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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Training

Mor­gen zählt es, wir dre­hen eine Dialog-​​Szene in ver­schie­de­nen Ein­stel­lun­gen mit Schein­wer­fern und allem, was dazu gehört. Sicher­lich kom­men wir nicht an die Aus­stat­tung eines pro­fes­sio­nel­len Film­sets heran, aber für uns Kamera-​​Neulinge wird es trotz­dem auf­re­gend genug sein. Denn viele Ver­su­che gibt es nicht, eine Ein­stel­lung kann auf­grund so vie­ler tech­ni­scher Män­gel raus­fal­len, dass es wenig Spiel­raum für Feh­ler beim Schau­spie­ler gibt.

Eine gute Vor­be­rei­tung der Szene ist des­halb extrem wich­tig. Ich habe mir die Seite aus­ge­druckt und die freien Rän­der für meine Anmer­kun­gen genutzt. Ich gehe dabei sys­te­ma­tisch vor.

  1. inhalt­li­che Gliederung
  2. emo­tio­nale Gliederung
  3. Stich­worte des Dia­log­part­ners für Reaktionen
  4. Beto­nung, Bedeu­tung des eige­nen Textes

Span­nend an der Szene ist, dass wir zwei Inter­pre­ta­tio­nen ablie­fern sol­len. Inhalt­lich geht es um den plötz­li­chen Tod von Mimmo, Per­son 2 hadert mit dem Schick­sal. Meine Rolle ist Per­son 1, wel­che an grö­ßere Zusam­men­hänge glaubt und Per­son 2 trös­tet. Mir selbst ist eine sol­che Welt­sicht fremd, umso span­nen­der, diese Sätze glaub­haft zu spre­chen. Am Ende offen­bart Per­son 1 noch, dass auch sie kürz­lich den Tod ihrer Mut­ter ver­kraf­ten musste, ein sehr emo­tio­na­ler Abschluss der Szene.

In der ers­ten, nahe­lie­gen­den Inter­pre­ta­tion ist Per­son 1 ein streng­gläu­bi­ger Pfar­rer. Damit machen die Aus­sa­gen Sinn, Gott ist gemeint, wenn auch nicht direkt im Text ange­spro­chen (Alles ist irgend­wie Teil eines grö­ße­ren Gan­zen.) Und streng­gläu­big sagt auch wenig über den Cha­rak­ter aus, es kann ein ein­fühl­sa­mer oder ein arro­gan­ter streng­gläu­bi­ger Pfar­rer sein. Aber ein­fühl­sam passt bes­ser zum Text, so dass ich es auf diese Art inter­pre­tie­ren werde. Ges­tisch sehe ich die aus­ge­brei­te­ten Arme mit nach außen geöff­ne­ten Hän­den und einen nach oben gewand­ten Blick, aber im direk­ten Gespräch passt das nicht wirk­lich. Ein gele­gent­li­cher Blick ins Weite muss genü­gen. Inner­lich werde ich Zwie­spra­che mit Gott hal­ten oder an das Vater­un­ser den­ken, da kommt mir meine katho­li­sche Kind­heit zugute.

Die zweite Inter­pre­ta­tion ist deut­lich anspruchs­vol­ler, zwei Räu­ber unter­hal­ten sich nach einem miss­glück­ten Über­fall. Per­son 1 ist aggres­siv, bewaff­net und frus­triert. Das gibt dem Text eine ganz andere Bedeu­tung. Ich inter­pre­tiere es mal als arro­gant, meine ver­wun­dete Kum­pa­nin auf die gro­ßen Zusam­men­hänge hin­zu­wei­sen (Ich glaube nicht an Zufälle.) und denke mir inner­lich, dass sie es ver­bockt hat. Die Sache mit der toten Mut­ter ist dann natür­lich extrem unpas­send, ich ver­su­che es mal nicht ernst gemeint. Obwohl Per­son 2 dann extrem naiv wirkt, wenn es ihr leid tut. Alter­na­tiv könnte Per­son 1 tat­säch­lich ihre Mut­ter ver­lo­ren haben, dann muss der Übergang von Frus­tra­tion und Aggres­si­vi­tät zum offe­nen, emo­tio­na­len Gespräch bewäl­tigt wer­den. Ich bin auf Marco’s Regie gespannt.

