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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Winter

Start der Wan­de­rung bei Kemmeriboden-​​Bad

Schnee­spu­ren

Von den Wan­der­weg­wei­sern schaut nicht mehr viel raus.

Die­sen stei­len Hang muss­ten wir erklimmen.

Es sah nicht gut aus an den Tagen vor Weih­nach­ten, das Ver­kehrs­chaos in Deutsch­land domi­nierte die Schlag­zei­len. Der Frank­fur­ter Flug­ha­fen musste an einem Tag alle Flüge absa­gen, die Deut­sche Bahn emp­fahl allen Rei­sen­den, lie­ber nicht zu rei­sen und auf den Auto­bah­nen sah es auch nicht gerade rosig aus. Aber die Bahn­ti­ckets waren gebucht, die Weih­nachts­tour geplant – nichts konnte mich aufhalten.

schneechaos

Schnee­chaos in Deutsch­land, selbst Kin­der hal­fen mit, die Autos freizuräumen.

Die nächt­li­che Fahrt von Ham­burg nach Bran­den­burg war die erste Prü­fung. Schnee­trei­ben auf der Auto­bahn, die Spu­ren kaum erkenn­bar, dich­ter Ver­kehr, wir fah­ren mit 50 km/​h, die Schei­ben­wi­scher rat­schen über die Wind­schutz­scheibe, Kon­zen­tra­tion, jeder Spur­wech­sel führt weg von den schnee­freien Fahr­spu­ren über einen rut­schi­gen Schnee­hü­gel, nie wie­der, Kon­zen­tra­tion, Schnee­trei­ben, wir fah­ren 70, immer­hin, es wird Mit­ter­nacht, die Auto­bahn zieht sich, warum fah­ren immer wir zur Fami­lie, Kon­zen­tra­tion, nicht müde wer­den, könnte man eigent­lich wirk­lich brem­sen jetzt, wenn es sein müsste? Dann Land­straße, ich hasse Bran­den­burg, abseits von allem, in einem die­ser lang­ge­zo­ge­nen Dör­fer steht plötz­lich ein Auto vor uns, Warn­blin­ker, nicht wei­ter­fah­ren, ein Last­wa­gen ist von der Straße gerutscht, es wird drau­ßen immer käl­ter und Glatt­eis plau­si­bel, wir dre­hen um, neh­men eine kleine Straße durch wei­tere Dör­fer, vor­sich­tig mit 50 fah­ren wir, ein­mal rutscht es, aber nur kurz, das Auto fängt sich wie­der, Kon­zen­tra­tion, immer wei­ter zu einer bes­se­ren Land­straße, wir nähern uns Bran­den­burg von Nor­den, die­ser Wald kommt mir bekannt vor, Kon­zen­tra­tion, abbie­gen, ankom­men, das war knapp, Mama war­tet auf uns, es ist zwei Uhr nachts, schlafen.

emdener haus

Gekipp­tes Archi­tek­tur­foto in Emden.

Fami­li­en­ge­sprä­che, stun­den­lang, eher Selbst­dar­stel­lung als Zuhö­ren, viel­leicht bin ich ein­fach nicht in der Stim­mung, aber ich bringe mich ein, selbst­dar­stel­le­risch kann ich auch, werfe Worte in den Raum, andere wer­fen andere Worte in den Raum, wir leben in ver­schie­de­nen Wel­ten, seit vie­len Jah­ren, die gemein­sa­men Jahre lie­gen lange zurück, es ist immer wie­der Arbeit, diese Neu­gierde auf­zu­brin­gen für das Leben der Ande­ren, selbst erzäh­len ist ein­fa­cher. Die Welt der Bran­den­bur­ger Chef­ärzte und Kran­ken­haus­af­fä­ren, die Welt von YFU und die­ser ande­ren Firma, gro­teske Cha­rak­tere und ergrei­fende Schick­sale neh­men kurz Gestalt an, bis es zum nächs­ten geht.

