Am letz­ten Sonn­tag konn­ten die Schwei­zer über eine Vor­lage der Volks­in­itia­tive für ein Bau­ver­bot von Mina­ret­ten abstim­men. Im Vor­feld hatte man die­ser Initia­tive wenig Chan­cen ein­ge­räumt, jedoch wurde sie mit einer kla­ren Mehr­heit von 57.5% ange­nom­men (genaue Resul­tate in die­ser Tagesanzeiger-​​Grafik). Nur vier Kan­tone stimm­ten dage­gen, alle übri­gen dafür.


Pla­kat­mo­tiv der Mina­rett­geg­ner

Es ist ein schwar­zer Tag für alle Men­schen, die sich für eine welt­of­fene und libe­rale Schweiz ein­set­zen. Und die rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei SVP froh­lockt, konnte sie nach den vie­len ver­lo­re­nen Abstim­mun­gen der letz­ten Jahre (Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, Schen­gen) doch end­lich wie­der einen kla­ren Sieg ver­bu­chen. Die Fol­gen die­ser Abstim­mung sind schwer abzu­schät­zen, jedoch wird der Ruf der Schweiz im Aus­land dadurch nicht gerade ver­bes­sert werden.

Wenn man sich den Ursa­chen zuwen­det, steht da an ers­ter Stelle eine große Ver­un­si­che­rung. Es ist nicht unbe­dingt Frem­den­feind­lich­keit, aber das Gefühl, dass zu wenig getan wird gegen die nega­ti­ven Aus­wüchse des Islam, gegen Kopf­tü­cher, Scha­ria und Zwangs­ehen. Die Mina­rette sind ein Sym­bol, ihr Ver­bot wird jene weni­gen extre­men isla­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen nicht tref­fen, son­dern ihre Wut auf den Wes­ten noch wei­ter anfa­chen. Es trifft die große Mehr­heit der fried­lie­ben­den Mus­lime, die sich durch das Ver­bot in ihrer Reli­gi­ons­aus­übung bedroht sehen könn­ten. Denn wenn jetzt die Mina­rette ver­bo­ten wer­den, was folgt dann als nächstes?

Einen klei­nen Vor­ge­schmack bie­tet die Stel­lung­nahme der Mina­rett­geg­ner zum Aus­gang der Volks­ab­stim­mung. Einige Pro­fes­so­ren hat­ten es im Vor­feld gewagt, eine Klage beim Euro­päi­schen Gerichts­hof zu erwä­gen, um die Umset­zung der Vor­lage in die Schwei­zer Ver­fas­sung zu verhindern.

Das Ja des Schwei­zer Sou­ve­räns – unse­rer obers­ten poli­ti­schen Instanz – zum Mina­rett­ver­bot ist jetzt buch­sta­ben­ge­treu umzu­set­zen. Im Abstim­mungs­kampf laut gewor­dene pro­fes­so­rale Ideen, die Umset­zung via Klage beim Euro­päi­schen Gerichts­hof zu unter­lau­fen, sind inak­zep­ta­bel, bre­chen Ver­fas­sungs­recht. Im öffent­li­chen Dienst ste­hende Jus­tiz­funk­tio­näre, wel­che sich der Umset­zung des vom Sou­ve­rän geäus­ser­ten Wil­lens wider­set­zen, müs­sen ent­las­sen werden.

Quelle: Volks­in­itia­tive Gegen den Bau von Mina­ret­ten, Stel­lung­nahme vom 29.11.2009

Wer eine andere Mei­nung hat und gefähr­lich wer­den kann — dem win­ken Dro­hun­gen und Repres­sa­lien. Wahr­schein­lich wer­den sich irgend­wann alle Intel­lek­tu­el­len auf den Fel­dern bewäh­ren müssen.

Auf jeden Fall kommt jetzt Bewe­gung in die­ses manch­mal so träge Land. Der freie Autor Charles Lewinsky emp­fiehlt in einem Tagesanzeiger-​​Essay, mit glei­chen Mit­teln zurück­zu­schla­gen und mit Zuspit­zun­gen die Luft­ho­heit in der Debatte zu errin­gen. Denn mit gerümpf­ter Nase schwei­gend dabei zu ste­hen — davon ändert sich nichts. Wir müs­sen uns also üben im Pola­ri­sie­ren und Pole­mi­sie­ren, das ein­fa­che Argu­ment schlägt stets das dif­fe­ren­zierte, richtige.

Einen ande­ren Aspekt betont ein jüngst ver­öf­fent­lich­ter ZEIT-​​Artikel, der die Frage stellt, ob direkte Demo­kra­tie auf Bun­des­ebene über­haupt noch zeit­ge­mäß sei. Bezo­gen auf den Minarett-​​Entscheid kri­ti­siert er, dass Volks­ab­stim­mun­gen bei kom­ple­xen Sach­ver­hal­ten eine fal­sche Flucht zu ein­fa­chen Ant­wor­ten in schwie­ri­gen Zei­ten darstellten.

Die Idee der direk­ten Demo­kra­tie steht jedoch nicht nur von innen unter Druck, durch die neue Beweg­lich­keit des reprä­sen­ta­ti­ven Sys­tems, son­dern auch von außen: durch die Glo­ba­li­sie­rung. Eben weil das Prin­zip des Ple­bis­zi­tä­ren von der unmit­tel­ba­ren Rück­kopp­lung an den ein­zel­nen Bür­ger lebt, ist es von Pro­ble­men, die nicht nur eine Stadt oder ein Bun­des­land betref­fen, ten­den­zi­ell über­for­dert. Je kom­pli­zier­ter die Abhän­gig­kei­ten über Gren­zen hin­weg gera­ten, je mehr Akteure das inter­na­tio­nale Han­deln bestim­men, desto sel­te­ner wer­den die Fra­gen, die sich mit dem Rücken zur Welt, in klei­nen Ein­hei­ten ent­schei­den lassen.

Auch das erle­ben die Schwei­zer gerade: Ihr Mehr­heits­vo­tum gegen Mina­rette lässt sich ja nicht nur als anti­is­la­mi­scher Affekt lesen, son­dern auch als Über­druss an der Glo­ba­li­sie­rung. Als Aus­druck einer ver­brei­te­ten Sehn­sucht, sich abzu­kop­peln von den Anstren­gun­gen des eth­ni­schen, sozia­len und reli­giö­sen Durch­ein­an­ders, sich zurück­zu­zie­hen in über­schau­bare Ver­hält­nisse. Die­sem iso­la­tio­nis­ti­schen Impuls ent­spricht die Zuflucht zum Ple­bis­zit. Es sug­ge­riert klare Ent­schei­dun­gen in unüber­sicht­li­chen Zei­ten. Das aber ist eine Täu­schung. Es gibt kei­nen Aus­stieg aus der Glo­ba­li­sie­rung. Nichts zeigt das deut­li­cher als der Umstand, dass das Schwei­zer Mina­rett­ver­bot dem­nächst wohl von einer äuße­ren Instanz, vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rechte, über­prüft – und kas­siert wer­den dürfte. Nicht ein­mal mehr die Alpen bie­ten Schutz vor der Welt.

Quelle: DIE ZEIT, Vol­kes wahre Stimme