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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Tod

Mit der sechs­ten Lek­tion endet der Grund­kurs Stanislawski-​​Strasberg des Zen­trums für Ent­wick­lung im Schau­spiel. Als Beson­der­heit soll­ten wir par­al­lel zur sen­so­ri­schen Erin­ne­rung einen gelern­ten neu­tra­len Text spre­chen. Danach haben wir uns mit der Ver­kör­pe­rung einer Per­son beschäf­tigt. Mein per­sön­li­cher Höhe­punkt des Abends war das Dar­stel­len der Fenstersturz-​​Szene als Selbst­mör­der auf dem Fenstersims.

Auf­wär­men, sen­so­ri­sche Erin­ne­rung mit Text

Wie beim letz­ten Mal soll­ten wir die sen­so­ri­sche Erin­ne­rung mit dem Spre­chen eines neu­tra­len Tex­tes kom­bi­nie­ren. Und es gab Momente, in denen mir dies gelang! Momente, in denen der Text ein­fach so aus mir her­aus floss und durch die Emo­tion gefärbt wurde. Vor­her hatte ich den Text sehr kon­trol­liert und immer gleich gespro­chen, mit mei­ner trai­nier­ten Text­le­se­stimme. In den weni­gen glück­li­chen Momen­ten sprach ich deut­lich weni­ger kon­trol­liert, ließ den Text ein­fach kom­men im Ver­trauen dar­auf, dass er rich­tig sei. Das war ein ech­tes aha-​​Erlebnis.

Inter­es­san­ter­weise haben viele Schau­spie­ler ein ähnli­ches Pro­blem, wenn sie auf der Bühne eine Rolle ver­kör­pern. Sie spre­chen den Text mit ihrer sono­ren Stimme, und zwar immer ähnlich. Aber das ist natür­lich weit weg vom Ideal der authen­ti­schen Ver­kör­pe­rung, bei dem sich auch die Stimme der jewei­li­gen Rolle und Stim­mung anpas­sen würde.

Heute besuchte ich eine Gene­ral­probe, wo mir diese Sache wie­der auf­fiel. Einige Dar­stel­ler spra­chen sehr deut­lich und akzen­tu­iert, aber immer gleich, so dass ihre Sprech­weise fast etwas Mecha­ni­sches hatte. Das war schade, bei einer ansons­ten sehr schö­nen Insze­nie­rung eines schwie­ri­gen Stü­ckes (Gefähr­li­che Lieb­schaf­ten).

Ver­kör­pe­rung

Die Haus­auf­gabe war ja gewe­sen, eine Per­son zu beob­ach­ten und mög­lichst viel von ihr auf­zu­neh­men. Dies soll­ten wir jetzt ver­wen­den, um uns selbst die­ser Per­son ähnlich zu machen. Eine voll­stän­dige Imi­ta­tion ist nicht erstre­bens­wert und auch nicht mach­bar, das Ergeb­nis wird folg­lich eine Inter­pre­ta­tion der Per­son mit eini­gen mar­kan­ten Merk­ma­len sein.

Ich selbst fühlte mich mit mei­ner beob­ach­te­ten Per­son nicht ganz wohl, man bemerkt erst beim Dar­stel­len, dass man sehr wenige Dinge wirk­lich gut beob­ach­tet hat. Wie genau geht die Per­son, wie spricht sie? Wir soll­ten einen kom­plet­ten Tages­ab­lauf als diese Per­son durch­le­ben, da musste ich natür­lich die Fan­ta­sie spie­len lassen.

Für eine gute Ver­kör­pe­rung emp­fahl unser Lei­ter, mal einen gan­zen Tag lang die Rolle zu leben. Dann wür­den sich viele span­nende Impulse für die Dar­stel­lung auf der Bühne erge­ben. Als bril­li­an­tes Bei­spiel nannte er den Film Capote mit Phi­lip Sey­mour Hoff­mann. Den hatte ich zufäl­lig auch gese­hen, es war in der Tat ein bedrü­ckend authen­ti­sches Por­trät des Schrift­stel­lers. Allein die hohe Stimme war unglaub­lich ner­vig und damit wohl sehr nahe am Original.

