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mathias wellner

klar träumen, klar denken

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Tag: theatre

Ich habe mich ent­schlos­sen, aus der Gessnerallee-​​Backstage-​​Produktion aus­zu­stei­gen. Es war keine leichte Ent­schei­dung und ich möchte in die­sem Bei­trag mei­ner Zer­ris­sen­heit Aus­druck ver­lei­hen. Wenn du auch am Über­le­gen bist, ob nun in einem Thea­ter– oder ande­ren Pro­jekt, dann hilft dir die­ser Bei­trag sicher­lich beim Über­le­gen und Abwägen.

Wann aus­stei­gen?

Wenn über­haupt, soll­test du nur am Anfang einer Pro­duk­tion aus­stei­gen. Nichts ist schlim­mer als ein spä­tes Aus­stei­gen, wenn der Pro­zess schon fort­ge­schrit­ten ist und ein Ersatz schwie­rig bis unmög­lich wird. In jedem Pro­jekt gibt es einen Ter­min, an dem sich die Teil­neh­mer ent­schei­den müs­sen, ob sie nun dabei sind oder nicht. Bis dahin sollte klar sein, in wel­che Rich­tung die Pro­duk­tion geht und wel­che Anfor­de­run­gen an die Teil­neh­mer gestellt wer­den. Spä­ter aus­stei­gen ist unfair und bringt den Orga­ni­sa­to­ren hef­tige Probleme.

Klas­sisch oder thematisch?

Bei der Backstage-​​Produktion stan­den wir ganz am Anfang, wir hat­ten ein Kick-​​Off-​​Wochenende im Juli und ein wei­te­res Tref­fen hin­ter uns. In die­sen ers­ten Tref­fen haben wir vor allem Kennenlern-​​Spielchen gemacht, unsere Erwar­tun­gen und Befürch­tun­gen in Form von kur­zen Büh­nen­sze­nen aus­ge­tauscht und auch begon­nen, inhalt­lich zu diskutieren.

Die Rich­tung war zu Beginn völ­lig offen, die Inter­es­sen der Leute unter­schie­den sich beträcht­lich. Ich bin durch meine bis­he­ri­gen Erfah­run­gen beim aki­tiv geprägt, wir hat­ten jeweils ein beste­hen­des Thea­ter­stück aus­ge­wählt und mit einem exter­nen Regis­seur oder einem regie-​​willigen Mit­spie­ler insze­niert. Damit ergab sich ein bestimm­ter Arbeits­stil und auch ein star­ker Bezug zum vor­han­de­nen, lite­ra­ri­schen Text. Mit die­ser Hal­tung stand ich jedoch in der Backstage-​​Gruppe recht allein da, die meis­ten ande­ren woll­ten lie­ber an einem Thema arbei­ten, ohne fes­ten Text.

In zwei Arbeits­grup­pen hat­ten wir beim Kick-​​Off-​​Wochenende auch Insze­nie­rungs­ideen für diese bei­den Haupt­rich­tun­gen skiz­ziert. Die eine Gruppe beschäf­tigte sich mit dem Thema Angst, in mei­ner Gruppe nah­men wir Shakespeare’s Was ihr wollt. Beide Her­an­ge­hens­wei­sen haben Vor– und Nach­teile. Für mich ist aber ein kla­res Ziel in Form eines lite­ra­risch und inhalt­lich anspre­chen­der Tex­tes wich­ti­ger als die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten beim freien the­ma­ti­schen Arbeiten.

Meine Befürch­tung beim freien Arbei­ten ist, dass wir ewig lang Sze­nen zu einem Thema impro­vi­sie­ren und am Ende kein soli­des Gan­zes ent­steht. Anstatt gemein­sam auf einen Berg zu mar­schie­ren, sucht sich jeder ein Hügel­chen und läuft hin­auf. Was dabei ent­steht, wird dann gern als Kalei­do­skop, Mosaik oder Col­lage bezeichnet.

Dage­gen sind die Nach­teile bei einem fes­ten Stück vor allem die fest vor­ge­schrie­be­nen Rol­len. Zum einen gibt es die Unter­tei­lung in Haupt– und Neben­rol­len, wel­che für ent­täuschte Erwar­tun­gen sor­gen kann. Zum ande­ren ist man auf die vom Regis­seur ver­teilte Rolle fest­ge­legt und kann nur bestimmte Aspekte sei­ner Per­sön­lich­keit ein­brin­gen. Außer­dem kann der Text künst­lich wir­ken, da man sich fremde Worte zu eigen machen muss.

