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Tag: Tschechow

In der aktu­el­len dra­ma­teure–Thea­ter­pro­duk­tion „Onkel Wanja” konn­ten wir ges­tern die erste Sze­nen­probe erle­ben. Im Dezem­ber hat­ten wir in Lese­pro­ben das Stück Seite für Seite in unse­ren Rol­len durch­ge­nom­men, die Per­so­nen­kon­stel­la­tion und Moti­va­tion der Figu­ren bespro­chen. Dar­auf auf­bau­end konn­ten wir ges­tern zum ers­ten Mal „stel­len”. Das bedeu­tet, die Szene auf der Bühne zu pro­bie­ren und vor allem die Auf– und Abgänge zu klä­ren, und damit die ent­schei­dende Frage „Wo bin ich?”

Schön war, dass einige von uns den Text schon aus­wen­dig konn­ten. Denn ohne Text­buch in der Hand ist man viel freier und kann sich auf die ande­ren Dinge kon­zen­trie­ren. Als sehr guter Schau­spie­ler würde man sich noch vor­her selbst Gedan­ken zur Szene machen und Ange­bote machen. Ein Ange­bot ist eine mög­lichst schlüs­sige Inter­pre­ta­tion der Szene und Rolle. Ob das dann ins­ge­samt passt, muss natür­lich die Regis­seu­rin ent­schei­den. Aber zumin­dest ist dann schon mal etwas da. Und die Probe macht dann auch mehr Spass, wird ein Dia­log über die Inter­pre­ta­tion und Figu­ren­kon­stel­la­tion anstatt die rein tech­ni­sche Erläu­te­rung des Ablaufs. Man hat es selbst in der Hand.

Als Tele­gin habe ich mich auf diese Szene natür­lich vor­be­rei­tet. Den Text kann ich schon ganz gut und konnte auch schon an den Emo­tio­nen arbei­ten. Die Regie­an­wei­sung an einer Stelle war, dass Tele­gin mit wei­ner­li­cher Stimme spricht. Er wird daran erin­nert, dass seine Frau ihn wegen eines ande­ren ver­las­sen hat. Das ist eine starke Emo­tion, die ich mit Hilfe einer sen­so­ri­schen Erin­ne­rung erar­bei­tete. Ich wählte eine per­sön­li­che Erin­ne­rung, die vom emo­tio­na­len Gehalt ähnlich ist. Ich sehe in die­sem Moment auf der Bühne die Bil­der und höre die Klänge. Es läuft da quasi ein Film in mir ab, der mich in diese Stim­mung bringt. Und dann muss ich gar nicht viel machen, meine Stimme klingt auto­ma­tisch anders, Mimik und Ges­tik pas­sen sich ebenso an. Es ist sicher­lich noch aus­bau­fä­hig, aber der Grund­stein ist gelegt.

Erste offi­zi­elle Probe der Onkel Wanja–Insze­nie­rung, drei neue Leute haben den Weg ins Kel­ler­thea­ter des GZ Buchegg gefun­den. Nach der Vor­stel­lungs­runde und der Erläu­te­rung des wei­te­ren Ablaufs konn­ten wir dann auch end­lich wie­der mal aktiv wer­den – in Form der belieb­ten Improvisationsspiele.

Es war groß­ar­tig! Anfangs zöger­lich, dann immer mehr zeigte sich die Spiel­freude, die Lust am Expe­ri­men­tie­ren mit Rol­len, Cha­rak­te­ren und Situa­tio­nen. Es fühlt sich gut an, ich habe diese Ener­gie auf der Bühne vermisst.

In den nächs­ten Wochen fol­gen wei­tere Pro­ben mit sen­so­ri­schen Erin­ne­rungs­übun­gen, Impro­vi­sa­tio­nen und wei­te­ren Ele­men­ten, die noch nicht so viel mit dem Stück zu tun haben. Erst spä­ter wer­den wir uns dann in Lese­pro­ben inten­si­ver mit dem Stück beschäf­ti­gen. Aber noch ist vie­les unklar, vor allem die Besetzung.

Ges­tern lasen wir ein wei­te­res Meis­ter­werk mit ver­teil­ten Rol­len – Onkel Wanja von Anton Tsche­chow. Das Stück ent­stand 1901 und ich finde es extrem fas­zi­nie­rend, wie aktu­ell es heute noch ist. Die Ankunft des Pro­fes­sors mit sei­ner jun­gen hüb­schen Frau auf einem Land­sitz bringt das Leben dort durch­ein­an­der, Kon­flikte bre­chen auf und uner­füllte Sehn­süchte kom­men zum Vorschein.

Der cha­ris­ma­ti­sche, aber des­il­lu­sio­nierte Arzt Astrow ist ein Grü­ner durch und durch, leicht könnte man sich ihn bei einer Anti-​​AKW-​​Demo vorstellen.

Astrow
… Aber wozu die Wäl­der zer­stö­ren? Die rus­si­schen Wäl­der kom­men alle­samt unter die Axt, Mil­li­ar­den von Bäu­men ster­ben, Tiere und Vögel ver­lie­ren ihr Zuhause, Flüsse trock­nen aus, die schöns­ten Land­schaf­ten wer­den ver­nich­tet. Und warum? Weil der Mensch zu faul ist, um sich zu bücken und den Heiz­stoff vom Boden aufzuheben.

Auch die ande­ren Cha­rak­tere sind span­nend. Der splee­nige alte Pro­fes­sor Alex­an­der Sere­brjaków, der ver­drieß­li­che, miss­lau­nige Iwán Petrówitsch Wojníz­kij, die gute Sonja, die lang­wei­lige aber bild­hüb­sche Jeléna Andréje­wna – sie alle sehe ich ver­kör­pert von den Leu­ten ges­tern, mit Leben erfüllt. Sehr gern würde ich die­ses Stück mal auf der Bühne sehen und noch lie­ber würde ich es auf die Bühne brin­gen wollen.