Nach der eher theo­re­ti­schen Ein­füh­rung des ers­ten Kur­ses ging es heute zur Sache, wir dreh­ten einen Dia­log zwi­schen zwei Per­so­nen in ver­schie­de­nen Ein­stel­lun­gen. Das Ziel war es, die Wir­kung ver­schie­de­ner Ein­stel­lun­gen auszuprobieren.

1. Halb­nahein­stel­lung

Die Halb­nahein­stel­lung zeigte uns, am Tisch sit­zend, von den Hän­den bis zum Kopf. Vom Gesprächs­part­ner waren Schul­ter und Kopf in der Unschärfe sicht­bar. Es ist eine rela­tiv große Ein­stel­lung, die Bewe­gun­gen in einem bestimm­ten Rah­men erlaubt.

2. Nahein­stel­lung

Näher dran ist die Nahein­stel­lung, wel­che von der Brust bis zum Kopf geht. Da hat man schon weni­ger Spiel­raum für Bewe­gun­gen und die Mimik ist auch deut­lich bes­ser sichtbar.

3. Groß­auf­nahme

Jetzt ist nur der Kopf zu sehen, jede Bewe­gung ist extrem deut­lich sicht­bar. Ein gesenk­ter Blick, ein Wech­sel der Augen­fo­kus­sie­rung – all das sieht man quasi hun­dert­fach vergrößert.

Fazit

So schlimm wirk­ten wir alle gar nicht, einige Takes hätte man durch­aus ver­wen­den kön­nen. Ich hatte mich dar­auf kon­zen­triert, mög­lichst wenig zu blin­zeln und das rechte Auge mei­ner Dia­log­part­ne­rin nicht aus den Augen zu ver­lie­ren. Dadurch war ich sehr prä­sent, aber auch ein wenig unter­kühlt. Nächste Woche dre­hen wir dann rich­tig, mit mehr Fokus auf dem Schau­spie­le­ri­schen und der Insze­nie­rung der Szene.

Heute fand die erste Lek­tion des ZES-​​Kameratrainings statt. Ich habe mich für drei Lek­tio­nen ange­mel­det, wir sind zu dritt. Die heu­tige Auf­takt­ver­an­stal­tung nutzte Marco Hausammann-​​Gilardi für eine Ein­füh­rung in das Thema Film­schau­spiel. Denn wir alle hat­ten bis­her eher Thea­ter­er­fah­rung gesam­melt und die Gesetz­mä­ßig­kei­ten und Gepflo­gen­hei­ten der Film­bran­che waren für uns neu.

Weni­ger ist mehr

Die Unter­schiede zwi­schen Thea­ter und Film erge­ben sich aus der kom­plett ver­schie­de­nen Zuschau­er­per­spek­tive. Beim Thea­ter sit­zen die Leute im Zuschau­er­raum und sehen stets die gesamte Bühne. Da sich alles unmit­tel­bar vor ihren Augen abspielt, kön­nen sie selbst ent­schei­den, wohin sie schauen. Eine gute Insze­nie­rung wird natür­lich ver­su­chen, den Fokus auf eine bestimmte Hand­lung zu len­ken und durch Licht­tech­nik kön­nen Teile der Bühne aus­ge­blen­det wer­den, aber letzt­end­lich ent­schei­det jeder Zuschauer selbst, was ihm im Moment gerade wich­tig ist. Beim Film wird diese Ent­schei­dung durch die Wahl des Bild­aus­schnitts gefällt. Die Zuschauer sehen einen Fern­se­her oder eine Kino­lein­wand mit einem bestimm­ten Aus­schnitt und einem genau defi­nier­ten Fokus. Bei einer Nahein­stel­lung im Film sieht man einen Teil des Gesichts, typi­scher­weise Augen und Mund­par­tie. Der Zuschauer ist also viel näher dran als beim Thea­ter und nimmt jede Zuckung und jede Schweiß­perle wahr.

Ein klas­si­sches Bei­spiel für Gesichts-​​Nahaufnahmen ist Spiel mir das Lied vom Tod von Ser­gio Leone.

Aus die­sem Unter­schied in der Dis­tanz und Wahr­neh­mung resul­tiert ein deut­lich redu­zier­tes Spiel vor der Kamera. Man spielt weni­ger stark, muss aber trotz­dem extrem prä­sent und prä­zise sein.