Ent­schei­dung

Der Kon­flikt der unter­schied­li­chen Erwar­tun­gen schwelte also schon seit dem Tref­fen im Juli, unklar war für mich, wie und wann wir die not­wen­dige Rich­tungs­ent­schei­dung fäl­len woll­ten. Meine Hoff­nung war, dass ich mit einem mit­rei­ßen­den Schluss­plä­do­yer die Gruppe viel­leicht doch noch in Rich­tung klas­si­sches Thea­ter hätte brin­gen kön­nen. Doch diese Hoff­nung zer­stob am Frei­tag, als mir die Lei­te­rin klar­machte, dass unter ihr die Rich­tung the­ma­ti­sches Arbei­ten ver­folgt würde. Zum einen, weil das eher mit der Phi­lo­so­phie des Thea­ter­hau­ses Gess­ne­ral­lee ver­ein­bar wäre, ande­rer­seits wäre das auch ihre per­sön­li­che Vor­stel­lung vom Theater.

Damit war ich vor die Wahl gestellt, mich auf diese für mich neue Her­an­ge­hens­weise ein­zu­las­sen oder aus­zu­stei­gen. Ich ent­schloss mich für Letz­te­res. Es ist eine per­sön­li­che Ent­schei­dung, beein­flusst vor allem von mei­nem Bauch­ge­fühl. Am Ende muss es für mich in so einer Pro­duk­tion vor allem vom Gefühl her stim­men, damit ich auch die stres­si­gen Zei­ten gut meistere.

Am Anfang ist nichts, außer dem Wunsch Thea­ter zu spie­len. Keine Ein­schrän­kun­gen, keine Gren­zen. Ein Dut­zend Leute mit unter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen, ver­eint ledig­lich durch den Wunsch zu spie­len. Für mich war diese Leere am Anfang beängs­ti­gend, rein gar nichts ist gesetzt. Wün­sche, Vor­stel­lun­gen, Ängste — es ging zur Sache an die­sem ers­ten Wochen­ende einer neuen Theaterproduktion.

Ihr vier, nehmt ein klas­si­sches Stück und stellt in einer Stunde ein gro­bes Regie­kon­zept vor!” Wir wähl­ten Was ihr wollt von Wil­liam Shake­speare, das Buch lag gerade bereit und drei von uns hat­ten das Stück schon gese­hen. Zu Beginn waren wir sehr stark auf die Hand­lung fixiert, die Ver­wechs­lungs­ko­mö­die bedingt eine klare Ein­füh­rung der Figu­ren und wech­sel­sei­ti­gen Lieb­schaf­ten. Jedoch war die Auf­gabe ja eher eine andere, näm­lich ein Regie­kon­zept zu ent­wi­ckeln. Wir kamen dann über Illy­rien als exo­ti­sche See­fah­rer­pro­vinz zu einem medi­ter­ra­nen Cha­rak­ter und schließ­lich zu einem Wellness-​​Ressort im Jetzt. Außer­dem woll­ten wir das Meer mit Men­schen dar­stel­len, wel­che die bewusst­lose Viola am Anfang an den Strand trans­por­tie­ren. Im Laufe der Kon­zep­ter­stel­lung kam noch sehr deut­lich zum Vor­schein, dass den meis­ten Leu­ten der Bezug zu aktu­el­len The­men wich­tig ist. Aber das ließ sich ohne Wei­te­res ein­bauen, die als Mann ver­klei­dete Viola stieß das Gender-​​Thema an, ihre Suche nach Arbeit ließ uns auch die Wirt­schafts­krise und ableh­nende Briefe ins Auge fas­sen. Viel mehr ließ sich in der kur­zen Zeit gar nicht erar­bei­ten, aber es zeigte deut­lich, welch Poten­zial in einem Klas­si­ker liegt.

Die andere Vie­rer­gruppe beschäf­tigte sich mit dem Thema Angst, stellte also ein the­men­be­zo­ge­nes Regie­kon­zept vor. Todes­angst, Pho­bien und andere Ängste soll­ten in ein­zel­nen Sze­nen ver­deut­licht werden.

