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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Zug

Das letzte Wochen­ende war reich an Ein­drü­cken und Erfah­run­gen. Anlass mei­ner – wie allzu oft – sehr kurz­fris­tig geplan­ten Reise war die Hoch­zeit mei­nes ehe­ma­li­gen Mit­be­woh­ners Mat­thias. Aber eine chro­no­lo­gi­sche Erzäh­lung würde mei­ner asso­zia­ti­ven Erin­ne­rungs­flut wohl kaum Genüge leis­ten. Und wäre außer­dem langweilig.

Als ich schlief, saß ich im Zug. Eigent­lich sollte es ein ICE sein, die­ses kli­ma­ti­sierte, kom­for­ta­ble Spit­zen­pro­dukt deut­scher Inge­nieurs­kunst. Aber in Basel stand da nur so ein lächer­li­cher IC, der außer­dem viel zu kurz war für die vie­len Rei­sen­den. Ich hatte zumin­dest einen Sitz­platz, den ich bis Ber­lin nicht her­gab. Die Rei­se­zeit ver­brachte ich in einem Däm­mer­zu­stand zwi­schen Zeitung-​​Lesen und Schla­fen. Ich war müde, da ich am Mor­gen noch schnell meine Reise von Ber­lin nach Raben orga­ni­sie­ren musste und irgend­was nicht funk­tio­nierte auf Arbeit. Aber nach einer Weile fiel all diese Hek­tik von mir ab. Ich schlief im Sit­zen in die­sem viel zu war­men Zug.

Der Erzäh­ler in Nor­bert Zäh­rin­gers „Als ich schlief” liegt im Wach­koma. Irgend­was traf sei­nen Kopf, seit­her befin­det er in die­sem Zustand. Man weiß wenig über diese Pati­en­ten, aber einige kom­men zurück und erin­nern sich an Dinge, die neben ihrem Bett gesagt wur­den. In unse­rer Gruppe gibt es sogar ein For­schungs­pro­jekt dazu (Awa­con). Das visio­näre Ziel ist es, den Wach­heits­grad von die­sen Pati­en­ten mit Hilfe von EEG, Herz­rate, Haut­leit­fä­hig­keit und ande­ren phy­sio­lo­gi­schen Para­me­tern zu erfas­sen und durch Sti­muli posi­tiv zu beeinflussen.

Für das Buch ist aber die Erzähl­per­spek­tive eines Wach­ko­ma­pa­ti­en­ten span­nend, all­wis­send schwebt er über dem Gesche­hen und sieht die Zusam­men­hänge. Das Thema ist immer so ein Schwe­be­zu­stand wie der des Wach­ko­mas. Schrö­din­gers Katze darf nicht feh­len, außer­dem die men­schen­ver­ach­ten­den Expe­ri­mente eines KZ-​​Arztes, der aus­pro­bierte, wie lange seine Pro­ban­den durch­hiel­ten, wenn man sie im kal­ten Was­ser lässt oder den Druck redu­ziert. Ver­bin­dend wirkt der schwarze Junge, der sich ans Flug­zeug des ame­ri­ka­ni­schen Vize­prä­si­den­ten schleicht und sich im Fahr­werk­schacht ver­steckt. Er fällt beim Lan­de­an­flug in Ber­lin vom Him­mel und über­lebt, wird gefun­den von Paul Mahlow, dem Mit­be­woh­ner des erzäh­len­den Wachkomapatienten.