Action!

Der zweite Unter­schied besteht darin, dass bei einer Film­pro­duk­tion extrem viele Leute am Dreh­ort mit den tech­ni­schen Aspek­ten der Auf­nahme und Beleuch­tung beschäf­tigt sind. Wenn das Licht auf­ge­baut ist, die Schie­nen und Kräne für die Kame­ra­fahr­ten ein­ge­rich­tet sind und das magi­sche Wort Action erklingt, muss der Schau­spie­ler seine Leis­tung brin­gen. Da jede Minute Geld kos­tet und die Zeit sehr genau ein­ge­teilt ist, bedeu­tet jede zusätz­li­che Auf­nahme eine Ver­zö­ge­rung und damit Zusatzkosten.

Und viel Zeit für Pro­ben gibt es nicht, als Schau­spie­ler muss man sehr gut vor­be­rei­tet an die Probe kom­men. Es gibt vor jeder Szene eine kurze Bespre­chung für alle Betei­lig­ten, zu denen auch die Schau­spie­ler gehö­ren, danach gibt es einige Pro­be­durch­läufe und dann wird die Szene mehr­mals mit ver­schie­de­nen Kame­ra­ein­stel­lun­gen gedreht. Je nach Regis­seur wer­den alle Ein­stel­lun­gen gemacht oder nur bestimmte, es muss aber immer genau gleich aus­se­hen, damit man dann auch schnei­den kann.

Tricks

Des­wei­te­ren gibt es etli­che Tricks, um Sze­nen fil­misch gut aus­se­hen zu las­sen, die aber ein unna­tür­li­ches Ver­hal­ten erfor­dern. Ein Bei­spiel ist Nähe. Nor­ma­ler­weise wür­den zwei Men­schen, die sich unter­hal­ten, in einem Abstand von viel­leicht einem Meter sit­zen. Fil­misch sieht das nicht wirk­lich gut aus, wenn man beide Köpfe im Bild haben möchte. Des­halb ver­rin­gert man den Abstand auf eine sehr nahe Dis­tanz, dann sieht das Bild bes­ser aus, die Köpfe neh­men einen grö­ße­ren Anteil des Bil­des ein und die Gesich­ter sind auch bes­ser erkennbar.

Fazit

Für mich klang das alles doch sehr abschre­ckend, da lobe ich mir doch die Thea­ter­welt, wo sich alles um die Schau­spie­ler dreht und die Tech­nik eine unter­ge­ord­nete Rolle spielt. Und außer­dem bin ich nicht wirk­lich sicher, ob mich die Kamera mag. Nächste Woche legen wir dann end­lich los mit dem Dre­hen, eine kurze Szene wird am Ende eine Film­mi­nute erge­ben. Ich bin gespannt.

Michael Caine: Weni­ger ist mehr. Klei­nes Hand­buch für Filmschauspieler

Stel­len Sie sich vor, Sie hät­ten abso­lut keine Fan­ta­sie — wäre das nicht ein trost­lo­ses Dasein? Denn erst das Her­vor­ru­fen von Bil­dern und Ideen jen­seits des Exis­tie­ren­den lässt Sie unbe­kannte Pro­bleme lösen und ermög­licht es Ihnen, sich in andere Men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen und somit zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen aufzubauen.

Eine ganz große Por­tion Fan­ta­sie brau­chen Sie beim Thea­ter­spie­len. Wenn Sie in einer the­ma­tisch arbei­ten­den Gruppe sind, die anhand eines Grund­the­mas Sze­nen impro­vi­siert und fes­tigt, ver­steht sich Fan­ta­sie von selbst. Aber auch bei einem fes­ten Stück brau­chen Sie Fan­ta­sie, denn der Text legt Ihre Rolle nur schein­bar fest. Es gibt extrem viele Lücken, die Sie mit Ihrer eige­nen Vor­stel­lungs­kraft fül­len müs­sen. Nur dann wer­den Sie Ihre Rolle plas­tisch spie­len und die Zuschauer bewegen.

In die­sem Bei­trag möchte ich die beson­dere Rolle der Fan­ta­sie beim krea­ti­ven Thea­ter­pro­zess beleuch­ten und Übun­gen zei­gen, wel­che Ihre Fan­ta­sie zu beflügeln.

