Winti-SOLA, Strecke 3

Samstag morgen, 7:39 Uhr, Milchbuck. Ich steige in die Sieben, um mich auf den Weg nach Winterthur zu machen, wo ein Ableger der SOLA stattfindet, die Winti-SOLA. Meine ist die dritte Strecke, 4,4 km zwar nur, aber dafür reichlich 100 m rauf zum Hulmen.

In Eidberg steige ich aus dem eigens organisierten Bus, und treffe überraschend einen Theaterbekannten, Ivo Tarquini. Gemeinsam laufen wir uns ein und erwarten die Läufer, der Verantwortliche ruft die Nummern via Mikrofon auf Schweizerdeutsch aus, nicht ganz einfach zu verstehen. Aber dann kommt meine Vorläuferin herangebraust, ich schnappe mir das Clip-Band und renne los. Ein steiler Anstieg auf den ersten beiden Kilometern verlangt einiges, ich finde mein Tempo, schnaufe vor mich hin. Die Frauen dürfen abkürzen, der zweite Teil des Anstiegs bleibt ihnen erspart. Endlich geht es bergab, alles wieder runter. Am Ziel klappt die Übergabe wieder reibungslos und ich kann verschnaufen, bevor mich der Extrabus zurück bringt.

Winti-SOLA, Strecke 3 (aufgezeichnete Daten)

Weniger ist mehr

Mit dem bevorstehenden Umzug stellt sich mal wieder die Frage, was ich eigentlich wirklich brauche von meinem Hausrat. So viele Dinge, und die meisten davon überflüssig. Tief in mir ist da ein digitaler Minimalist, der sich lösen möchte vom Materiellen, dem Erinnerungen wichtiger sind als die Objekte, welche sie auslösen, der es gewohnt ist, Dinge per Knopfdruck zu kriegen, seien es Musik, Bücher oder Filme.

Schöne neue Welt – Kindle statt Bücherregal

Schöne neue Welt – Kindle statt Bücherregal

Aber spannend ist für mich auch die Frage, was noch übrig ist von den Dingen, welche ich damals 2005 aus Dresden mitgenommen habe. Da ist das Bücherregal mit der dunkelroten Kulturgeschichte der Menschheit und weiteren liebgewonnen Büchern, das E-Piano, mein Eizo-Monitor, die Menora, mein von Oma geschenktes und durchaus modernes Geschirr, ein Besteck-Set, ein wenig selten getragene Kleidung. Viel ist nicht geblieben vom Inhalt dieses ersten Umzugswagens. Und viel Platz haben wir auch nicht in der neuen Wohnung in Darmstadt, da lohnt sich der kritische Blick auf meinen Besitz.

Was mich noch aufhält ist die mangelnde Digitalisierung, die älteren Werke gibt es einfach noch nicht in digitaler Form. Sonst könnte, wie auf dem Foto oben, dieses kleine Gerät mein Bücherregal ablösen, das Google-Play-Abo die CD-Sammlung und Netflix die DVDs. Eigentlich schön, wenn man beliebige Inhalte einfach anfordern und erhalten kann, ohne die Bereitstellungslogistik.

Jetzt bräuchte man sowas nur noch für Kleidung, also quasi ein stoffliches Grundgerüst, dessen äußere Erscheinung beliebig einstellbar ist, um den modischen Vorlieben zu folgen. Dann reichen ein paar von diesen Basis-Teilen aus, den äußeren Schein kann man per Handy einstellen.

Dogville

Nach der Sommerpause schaute ich mal wieder im Schauspielhaus vorbei, das Stück war Dogville nach dem Film von Lars von Trier. Regie führte Stephan Kimming.

Eine junge Frau flieht unter ungeklärten Umständen und landet in einem kleinen Dorf am Fuß der Rocky Mountains. Die Bewohner sind erst skeptisch, doch der Schriftsteller Tom kann sie überzeugen, die Fremde (Grace) testweise für zwei Wochen aufzunehmen. Sie arbeitet je eine Stunde für jede der sieben Familien. Nach anfänglicher Skepsis schließen die Bewohner Grace in ihr Herz und erlauben ihr schließlich zu bleiben. Nachdem ein Polizist eine Belohnung für die Vermisste Grace angeboten hat, verschärft sich die Stimmung, Aggressivität, Missbrauch und Gewalt gegenüber Grace machen sich breit. Am Ende besuchen sie nachts alle Männer, um ihre Gelüste zu befriedigen, die Frauen verachten sie und selbst ihr Fürsprecher Tom wendet sich von ihr ab. Er ruft schließlich jene Telefonnummer an, die ihm einst ein Herr im schwarzen Anzug im großen Auto gab, für Hinweise zum Verbleib von Grace. Mehrere Wagen fahren ins Dorf, der Gangsterboss und Vater von Grace sucht das Gespräch mit ihr. Die Schüsse damals auf sie seien ein Missverständnis gewesen, er will sie bewegen zurückzukommen. Nach längerem Zögern willigt sie ein, nicht ohne vorher Befehl zu geben, das Dorf auszulöschen, was auch prompt geschieht.