Fenstersturz-​​Szene

Es war der Höhe­punkt des Kur­ses, die Dar­stel­lung eines selbst­mord­ge­fähr­de­ten Man­nes auf dem Fens­ter­sims. Der Text war vor­ge­ge­ben, ein Dia­log zwi­schen dem Selbst­mör­der und einer Kom­mis­sa­rin, die ihn auf­hal­ten will. Am Ende springt der Mann.

KOMMISSAR/​IN
Sagen Sie mir was sie gewollt haben, Sophie…
Sie sind aus dem Haus gegan­gen und haben Ihren Sohn gesucht… und
Dann haben Sie ihn gefunden…

SOPHIE/​SVEN
Ich wollte mich vor den Zug mit ihm… ich und er zusam­men vor den Zug…
Er hat so fest geweint… sein Kopf tat ihm weh.
„Ich wi l l nach Hause” hat er geschrien… „nach Hause” … Ich musste ihn doch beruhigen.

Aus­schnitt aus der Szene „Fens­ter­sturz„

Ich hatte mich gut vor­be­rei­tet. In der Klet­ter­halle nutzte ich eine kleine Platt­form, die sich unge­fähr zehn Meter über dem Boden befand. Als ich mich fort umdrehte und in die Tiefe blickte, spürte ich sehr deut­lich die Höhe. Es sah viel höher aus als vom siche­ren Boden. Und ich musste mich echt über­win­den, da run­ter­zu­sprin­gen, trotz Seil. Ein paar Sprünge spä­ter wusste ich, wor­auf es ankam – nur nicht nach unten schauen, eher nach vorn und einen Schritt machen.

Abge­se­hen von der Sturz-​​Vorbereitung hatte ich nicht so viel Zeit inves­tiert. Die Situa­tion, ein Vater zu sein, der sei­nen wei­nen­den Sohn aus­ver­se­hen erstickt, war recht fremd für mich. Ich wollte beim Betre­ten der Bühne schon abge­schlos­sen haben mit dem Leben, zog weiße Baum­woll­ho­sen an und einen wei­ßen Pull­over. Es sollte jen­sei­tig aus­se­hen, und man sollte auf dem Pull­over Spu­ren des Todes­kamp­fes sehen, ein­fach Flecken.

Das Feed­back war posi­tiv, die Szene war zwar etwas zu lang gera­ten, aber Marco gefiel mein gestör­tes, zurück­ge­nom­me­nes Spiel des Selbst­mör­ders gut. Auch das Zuhö­ren hatte deut­lich bes­ser geklappt als letzte Woche. Und beson­ders gut spür­bar sei die Höhe gewesen.

Das kür­zeste Ein­stel­lungs­ge­spräch, das man sich vor­stel­len kann: „Wol­len Sie auch rich­tig mit anpa­cken?” — „Klar.” — „Gut, Sie haben den Job.”


„Gut, Sie haben den Job.„

Es ist ein spe­zi­el­ler Job, ein geäch­te­ter, auf den sich der junge Prot­ago­nist da ein­lässt. Er berei­tet kürz­lich Ver­stor­bene auf die letzte Reise vor, nach einem ural­ten japa­ni­schen Ritual. Der Leich­nam wird gewa­schen, erhält ein schö­nes Gewand und wird zuletzt noch geschminkt. Das alles geschieht mit lang­sa­men, abge­mes­se­nen Bewe­gun­gen, wäh­rend die Trau­ern­den zuschauen. Es ist ein wich­ti­ger Moment, der meist sehr emo­tio­nal für alle Betei­lig­ten ist. Der Film zeigt die ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen, von aus­bre­chen­den fami­liä­ren Kon­flik­ten zu lie­be­vol­len Abschieds­sze­nen — es ist alles dabei. Des­halb stellt sich die Frage, warum die­ser zutiefst mensch­li­che Beruf so geäch­tet ist.