Im Grunde wird es wohl eine grund­le­gende Ent­schei­dung sein zwi­schen einem exis­tie­ren­den Stück als Basis oder einem Thema, zu dem wir frei Sze­nen impro­vi­sie­ren und dann zuneh­mend fixie­ren. Anders for­mu­liert ist es eine Ent­schei­dung zwi­schen dem Vor­rang einer Hand­lung oder eines The­mas. Bei­des birgt Risi­ken und Chan­cen, ich bin durch meine per­sön­li­chen Thea­ter­er­fah­run­gen aber ein­deu­tig für das Pri­mat der Handlung.

Für die im Juli star­tende Pro­duk­tion des Gess­ne­ral­lee Back­stage­pro­gramms sol­len alle Inter­es­sier­ten ein Moti­va­ti­ons­schrei­ben ein­rei­chen. Nur dann winkt ein Platz in der Kern­gruppe, dem Ensem­ble.

Die Teil­nah­me­kon­di­tio­nen sind recht hart for­mu­liert, neben dem Spie­len ist das Über­neh­men eines Res­sorts Pflicht, so dass die anfal­len­den Auf­ga­ben bei Finan­zen, Büh­nen­bau, Tech­nik, Orga­ni­sa­tion und Öffent­lich­keits­ar­beit auf viele Schul­tern ver­teilt wer­den. Im Grunde haben wir das beim aki­tiv auch immer so gehand­habt, jedoch die Leute zu Beginn keine der­ar­tige Ver­ein­ba­rung unter­schrei­ben las­sen. Es geht nicht anders, wenn man keine pro­fes­sio­nelle Infra­struk­tur im Rücken hat, und außer­dem sol­len alle Leute abge­schreckt wer­den, die nur mal eben die gro­ßen Stars sein wol­len. Dann lie­ber eine kleine Pro­duk­tion mit weni­gen Leu­ten, die auch mit anpacken.

Aber zurück zu mei­nem Moti­va­ti­ons­schrei­ben, zu den Din­gen, die mich am Thea­ter rei­zen. Eigent­lich ist es ganz ein­fach — man stellt sich vor andere Leute und tut etwas. Aber die­ser Druck der vie­len beob­ach­ten­den Augen schafft eine para­doxe Situa­tion. Man ver­lernt unter die­sen Umstän­den sein nor­ma­les Ver­hal­ten und wird ange­spannt und künst­lich. Genau so, als wenn man sich auf sei­nen eige­nen Atem kon­zen­triert und den­noch ganz natür­lich ein– und aus­at­men möchte. Es funk­tio­niert nicht mehr, man muss alles neu lernen.

Als Freund der Lite­ra­tur bin ich anspruchs­vol­len Stof­fen und Tex­ten ohne­hin zuge­neigt und habe schon viele Dra­men als Buch ver­schlun­gen. Die Namen der Auto­ren und ihre Werke sind jener uner­schöpf­li­che Kos­mos, in dem ich mich gern auf­halte, um Neues zu ent­de­cken und Ver­bin­dun­gen zu Beste­hen­dem her­zu­stel­len. Es rei­zen mich die gro­ßen Namen wie Wil­liam Shake­speare, Fried­rich Schil­ler, Fried­rich Dür­ren­matt oder Ten­nes­see Wil­liams. Es rei­zen mich die gro­ßen The­men wie Ent­frem­dung, Eifer­sucht, Zunei­gung und Macht. Es reizt mich die Aus­ein­an­der­set­zung mit ver­gan­ge­nen Zei­ten und mensch­li­chen Schick­sa­len. Es ist letzt­lich diese Freude an Lite­ra­tur und die vie­len Ver­bin­dun­gen zur Bühne, die mich in die Fänge des Thea­ters trieb.