Der Stoff ist eine düstere Sicht der menschlichen Natur. Die vermeintlich guten Dorfbewohner entpuppen sich als triebgesteuerte Hunde, die alles fressen, was sie zu fassen kriegen. Es hilft nur die Peitsche, Entschuldigungen für schlechtes Handeln zählen nicht. Die Flucht vor den Gangstern führt zu nur oberflächlich guten Menschen, denen einfach die Gelegenheit und Macht fehlt, ihre schlechten Seiten zu offenbaren.

Die Inszenierung war grandios, angefangen vom Bühnenbild mit Wänden, Stufen und Türchen auf allen Seiten, welches die dörfliche Enge perfekt symbolisierte. Dazu so viele gute Ideen, der Tanz bei den Gemeindeversammlungen, die mit Helium gefüllten Luftballons, der eine Schauspieler mit wechselnden Rollen, das extrem starke Ensemble – es wirkte alles wie aus einem Guss, leichtfüßig bei aller Tragik, verspielt trotz aller Gewalt. Es lohnt sich.

Loslassen

In einem Monat werde ich in Darmstadt wohnen, der Umzug ist für den 4. Oktober geplant. Wie meist vor solchen gravierenden Veränderungen bin ich nervös und kann es mir noch gar nicht so recht vorstellen, von einem Tag auf den anderen in einer anderen Stadt zu wohnen, einige hundert Kilometer entfernt von hier. Und das nach reichlich elf Jahren in der schönen Schweiz als Promotionsstudent, Teilprojektleiter, Entwicklungsingenieur und Software-Entwickler, als Schauspieler und Regisseur, als Rennradfahrer, Wanderer, Kletterer, Läufer, Fechter und Skifahrer. Und als Freund und Kollege vieler lieber Menschen.

Es ist eine Zeit der vielen kleinen Abschiede, des Loslassens, des Aufräumens meiner viel zu großen Wohnung. Ich sortiere viel aus, auch ich habe einige Tausend Gegenstände angesammelt wie die meisten Europäer und versuche, einen Teil davon vor dem Umzug loszuwerden. All das muss ich dann nicht in Kisten packen und wieder auspacken. Und die meisten Sachen habe ich auch jahrelang nicht angefasst, erst jetzt beim Durchstöbern meiner grünen Stehordner stoße ich auf sie und werde von Erinnerungen überwältigt. Das Programmheft der Lästerschule erinnert mich an meine Theaterzeit mit dem akitiv, das Buch Clean Code an meine Arbeit, der Island-Reiseführer an einen Urlaub mit Schwester und Vater und fünf Schreibmaschinenseiten enthalten die gesamten Lebenserinnerungen meines Großvaters.

Schön ist, dass sich jetzt viele Leute Zeit nehmen, mich noch einmal zu sehen. Jedes Gesicht erinnert mich an gemeinsam verbrachte Momente, an einen bestimmten Aspekt meines Zürcher Daseins. Uns so hoffe ich auf viele schöne Begegnungen in den verbleibenden Wochen.

Morgen steht mir dann noch eine Begegnung der ganz anderen Art bevor – mit dem kommunalen Verwaltungsapparat. Ich werde mich im Rathaus abmelden. Um meine Steuerangelegenheiten zu regeln, muss ich einen Bevollmächtigten mit Schweizer Anschrift definieren. Die vernetzte und globalisierte Welt endet an der Landesgrenze, Briefe ins ferne nördliche Ausland könnten ja verloren gehen. Wobei das andersherum genau so ist, in einer anderen Angelegenheit war einer deutschen Behörde mein Wohnsitz im Ausland zu weit weg, als das man wichtige Post direkt dorthin schicken könnte.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse

While I Was Waiting (Theaterspektakel Zürich)

Das Zürcher Theaterspektakel bietet internationalen Truppen eine Bühne. Das diesjährige Eröffnungsstück ist While I Was Waiting von Omar Abusaada und Mohammad Al Attar, die in einem Interview der NZZ einiges zum Stück erklären.

Ein junger Mann liegt im Koma, er wurde zusammengeschlagen in seinem Auto. An seinem Bett versammeln sich die Angehörigen, die Schwester kommt extra aus dem Libanon, wohin sie ausgewandert war. Der Patient erhebt sich schließlich als ein Geist, schließt sich einem anderen Geist auf der erhobenen Plattform an, sie kommentieren das Geschehen, erklären, wie alles begann. Vor dem Bürgerkrieg versammelten sich viele Syrer zu friedlichen Demonstrationen. Doch schon bald eskalierte die Situation, Gewalt und Gegengewalt führten zur heutigen, verfahrenen Situation. Der andere Geist machte verschiedene Stufen der Radikalisierung durch, erst schloss er sich der Freien Syrischen Armee an, später der Nusra-Brigade und schließlich dem IS. Ein männlicher Verwandter übte sich in Desinteresse, die Mutter repräsentierte mit ihrem Kopftuch eine religiöse Antwort. Aber im ständigen Hin und Her verflossen die Grenzen und Klischees.

Es war ein hochspannender Theaterabend, anstrengend durch das Verfolgen des übersetzten Textes auf dem Bildschirm. Was lässt sich mit Theater sagen über das Leben in Damaskus? Die Inszenierung nutzte die Geschichte einer Familie, um die vielen Schicksale zu bündeln und darstellbar zu machen. Was hängen blieb, ist der Appell der Geister, der vielen Verschwundenen, Gefolterten, Toten, die überall dabei sind und sich über die Lebenden amüsieren.