Der japa­ni­sche Film Nokan — Die Kunst des Aus­klangs nähert sich dem Thema Ster­ben auf sen­si­ble und zugleich humo­ris­ti­sche Weise und ehrt einen ver­ach­te­ten und doch sehr not­wen­di­gen Beruf. Der Film hat auch ein paar Schwä­chen, am Ende ist er zu kit­schig, als der Prot­ago­nist sich auch noch mit sei­nem ver­stor­be­nen Vater ver­söhnt und aus sei­nen Hän­den jenen klei­nen Stein löst, den er ihm einst am Fluss gege­ben hat. Aber die Idee und Umset­zung sind ein­fach genial und ich kann den Film sehr empfehlen.

Das Bedürf­nis, wür­de­voll Abschied zu neh­men, ist über­all gleich, nur der Rah­men unter­schei­det sich. Bei der Bei­set­zung mei­nes Groß­va­ters saßen wir uns in einem Fried­hofs­häus­chen gegen­über. Ein trau­ri­ges Lied wurde gespielt, als wir den Raum betra­ten. In der Mitte des kar­gen Raums lagen auf einer Platte unsere Blu­men, etwas erhöht stand die schwarze Urne. Ein altes Bild von ihm in Uni­form schaute uns an und weckte Erin­ne­run­gen. Eine Frau sprach zu uns, erzählte von sei­nem lan­gen Leben. Ein Mensch, ein Leben, und vor uns ein Häuf­chen Asche in einer schwar­zen Urne. Die Trä­nen kamen wie von selbst. Für ihn als Athe­is­ten gibt es kei­nen Trost auf ein Leben im Jen­seits, das ein­zige Wei­ter­le­ben ist das in unse­rer Erin­ne­rung. Die Mol­dau von Bedřich Sme­tana, ein Fluss bahnt sich sei­nen Weg und mün­det schließ­lich ins Meer. Danach haben wir die Urne auf ihrem letz­ten Weg beglei­tet, sie wurde ins Grab abge­senkt, jeder konnte etwas Sand streuen und die Blu­men able­gen, dann war die kurze Zere­mo­nie been­det. Und am Abend lief wie­der die Bun­des­liga — der All­tag kam schnell zurück.

Ich will defi­ni­tiv andere Musik zu mei­ner Beer­di­gung, hier mal eine Auswahl.

  1. Pink Floyd — Shine On You Crazy Dia­mond (Part One)
  2. Norah Jones — The Long Day Is Over
  3. Keith Jar­ret — Ritooria
  4. Queen — The Show Must Go On

Und eigent­lich will ich auch eine andere Stim­mung: Trau­ert nicht um den Ver­lust, son­dern fei­ert ein zu Ende gegan­ge­nes Leben!


Bei der Dia­man­te­nen Hoch­zeit im August 2009
Du hattest ein langes Leben.
Geboren in der Weimarer Republik,
Angelockt vom Nationalsozialismus,
In russischer Kriegsgefangenschaft,
Fandest du deine Lebensaufgabe im Sozialismus,
Der gerechtesten Sache der Welt.
Und wurdest hineingeworfen in eine neue Zeit,
Du bliebst deiner Linie treu. 

Du hast gern gelacht, hattest Sinn für Humor.
Außer bei der Politik, da hörte der Spaß auf.
Deutschland am Hindukusch verteidigen,
Das hat dich aufgeregt.

Als Jagdpilot warst du mit deiner Messerschmitt
Eine tödliche Gefahr für die Spitfires und Hurricanes.
Du kamst an die Ostfront im Norden von Finnland,
Ein nächtlicher Angriff - die Ersatzmaschine
Wurde dir zum Verhängnis.

Notlandung, knapp mit dem Leben davongekommen,
Wolltest dich durchschlagen zu den Deutschen.
Ein Trupp Sowjets nahm dich gefangen,
Auch das Menschen.

Gefangenschaft, sie änderte alles.
Harte Arbeit, zwei Scheiben Brot pro Tag,
Mehr als die Leute ringsum,
Um dich starben die Leute an Durchfall,
Du hieltest durch, arrangiertest dich,
Verdientest Zigaretten mit Schach,
Lerntest ein bisschen Russisch.