Aber das war ja schon die Rück­fahrt, als ich die­ses Buch kom­plett las. Die Rück­fahrt in einem rich­ti­gen ICE, die Sonne steht über den Fel­dern, ich wechsle wie­der ab zwi­schen Schla­fen und Lesen. Zugleich spielt die deut­sche Natio­nal­mann­schaft gegen Spa­nien im EM-​​Finale und ver­liert. Das erste spa­ni­sche Tor sagt der Zug­be­glei­ter noch an, aber dann muss ich wie­der umstei­gen in Basel und weiß ein­fach nicht, ob es die Deut­schen noch schaf­fen, das Spiel her­um­zu­rei­ßen. In Zürich erwar­tet mich spa­ni­scher Freu­den­tau­mel und still in ihre deut­schen Fah­nen ein­ge­hüllte Fans. Am Kunst­haus steigt ein Schwall Final­zu­schauer in die Stra­ßen­bahn ein, sie kom­men vom Bel­le­vue, von der gro­ßen Fan­zone in Zürich. Ich bin müde und froh, wie­der zu Hause zu sein.

Als ich schlief, störte mich nichts. Denn ich hatte Ohr­stöp­sel von Kris­tina bekom­men, in wei­ser Vor­aus­sicht des zu erwar­ten­den Schnarch­kon­zerts nach lan­gen Hoch­zeits­fei­ern. Burg Raben­stein im Flä­ming, ganz in der Nähe von Ber­lin, ein gro­ßer run­der Turm ist das mar­kan­teste Zei­chen die­ser alten Fes­tung. Dort drin fand auch die Trau­ung statt, die Beamte las gelang­weilt ihren Text vor – aber viel­leicht kam es mir auch nur so vor. Da hatte die Pre­digt in der klei­nen Dorf­kir­che schon mehr zu bie­ten, aber nur eine Min­der­heit kannte die Kirch­lie­der und traute sich mit­zu­sin­gen. Das Braut­paar war ergrif­fen, drau­ßen wur­den sie dann mit Reis bewor­fen. Das gab schöne Bil­der, Foto­gra­fie­ren war meine Auf­gabe an die­sem Tag. Wann immer ein neuer Pro­gramm­punkt in Sicht war, sprin­tete ich los, um ihn ja nicht zu ver­pas­sen. Schwie­ri­ger war es dann drin­nen beim Essen, wenig Licht. Aber abends waren dann alle Bil­der gemacht oder ver­passt, es war ent­schie­den, auch das Feu­er­werk und den bren­nen­den auf­ge­säg­ten Baum­stumpf und den Wurf des Braut­strau­ßes um Mit­ter­nacht. Alles im Kas­ten. Ich kann in Ruhe schlafen.

Als ich kurz ein­schlief, traf mich ein böser Blick von Vera. Brahms Requiem in der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie. Ich hatte mich gar nicht vor­be­rei­tet, aber es kam mir bekannt vor, mit Mat­thias habe ich genau die­ses Kon­zert schon mal in Dres­den besucht, in der Kreuz­kir­che. Mit Mat­thias, der mor­gen hei­ra­tet. Es hängt doch alles irgend­wie zusammen.

Grenze

Jan 1

Wo ist die Grenze zwi­schen Deutsch­land und der Schweiz? Für mich ist es der Moment, wenn ich zum ers­ten Mal jeman­den im Dia­lekt des Ziel­or­tes reden höre. Mit dem Zug ist das meist nach dem Umstei­gen in Frank­furt der Fall, plötz­lich redet jemand mit säch­si­schem Dia­lekt und ich weiß dann, wohin ich fahre. Der ver­traute Klang der Spra­che weckt dann die Erin­ne­run­gen an die alte oder neue Hei­mat. Rückzu war es dann ein Pär­chen, die sich auf Schei­zer­deutsch unter­hiel­ten, im ICE nach Basel weit vor der eigent­li­chen Grenze. Die tat­säch­li­che Grenze bemerkt man fast gar nicht, drau­ßen sah ich eine Zoll­sta­tion vor­bei huschen, zwei Zoll­be­amte gehen durch den Wagen, ent­spannt und mit des­in­ter­es­sier­tem Blick, die Wirk­lich­keit mit tau­sen­den Grenz­gän­gern pro Tag macht die Iso­la­tion der Schweiz zur Farce. Zumin­dest für Zug­rei­sende, wer Waren ein­füh­ren will, wird dann wahr­schein­lich mit einer ande­ren Grenze konfrontiert.