Phan­ta­sie im All­tag — Die Macht der Gedanken

Ein jeder Mensch hat Fan­ta­sie, die meis­ten nut­zen sie aber, um sich in nega­tive Spi­ra­len zu stür­zen. Wie schnell und plas­tisch kann man sich den schlech­ten Aus­gang einer Hand­lung aus­ma­len, sei es nun der ein klä­ren­des Gespräch, die Bewer­bung bei der Traum­firma oder eine schwie­rige Wan­der­tour. Durch die­sen Stru­del nega­ti­ver Gedan­ken legt man in die Hand­lung nicht die volle Kraft und Ent­schlos­sen­heit hin­ein, es wird ja ohne­hin schief gehen. Und meist bewahr­hei­tet es sich, die Macht der selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung ist bekannt.

Schö­ner ist es, wenn Sie Ihre Fan­ta­sie auf den posi­ti­ven Aus­gang len­ken und sich die wun­der­ba­ren Fol­gen aus­ma­len. Genauso wich­tig ist die bewusste und posi­tive For­mu­lie­rung der eige­nen Wün­sche, wel­che oft uner­war­tete Türen öffnen und den Wunsch Wirk­lich­keit wer­den lassen.

Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski und Fantasie

Nach Sta­nis­law­ski ist das Ziel des Schau­spie­lers, auf der Bühne eine Hand­lung aus­zu­füh­ren, die inner­lich begrün­det, logisch, fol­ge­rich­tig und in der Wirk­lich­keit mög­lich sein muss. Man geht also nicht von einem Gefühl aus, in das man sich hin­ein­stei­gert, son­dern kon­zen­triert sich auf eine kon­krete Hand­lung. Diese erweckt dann die Gefühle.

Um eine sol­che Hand­lung zu fin­den, benutzt Sta­nis­law­ski die Begriffe Wenn und vor­ge­schla­gene Situa­tion. Durch das Wenn wird aus der unmit­tel­ba­ren Wirk­lich­keit eine Thea­ter­szene. Die Frage Wenn ich einen Brief in der Hand hätte, was wür­den Sie dann tun? regt Ihre Fan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft an, Sie über­le­gen sich eine Hand­lung. Im Fall des Brie­fes wür­den Sie ihn wahr­schein­lich neh­men und nach­schauen, ob er an Sie adres­siert ist. Die vor­ge­schla­gene Situa­tion ist eine Zusam­men­fas­sung aller Umstände, wie sie durch Stück und Insze­nie­rung vor­ge­ge­ben sind, also Zeit, Ort, Lebens­um­stände, Requi­si­ten, Kos­tüme, etc. Sie ist völ­lig fik­tiv und ent­steht durch die Fan­ta­sie der Beteiligten.

Ein Thea­ter­text hat immer Lücken. Es ist zum Bei­spiel meist nur der Ort der Hand­lung beschrie­ben, sagen wir ein Salon. Woher kom­men Sie, wenn Sie durch die rechte Tür in den Salon ein­tre­ten? Was haben Sie vor­her drau­ßen gemacht? War es da kalt oder warm, ange­nehm oder unan­ge­nehm? Haben Sie mit ande­ren Leu­ten gespro­chen? Warum tre­ten Sie über­haupt ein? Was geschah vor­her, bevor das Stück beginnt? Jede Rolle hat ein eige­nes Leben gelebt bis zu die­sem Zeit­punkt, dar­über gibt es meist nur wenig Anhalts­punkte im Text. An unend­lich vie­len Stel­len ist Ihre Fan­ta­sie als Schau­spie­ler gefragt.

Das Ziel des Schau­spie­lers ist es, wäh­rend des gan­zen Stü­ckes sowohl die äuße­ren (fik­ti­ven) Umstände wahr­zu­neh­men als auch seine inne­ren Asso­zia­tio­nen und Bil­der. Es ent­steht dann eine Art Film, der den Schau­spie­ler zu jedem Zeit­punkt in die rich­tige Stim­mung ver­setzt. Die­ser Film ist das Kunst­pro­dukt des Schau­spie­lers, es ent­springt sei­ner Fan­ta­sie und wird wäh­rend des krea­ti­ven Pro­zes­ses fort­lau­fend über­prüft und ver­fei­nert, schließ­lich muss jede Hand­lung logisch und fol­ge­rich­tig sein.