Grüne Klöße – der Inbe­griff von Weih­nachts­es­sen. Die Gans brau­che ich eigent­lich nicht, Klöße und Soße rei­chen aus. Viel­leicht noch etwas Rot­kraut als Farb­tup­fer. Die Klöße beste­hen aus gerie­be­nen und gekock­ten Kar­tof­feln. Es ist eine ganz spe­zi­elle Reibe, wel­che jedes Jahr zu Weih­nach­ten diese fei­nen Kar­tof­fel­fä­den her­vor­bringt, natür­lich von Hand betrie­ben. Und diese Fäden geben den Klö­ßen dann jene spe­zi­elle Kon­sis­tenz, die ich seit mei­ner Kind­heit mit Weih­nach­ten verbinde.

wunderkerze mit händen

Sil­ves­ter­stim­mung

Emden – nette Klein­stadt im abso­lu­ten Nord­wes­ten von Deutsch­land, etwas wei­ter nörd­lich liegt die Insel Nor­der­ney, wo unsere erste Manos-​​Klassenfahrt hin­ging. Es wird wär­mer, end­lich. Ich atme auf und genieße die Win­ter­sonne und das Wie­der­se­hen mit ande­ren Dresd­ner Freun­den. Ein ruhi­ges Sil­ves­ter, so rich­tig in Fei­er­laune ist kei­ner von uns. Der harte Kern von Emden – viel­leicht 40 Leute – ist mit uns am Hafen, Feu­er­werk gibt es trotz­dem reich­lich, so dass schon kurz nach Mit­ter­nacht ein Pul­ver­dampf über Emden liegt wie über den Fel­dern von Water­loo. Wir tra­gen nur mit ein paar Wun­der­ker­zen zur Luft­ver­schmut­zung bei.

weites land

Wei­tes Land bei Greet­siel am Neujahrstag

Alles hatte ich pro­biert: Snow­board, Abfahrt­ski, Schnee­schuh­lau­fen, Lang­lauf, mal mehr, öfter weni­ger erfolg­reich. Aber eine Win­ter­sport­art fehlte mir noch in mei­ner Erfah­rungs­samm­lung – Ski­tou­ren. In den Pro­spek­ten stel­len sich Ski­tou­ren immer als ein­same Auf­stiege und rasante Abfahr­ten durch unbe­rühr­ten Pul­ver­schnee dar, bei­des natür­lich unter strahlend-​​blauem Himmel.

Skitour
Im Gän­se­marsch zum Gip­fel.

In der brei­ten Palette der Win­ter­sport­ar­ten kann man Ski­tou­ren irgendwo zwi­schen Abfahrt und Schnee­schuh­lau­fen ein­ord­nen. Die ver­wen­de­ten Skier sehen unge­fähr so aus wie Abfahrs­skier, jedoch sind sie meist leich­ter. Die Bin­dun­gen erlau­ben die beid­sei­tige Fixie­rung des Ski­schuhs zur Abfahrt oder die ein­sei­tige Fixie­rung vorn zum Auf­stieg. Zusätz­lich klebt man beim Auf­stieg noch Steig­hil­fen (Felle) dran. Dafür gibt es an den Fel­len eine Leim­schicht und Ein­häng­bü­gel. Mit die­sen Vor­rich­tun­gen kann man pro­blem­los Hänge hoch­lau­fen, die Rutsch­fä­hig­keit hält sich aber stark in Grenzen.

Winterlandschaft
Blick zurück ins Safi­en­tal.