Am Beginn mei­nes Stu­di­ums (2000) begann ich mit Lesun­gen von Büchern im Freun­des­kreis. Mir war der Der Kon­tra­bass von Patrick Süs­kind in die Fin­ger gera­ten, ein Buch, wel­ches nach sei­ner direk­ten Büh­nen­um­set­zung gera­dezu schreit. Ich beschäf­tigte mich im Vor­feld auch ein biss­chen mit Stimm­übun­gen, um mich opti­mal auf diese erste Lesung vor­zu­be­rei­ten. Die große Her­aus­for­de­rung beim Lesen eines Buches ist das direkte Anspre­chen der Zuhö­rer durch mög­lichst inten­si­ven Blick­kon­takt, man muss den Text sehr schnell auf­neh­men, zwi­schen­spei­chern, um sich dann wie­der ganz dem Publi­kum wid­men zu kön­nen. Ich las sehr betont, um den Text mög­lichst span­nend wie­der­zu­ge­ben, ihn mit Leben zu fül­len, ihn zu inter­pre­tie­ren. Zusätz­lich ver­suchte ich auch stets, spie­le­ri­sche Ele­mente ein­zu­bauen, um ein wenig Abwechs­lung hin­ein­zu­brin­gen. Wei­tere Lesun­gen folg­ten, Das Gespenst von Can­ter­ville (Oscar Wilde), Der Sand­mann (Ernst Theo­dor Ama­deus Hof­mann), Mein Name sei Gan­ten­bein (Max Frisch), Die Schach­no­velle (Ste­fan Zweig), Publi­kums­be­schimp­fung (Peter Handke), Seide (Ales­san­dro Baricco) und Nove­cento (Ales­san­dro Baricco), man­che Lesun­gen hielt ich auch mehrmals.

Ange­kom­men in Zürich fand sich für meine Lesun­gen keine wirk­lich große Leser­schaft, ich schloss mich 2006 der Lai­en­gruppe aki­tiv an, die für ihre dama­lige Pro­duk­tion noch einen Schau­spie­ler suchte. So konnte ich mei­ner alten Lei­den­schaft auf neue Weise frö­nen. Im Laufe von vier Pro­duk­tio­nen lernte ich die Freu­den und Tücken des Thea­ters ken­nen. Wir spiel­ten Man kann nie wis­sen (George Ber­nard Shaw), Die Läs­ter­schule (George Brims­ley She­ridan), Da waren’s nur noch neun (Aga­tha Chris­tie) und Arka­dien (Tom Stop­pard). Meine vor­he­rige Beschäf­ti­gung mit Lesun­gen stellte sich dabei als hin­der­lich her­aus, denn über­trie­be­nes Beto­nen und Spie­len ist für die Bühne eher ungüns­tig. Dies wurde mir beson­ders bei unse­rer dies­jäh­ri­gen Pro­duk­tion bewusst, nach­dem ich im Vor­feld Bücher von Sta­nis­law­ski und Stella Adler gele­sen hatte. Diese bei­den Werke haben mir vor Augen geführt, wor­auf es wirk­lich ankommt beim Thea­ter, auf natür­li­ches Spiel und die authen­ti­sche Ver­kör­pe­rung der Rolle. Es sind die stil­len Momente, die mich im Thea­ter am meis­ten bewe­gen und die ich als Schau­spie­ler auch gern meis­tern möchte. Die lau­ten, pol­t­ri­gen Momente sind genauso not­wen­dig, denn erst der gekonnte Wech­sel zwi­schen bei­den Extre­men ver­mag jene Span­nung auf der Bühne zu schaf­fen, die eine gelun­gene Insze­nie­rung auszeichnet.

Ich mag Thea­ter. Es ist eine enorm viel­sei­tige Pas­sion, neben Lite­ra­tur kommt die Psy­cho­lo­gie beim Rol­len­ver­ständ­nis zum Ein­satz, die Geschichte klopft an, wenn der gewählte Stoff in ver­gan­ge­nen Zei­ten spielt, das Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und die Phan­ta­sie sind stän­dig gefragt, doch zugleich ist Thea­ter­spie­len aber auch Hand­werk — kör­per­lich, denn am Ende steht man da auf der Bühne in sei­nem Kör­per und wird ange­schaut. Man muss ganz ent­spannt sein, ganz natürlich.

In drei Wochen haben wir Pre­miere, so lang­sam beginnt der End­spurt. Die meis­ten Sachen sind geklärt, jetzt müs­sen wir uns noch darum küm­mern, dass auch tat­säch­lich Leute kom­men. Eine erste Maß­nahme war die Gestal­tung eines pas­sen­den Pla­kats, wie letz­tes Jahr hat­ten wir erst in der Gruppe Ideen gesam­melt, dann eine aus­ge­wählt und foto­gra­fisch umge­setzt. Am Ende setzte sich das Duell-​​Motiv durch, bei dem sich ein männ­li­ches Mit­glied der alten Zeit mit Stein­schloss­pis­tole und ein weib­li­ches der neuen Zeit mit Lap­top Rücken an Rücken gegen­über ste­hen. Den Hin­ter­grund bil­det ein Fraktal.