Wenn Sie auf der Bühne ein Wort mecha­nisch sagen oder etwas mecha­nisch tun ohne zu wis­sen, wer Sie sind, woher und warum Sie kom­men, was Sie hier brau­chen, wohin Sie gehen und was Sie dort tun wer­den, dann haben Sie phan­ta­sie­los gehan­delt, und Ihr Auf­ent­halt auf der Bühne, ob kurz oder lang, war für Sie keine Wahr­heit — Sie han­del­ten wie ein auf­ge­zo­ge­ner Mecha­nis­mus, wie ein Auto­mat.
[1] S. 50

Michael Tsche­chow und Imagination

Das schau­spie­le­ri­sche Genie Michael Tsche­chow hatte ohne Zwei­fel eine sehr leb­hafte Fan­ta­sie. Er regt an, sich nach einem lan­gen Tag zu ent­span­nen, dann trä­ten Erin­ne­run­gen in Erschei­nung, durch­mischt auch von völ­lig unbe­kann­ten Gestal­ten, an deren Schick­sal man mehr und mehr Anteil nähme. Als Künst­ler soll­ten Sie ler­nen, diese Gestal­ten zu beherr­schen, um sie für das Her­an­bil­den der eige­nen Rolle zu nut­zen. Ganz anders als Sta­nis­law­ski ver­lässt sich Tsche­chow auf seine Intui­tion und lässt im Unter­be­wusst­sein seine Figu­ren reifen.

Um sich die­ser Figu­ren zu bedie­nen, kön­nen Sie den Text zum einen ver­stan­des­mä­ßig ana­ly­sie­ren. Aber mit der Zeit stellt sich dann eine Gefühl­lo­sig­keit ein. Der andere Weg ist, Fra­gen an die auf­tau­chen­den Gestal­ten zu stel­len und mit Geduld und Kon­zen­tra­tion deren Ant­wort abzu­war­ten. Tsche­chow betont die Not­wen­dig­keit, die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit zu trai­nie­ren. Dann liefe neben dem All­tags­le­ben noch ein wei­te­rer Pro­zess par­al­lel, im Unter­be­wuss­ten. Und mit aus­rei­chend Übung kön­nen Sie die­sen unter­be­wuss­ten Pro­zess für die Erschaf­fung künst­le­ri­scher Figu­ren benutzen.

Übung zur Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit: Üben Sie mit einem sim­plen Gegen­stand die vier Pha­sen des Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­ses. Ich habe mit einer gel­ben Papri­ka­schote ange­fan­gen und ver­sucht, mir mög­lichst viele Details daran vorzustellen.

  1. Fest­hal­ten
  2. Her­an­zie­hen
  3. Auf ihn zu gehen
  4. Ein­drin­gen

Die Sinne soll­ten dabei ent­spannt sein, dann mit kom­ple­xe­ren Gegen­stän­den, Geräu­schen, Men­schen, fik­ti­ven Gegen­stän­den, lite­ra­ri­schen Gestal­ten fortsetzen.

Wenn Sie die Tech­nik der Kon­zen­tra­tion ein­mal beherr­schen, wird Ihnen auf­fal­len, wie Ihr gan­zes Wesen auf­lebt, erstarkt und an Har­mo­nie und Tat­kraft dazu­ge­winnt. Beim Spie­len wer­den diese Eigen­schaf­ten auch auf der Bühne sicht­bar. Das Form­lose und Dif­fuse ver­schwin­det, und Ihr Spiel wird viel über­zeu­gen­der.
[2] S. 21

Als wei­te­ren Schritt soll­ten Sie Ihre Vor­stel­lungs­kraft trai­nie­ren. Neh­men Sie eine Szene aus einem Thea­ter­stück, wel­ches Sie gut ken­nen und las­sen Sie diese immer wie­der ablau­fen. Dabei kön­nen Sie bestimmte Aspekte vari­ie­ren, zum Bei­spiel die Beto­nung eines Cha­rak­ter­zu­ges. Mit die­ser Fähig­keit kön­nen Sie im Pro­ben­pro­zess auch allein an einer Szene arbei­ten, indem Sie sie vor Ihrem inne­ren Auge ablau­fen lassen.

