ti­vie­ren) und Rol­len­mo­delle (wir pro­bie­ren das gerade mit Tie­ren, Men­schen gehen natür­lich auch). Denn selbst wenn es dir gelingt, den Mono­log leben­dig zu gestal­ten, musst du immer noch in der Rolle sein und den Cha­rak­ter plas­tisch darzustellen.

Es ist wie­der soweit – die Thea­ter­gruppe aki­tiv bringt am Frei­tag (30. April) mit den Gefähr­li­chen Lieb­schaf­ten (de Laclos) ihre elfte Pro­duk­tion her­aus. Ich selbst bin dies­mal nicht dabei, aber die Mädels und Jungs haben sich mäch­tig ins Zeug gelegt und eine tolle Insze­nie­rung hin­be­kom­men. Ich selbst werde am Sonn­tag, 10. Mai dabei sein und fil­men. Es soll wie­der ein schö­ner Mit­schnitt für die Nach­welt entstehen.

Plakat

Das dies­jäh­rige Pla­kat zeigt die bei­den Haupt­prot­ago­nis­ten, den unwi­der­steh­li­chen Vicomte de Val­mont und die raf­fi­nierte Mar­quise de Merteuil.

Also schaut vor­bei, die Ter­mine fin­det ihr auf der akitiv-​​Homepage.