Ich stehe auf und gehe nach vorn. Der Moment ist gekom­men, ein letz­ter Vor­trag, ein letz­tes Mal Fra­gen beant­wor­ten müs­sen, dann wird es vor­über sein. Ich schaue in die Runde. Prof. Ger­lach sitzt mir gegen­über in der Mitte, neben ihm Dr. Nor­kus im unge­wohn­ten Anzug. Einige Mit­ar­bei­ter des Insti­tuts haben sich zu so frü­her Stunde ein­ge­fun­den. Und zu bei­den Sei­ten sit­zen Freunde, die mich mit ihren freund­li­chen gespann­ten Mie­nen still anfeu­ern. Der Vor­trag beginnt, ich habe ihn nicht geübt, die Worte flie­ßen, erst etwas hol­pe­rig, dann immer besser.

Die letzte Nacht habe ich schlecht geschla­fen, mich stun­den­lang her­um­ge­wälzt. Es waren wahr­schein­lich nur wenige Stun­den Schlaf, die ich bekom­men habe. Die letzte Woche war ein wenig stres­sig gewe­sen, da ich noch ein Pos­ter anfer­ti­gen und die Prä­sen­ta­tion ver­be­rei­ten musste. Und zuvor hatte ich mich in der End­phase der Arbeit befun­den, Kor­rek­tu­ren ein­ge­baut, Gra­fi­ken neu gezeich­net, immer wie­der Sätze ver­än­dert, Absätze umfor­mu­liert, Glie­de­run­gen über­dacht. Es reicht jetzt. Nur noch die­sen Vor­trag, dann ist Schluss.

Wahr­schein­lich wirke ich ent­spannt und sou­ve­rän, zu oft habe ich Rhetorik-​​Trainings absol­viert, als dass man mir Auf­re­gung ansähe. Ich bin auf­ge­regt, inner­lich, aber irgend­wie auch müde und abge­spannt. Ich bin fer­tig mit die­sem Thema, die Arbeit ist geschrie­ben, die Anre­gun­gen und Fra­gen zwar nett und hilf­reich, aber zu spät. Eigent­lich stehe ich auch nicht selbst da vorn. Es ist jemand anders, den ich für sol­che Zwe­cke in der Hin­ter­hand habe. Ein Teil von mir, der sich durch Rhetorik-​​Seminare lang­sam ent­wi­ckelt hat. Auf jeden Fall kommt mir die Situa­tion nicht wirk­lich vor, ich stehe neben mir, wie in einem Traum.

Es ist vor­bei. Der Vor­trag kam gut an, die Fra­gen eini­ger­ma­ßen intel­li­gent beant­wor­tet, die Hände geschüt­telt, die Glück­wün­sche ent­ge­gen­ge­nom­men, gelä­chelt, gelä­chelt. Der Pro­fes­sor wünscht eine steile Kar­riere, ich weiß damit nichts so recht anzu­fan­gen. Mal wie­der bin ich über diese Wir­kung von mir erstaunt, dar­über, wie ent­schlos­sen und ziel­stre­big ich wirke. Aber so rich­tig Zeit zum Nach­den­ken bleibt nicht, schon in weni­gen Stun­den fahre ich los nach Wro­claw, die nächs­ten Wochen sind alle­samt ver­plant. Meine Zukunft liegt vor mir, ver­hei­ßungs­voll und doch ungewohnt.