Zurück in ein neues Deutschland,
Von dessen Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte.
An einem FDJ-Tanzabend trafst du diese Frau,
Der Beginn von 60 Jahren Ehe.
Du studiertest mit 40 Politik,
Schriebst über die Strategie des Kapitalismus
Deine Diplomarbeit mit der Schreibmaschine.
Polit-Offizier an verschiedenen Orten,
Du warst zu geradlinig für einen hohen Posten,
So blieb es beim Oberst.

Als Jäger wurdest du zum Schrecken der Tiere,
Hirsche, Rehe, Böcke, Keiler, Bachen, Hasen, Füchse
Zitterten vor dir.
Die Trophäen schmückten ein Zimmer.
Im Pöllwitzer Wald warst du zu Hause,
Hast Leitern gebaut und Pilze gesammelt.
Im Wald bist du begraben.

Ruhe in Frieden.

Paul Celan – Die Todesfuge

Nov 18
Allgemein

Im Rah­men der Lite­ra­tur­vor­le­sung Lite­ra­tur der Shoah beschäf­ti­gen wir uns mit der Todes­fuge von Paul Celan. Es ist für mich das beein­dru­ckendste Gedicht, das ich jemals gehört habe. Es ist so dicht gepackt mit Sym­bo­lik, wie­der­holt sich, vari­iert — ein genia­les Bei­spiel, was Lyrik alles aus­drü­cken kann.

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken sie abends
wir trin­ken sie mit­tags und mor­gens wir trin­ken sie nachts
wir trin­ken und trin­ken
wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blit­zen die Sterne er pfeift seine Rüden her­bei
er pfeift seine Juden her­vor läßt schau­feln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mor­gens und mit­tags wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
Dein asche­nes Haar Sula­mith wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tie­fer ins Erd­reich ihr einen ihr andern sin­get und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tie­fer die Spa­ten ihr einen ihr andern spielt wei­ter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags und mor­gens wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sula­mith er spielt mit den Schlan­gen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
er ruft streicht dunk­ler die Gei­gen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wol­ken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
wir trin­ken dich abends und mor­gens wir trin­ken und trin­ken
der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land sein Auge ist blau
er trifft dich mit blei­er­ner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlan­gen und träu­met der Tod ist ein Meis­ter aus Deutschland

dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sulamith

Paul Celan

Auf den ers­ten Blick mag das sehr befremd­lich wir­ken, es ist auch zuge­ge­be­ner­ma­ßen kein leich­tes Gedicht. Die Ansätze für die Inter­pre­ta­tion sind viel­fäl­tig, ein paar fal­len mir noch ein:

  • Die „schwarze Milch” beschreibt die Grund­stim­mung, aus dem rei­nen Weiß wird dunk­les Schwarz, schon die Vor­stel­lung, schwarze Milch trin­ken zu müs­sen, ver­ur­sacht Übel­keit. Und diese schwarze Milch durch­zieht das gesamte Gedicht.
  • Der ein­zige Reim (blau — genau) ist am Ende des Gedichts zu fin­den. Sein Inhalt ist der Tod, der „Meis­ter aus Deutsch­land”, und die Genau­ig­keit der indus­tri­el­len Tötung. Damit bleibt von der deut­schen Kul­tur nur mehr der Tod übrig, die sys­te­ma­ti­sche Aus­lö­schung eines Volkes.
  • Mar­ga­re­the”, Anspie­lung auf Gret­chen, damit deut­sche Kultur
  • Sula­mith”, Anspie­lung auf jüdi­sche Kultur
  • spielt auf nun zum Tanz”, die Grund­form der Fuge ist eine musi­ka­li­sche Form, an die das Gedicht ange­lehnt ist, zudem ist es ein wei­te­rer Beleg der Gegen­über­stel­lung deut­scher Kul­tur und dem Unfass­ba­ren (Konzentrationslager)