Am letz­ten Wochen­ende war ich zum ers­ten Mal auf einer Ski­tour dabei, orga­ni­siert von Höhen­fie­ber. Im Safi­en­tal waren wir unter­wegs, der Höhe­punkt war die Bezwin­gung des Strät­scher­horns (2575 m) am Sams­tag. Die Bedin­gun­gen waren alles andere als opti­mal. Die Lawi­nen­warn­stufe war erheb­lich, eine Woche zuvor waren sogar im glei­chen Tal zwei Tou­ren­gän­ger bei einem Lawi­nen­un­fall ums Leben gekom­men. Der Fön wehte sehr stark und es war an den Vor­ta­gen recht warm gewe­sen, wodurch sich an eini­gen Stel­len eine harte Schnee­schicht bil­dete. Dar­auf ließ sich schlecht abfah­ren, im Falle eines Fal­les sank man tief ein und musste sich müh­sam befreien. Mir ging das recht häu­fig so, ich war auch eine Weile nicht mehr Abfahrts­ski gefah­ren. Manch­mal ver­schwand eine Ski­spitze auch unter der har­ten Harsch­schicht, dann musste ich den Ski mühe­voll hang­auf­wärts raus­zie­hen. Aber am Ende war es ein span­nen­des Erleb­nis und alle kamen heil unten an.

Morgenstimmung
Auf­bruch im Mor­gen­grauen vom Tur­ra­hus.

Einen Ver­lust musste ich jedoch ver­kraf­ten – meine heiß­ge­liebte Ther­mos­fla­sche blieb am Berg, bei der Abfahrt vom Strät­scher­horn und einem mei­ner zahl­rei­chen Stürze muss ich sie ver­lo­ren haben. Ich hätte sie nicht außen am Ruck­sack anbrin­gen sol­len. Jetzt liegt sie irgendwo unter einer dich­ten Schnee­de­cke, es müsste sich sogar noch der Auf­kle­ber mit „mathias” dar­auf befin­den, ihn hatte ich am Vor­tag ange­bracht, zur Unter­schei­dung von Dut­zen­den ande­ren Ther­mos­kan­nen im bis auf den letz­ten Platz gefüll­ten Tur­ra­hus.

Drei Tage in Andeer und Umge­bung – Zeit für Ent­span­nung, Well­ness und ein biss­chen Win­ter­sport. Andeer ist ein beschau­li­ches Örtchen im Kan­ton Grau­bün­den mit Ther­mal­bad. Diese Ein­rich­tung war auch der wich­tigste Grund für uns, dort unser Lager auf­zu­schla­gen. Es gibt zwei Becken mit war­mem, mine­ra­li­schem Was­ser und einen Sauna-​​Bereich im Keller.

Nicht weit von Andeer ent­fernt befin­det sich das Berg­dorf Juf auf über 2100 Meter. Es ist das höchst­ge­le­gene ganz­jäh­rig bewohnte Dorf Euro­pas. Von dort konn­ten wir auf einem Win­ter­wan­der­weg jeg­li­che Zivi­li­sa­tion hin­ter uns las­sen, um uns nur noch schnee­be­deckte Berge.

Alpine Winterlandschaft
Alpine Win­ter­land­schaft bei Juf

Eben­falls in der Nähe von Andeer befin­det sich der Win­ter­sport­ort Splü­gen, wo wir uns die Skating-​​Skier an die Füße schnall­ten und über die Piste glit­ten. Gerade berg­auf ist es immer wie­der anstren­gend, aber die gera­den und abschüs­si­gen Pas­sa­gen beloh­nen für die Mühen. Man hat dann das Gefühl zu flie­gen, es geht so leicht und die Tech­nik ist nicht so entscheidend.

Skaten
Ska­ten macht Spaß!

Der Win­ter hat auch seine schö­nen Sei­ten. Zuge­ge­ben, die Berge sind nicht weit und ab einer gewis­sen Höhe kommt immer die Sonne zum Vor­schein. Aber hier ein paar Impres­sio­nen zur Auf­hei­te­rung der all­ge­mei­nen Winterdepression.


Früh übt sich…

Ein ande­rer Tag, wir woll­ten auf die Rigi. Die Web­cam ver­hieß nichts Gutes. Dicke Suppe am Gip­fel. Wir gin­gen doch, schnall­ten die Schnee­schuhe in Fruttli an und stie­gen auf zum Wandergipfel.


Die Rigi-​​Wanderung star­tete bei dich­tem Nebel.

Oben waren dann plötz­lich keine Wol­ken mehr, eine wun­der­bare Win­ter­berg­land­schaft tat sich auf.

Das Ende des Tages und das Ende der Welt.