Foto­gra­fisch war das eine anspruchs­volle Auf­gabe, denn ich musste ja die Leute frei­stel­len, also den Foto-​​Hintergrund ent­fer­nen. Folg­lich brauchte ich einen farb­lich deut­lich ver­schie­de­nen Hin­ter­grund beim Foto­gra­fie­ren, denn dann kann man die­sen Bereich leicht aus­wäh­len (Pho­to­shop hat da so ein prak­ti­sches Werk­zeug Farb­be­reich aus­wäh­len). Um volle Kon­trolle über das Licht zu haben, lieh ich eine Blitz­an­lage beim Foto­la­bor des VSETH aus. In Ver­bin­dung mit einem blauen Hin­ter­grund ent­stan­den so schließ­lich die Fotos, wel­che als Grund­lage für das Pla­kat­mo­tiv dienten.

Der erste Durch­lauf lief auch ganz gut, ich war aber pri­mär mit Foto­gra­fie­ren beschäf­tigt. Des­halb haben wir schon jetzt extrem viele Bil­der und man kann sich das Stück wie im Dau­men­kino anschauen. Falls ihr mich auf den Bil­dern sucht, es gibt nicht so viele Auf­tritte mei­ner­seits in die­sem Jahr. Ich bin dies­mal mehr so schmü­cken­des Bei­werk. Obwohl, zumin­dest habe ich den letz­ten und quasi stü­ck­ent­schei­den­den Auf­tritt und ich darf Kla­vier spielen.

Stufen

Mrz 28

Lau­fen. Eigent­lich kann ich das. Dachte ich zumin­dest. Aber auf der Bühne ist alles anders. Wenn ich näm­lich noch einen Text sagen muss, in einer bestimm­ten Emo­tion, dabei ins Publi­kum schau­end, rea­gie­rend auf den Satz, der zuvor von mei­nem Mit­spie­ler gesagt wurde — dann kann ich nicht mehr lau­fen. Zumin­dest nicht mehr anders lau­fen als ich halt laufe, wenn ich Text sagen muss, in einer bestimm­ten Emo­tion. Und die­ser Gang sieht komisch aus, tän­ze­risch, künst­lich. Man hat ihn satt nach einer Weile, zumin­dest unser Regis­seur hat ihn satt. Und er wirft Plastik-​​Wasserflaschen nach mir. Also nicht direkt auf mich, eher in die Nähe. Ich muss anders lau­fen. Meine Arme anders hal­ten. Und mei­nen Text sagen, in einer bestimm­ten Emo­tion, dabei ins Publi­kum schauend.

Schrei­ben. Eigent­lich kann ich das. Dachte ich zumin­dest. Aber die Edi­to­ren, denen ich meine wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tion anver­traute, sind da ande­rer Mei­nung. Sie fin­den auch nach mei­ner vier­ten, gründ­li­chen Über­ar­bei­tung, Restruk­tu­rie­rung und gra­fi­schen Auf­wer­tung noch immer so viele Kri­tik­punkte, dass ein lan­ger Brief draus wird. Und dabei schrei­ben sie auch noch so nett, dan­ken mir für meine Mühen, aber wol­len noch enorm viele Punkte unbe­dingt berück­sich­tigt sehen. Und wenn ich einen Vor­schlag nicht annehme, muss ich es gut begrün­den. Und ich schreibe, ändere, restruk­tu­riere erneut, zum fünf­ten Mal. Und das Manu­skript wird auch bes­ser, ich sehe jetzt immer noch Unge­reimt­hei­ten, spe­zi­ell bei den Absät­zen, wel­che ich neu ein­ge­fügt habe. Sie klä­ren einen Kri­tik­punkt, aber brin­gen das feine Gefüge durch­ein­an­der, machen Risse an ande­ren Stel­len sicht­bar. Es ist ein lan­ger Pro­zess, die­ses Schreiben.