Fazit

Fan­ta­sie ist essen­zi­ell für Schau­spie­ler und nütz­lich für alle. Mit Fan­ta­sie lebt es sich schö­ner und ihr Trai­ning sollte des­halb einen gro­ßen Raum ein­neh­men. Pro­bie­ren Sie es aus!

Quel­len

[1] Stanislawski-​​Reader — Die Arbeit des Schau­spie­lers an sich selbst und an der Rolle, aus­ge­wählt und her­aus­ge­ge­ben von Bernd Ste­ge­mann, Hen­schel Verlag

[2] Michail A. Čechov, Die Kunst des Schau­s­pierlers, Mos­kauer Aus­gabe, Ver­lag Urachhaus

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/2009–10-16.mp3[/podcast]

Diplomverteidigung

Apr 20
Allgemein

Ich stehe auf und gehe nach vorn. Der Moment ist gekom­men, ein letz­ter Vor­trag, ein letz­tes Mal Fra­gen beant­wor­ten müs­sen, dann wird es vor­über sein. Ich schaue in die Runde. Prof. Ger­lach sitzt mir gegen­über in der Mitte, neben ihm Dr. Nor­kus im unge­wohn­ten Anzug. Einige Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts haben sich zu so frü­her Stunde ein­ge­fun­den. Und zu bei­den Sei­ten sit­zen Freunde, die mich mit ihren freund­li­chen gespann­ten Mie­nen still anfeu­ern. Der Vor­trag beginnt, ich habe ihn nicht geübt, die Worte flie­ßen, erst etwas hol­pe­rig, dann immer besser.

Die letzte Nacht habe ich schlecht geschla­fen, mich stun­den­lang her­um­ge­wälzt. Es waren wahr­schein­lich nur wenige Stun­den Schlaf, die ich bekom­men habe. Die letzte Woche war ein wenig stres­sig gewe­sen, da ich noch ein Pos­ter anfer­ti­gen und die Prä­sen­ta­tion ver­be­rei­ten musste. Und zuvor hatte ich mich in der End­phase der Arbeit befun­den, Kor­rek­tu­ren ein­ge­baut, Gra­fi­ken neu gezeich­net, immer wie­der Sätze ver­än­dert, Absätze umfor­mu­liert, Glie­de­run­gen über­dacht. Es reicht jetzt. Nur noch die­sen Vor­trag, dann ist Schluss.

Wahr­schein­lich wirke ich ent­spannt und sou­ve­rän, zu oft habe ich Rhetorik-​​Trainings absol­viert, als dass man mir Auf­re­gung ansähe. Ich bin auf­ge­regt, inner­lich, aber irgend­wie auch müde und abge­spannt. Ich bin fer­tig mit die­sem Thema, die Arbeit ist geschrie­ben, die Anre­gun­gen und Fra­gen zwar nett und hilf­reich, aber zu spät. Eigent­lich stehe ich auch nicht selbst da vorn. Es ist jemand anders, den ich für sol­che Zwe­cke in der Hin­ter­hand habe. Ein Teil von mir, der sich durch Rhetorik-​​Seminare lang­sam ent­wi­ckelt hat. Auf jeden Fall kommt mir die Situa­tion nicht wirk­lich vor, ich stehe neben mir, wie in einem Traum.

Es ist vor­bei. Der Vor­trag kam gut an, die Fra­gen eini­ger­ma­ßen intel­li­gent beant­wor­tet, die Hände geschüt­telt, die Glück­wün­sche ent­ge­gen­ge­nom­men, gelä­chelt, gelä­chelt. Der Pro­fes­sor wünscht eine steile Kar­riere, ich weiß damit nichts so recht anzu­fan­gen. Mal wie­der bin ich über diese Wir­kung von mir erstaunt, dar­über, wie ent­schlos­sen und ziel­stre­big ich wirke. Aber so rich­tig Zeit zum Nach­den­ken bleibt nicht, schon in weni­gen Stun­den fahre ich los nach Wro­claw, die nächs­ten Wochen sind alle­samt ver­plant. Meine Zukunft liegt vor mir, ver­hei­ßungs­voll und doch ungewohnt.