Filmdreh in Andiast

Für das Pro­jekt Fän­ger ver­brachte ich ein knap­pes Wochen­ende im Bünd­ner­land, im beschau­li­chen Andi­ast. Das Haus der Regis­seu­rin war unsere Basis, es ist das letzte auf der immer schma­ler wer­den­den Straße, dahin­ter beginnt ein Wan­der­weg. Ein gepfleg­tes, wei­ßes Haus mit meh­re­ren Woh­nun­gen der Spe­schas. Ein blaues Wap­pen mit Fischen ver­ziert die weiße Süd­wand. Wir dreh­ten die Ver­fol­gungs­jagd, zahl­rei­che Jäger ver­folg­ten uns arme Wer­wölfe, sie waren schwer bewaff­net mit Schwer­tern und Äxten, wir hat­ten keine Waf­fen außer unse­ren Zäh­nen und gefärb­ten Kon­takt­lin­sen. Meine Tätig­keit als Schau­spie­ler bestand im Wesent­li­chen aus Ren­nen und böse Schauen. Es muss ja klar sein, wer gut und wer böse ist.

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Ich durfte manch­mal sogar die Klappe hal­ten und die Ansage machen, wel­che Szene gerade dran ist.

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Kurze Zeit spä­ter beginnt die wilde Verfolgungsjagd.

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Jakob (Jäger) bei einem gefähr­li­chen Stunt.

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Unser Kame­ra­mann, dahin­ter die Regis­seu­rin, der Ton­tech­ni­ker und eine Schauspielerin.

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Sabrina ver­letzte sich, als sie mich ver­folgte, das kommt davon.

Wahre Geschichten

Heute fand zum ers­ten Mal ein Abend des For­mats Wahre Geschich­ten statt, in der Via­dukt­strasse 93. Die Idee ist, dass Leute selbst erlebte, wahre Geschich­ten erzäh­len, mit mini­ma­len Hilfs­mit­teln. Im Wesent­li­chen ein Mikro­fon und ein Publikum.

Es waren sehr unter­schied­li­che Geschich­ten, ein Ame­ri­ka­ner, frisch in Mainz ange­kom­men und in einem thai­län­di­schen Restau­rant, eine Frau, an deren Tür plötz­lich Gäste auf­tau­chen, in der Erwar­tung, es sei ein Restau­rant, die Thur­gauer Kind­heits­er­in­ne­run­gen einer Frau mit viet­na­me­si­scher Mut­ter und schließ­lich die Ski­fe­rien in Afgha­nis­tan mit nächt­li­chen Foto­aus­flug zu den weg­ge­spreng­ten Buddha-​​Statuen. Die lus­ti­gen Geschich­ten kamen sicher am bes­ten an, und da jeder Erzäh­ler auch nur so an die zehn Minu­ten sprach, ergab sich eine Gesamt­dauer von unter einer Stunde. Es herrschte eine tolle Stim­mung im aus­ver­kauf­ten Raum!

Beim nächs­ten Abend am 11. Mai werde ich als Erzäh­ler dabei sein. Ich über­lege noch, was genau ich erzähle. Die Mess­latte ist sicher hoch nach dem heu­ti­gen Abend.

Neuer PGP-​​Schlüssel

Es ist an der Zeit, mei­nen alten PGP-​​Schlüssel zu erset­zen, der mit einer Länge von 1024 Bit nicht mehr als sicher gel­ten kann. Der neue ist vom Typ RSA und hat eine Länge von 4096, damit sollte ich bis ins Jahr 2020 sicher sein.

Wer also wirk­lich etwas tun will gegen das all­täg­li­che Aus­spio­nie­ren, ist herz­lich ein­ge­la­den, eben­falls PGP zu nut­zen. Impor­tiert ein­fach mei­nen öffent­li­chen Schlüs­sel, dann könnt ihr Nach­rich­ten an mich verschlüsseln.

Windows-​​Nutzer instal­lie­ren am ein­fachs­ten GPG4Win, für Linux gibt es das Paket GnuPG.

Urs Widmer

Urs Wid­mer, einer der bekann­tes­ten Schwei­zer Auto­ren, starb heute im Alter von 75 Jah­ren in Zürich (siehe NZZ-​​Artikel).

Ich erin­nere mich vor allem an sein Thea­ter­stück Top Dogs, in wel­chem ich 2010 als Schau­spie­ler mit­wirkte. Für mich war es die erste Pro­duk­tion in Zürich in einer ande­ren Thea­ter­gruppe nach vier Pro­duk­tio­nen mit dem aki­tiv. Ein aktu­el­les Stück war das, es ging um gefeu­erte Mana­ger in einem Bewerbungs-​​Seminar, ein Novum damals zur Wirt­schafts­krise. Er ent­wi­ckelte es am Thea­ter Neu­markt, die Rol­len beka­men die Namen der Schau­spie­ler. Und ich war dann Neu­en­schan­der, der ehe­ma­lige Ten­nis­leh­rer und Porsche-​​Fahrer. Eine schöne Rolle aus der Feder von Urs Widmer.

NEUENSCHWANDER Ich war zustän­dig für die Frei­zeit­kul­tur des Kon­zerns. Groß­bank. Fit­ness, Schwimm­bad, Sauna. Hab die ganze Orga­ni­sa­tion unter mir gehabt, Pla­nung, Jah­res­bud­get, Unter­halt. Ten­nis. Komme vom Ten­nis, war ein­mal ATP 314. Ich war immer schon ein winner-​​Typ. Hab ein­mal gegen den jun­gen Con­nors gespielt, gut, die ers­ten bei­den Sätze gin­gen zu Null ver­schütt, aber den drit­ten hab ich sechs zu eins ver­lo­ren. – Habe dann auch im Betrieb die Ten­nis­stun­den gege­ben. Waren sehr gut besucht, waren fast ein must ab einer bestimm­ten Manage­ments­ebene. Ich hatte an jedem Tag so meine vier bis fünf Lek­tio­nen. Schwer zu sagen, wann das anfing. Die Her­ren kamen jeden­falls immer unre­gel­mä­ßi­ger. Und wenn sie da waren, spiel­ten sie immer aggres­si­ver. Bälle vol­les Rohr mit­ten in mein Gesicht. Hass­aus­brü­che, wenn ein Netz­rol­ler in ihr eige­nes Feld zurück­ge­fal­len war. Schlä­ger so weg­schleu­dern, dass ich mich gerade noch bücken konnte. Da musst du ganz cool blei­ben, ganz, ganz cool. Dann fan­gen die sich wie­der. – Und dann kam über­haupt kei­ner mehr. Die saßen jetzt bis tief in die Nacht in der Firma. Arbei­te­ten sich die Lunge aus dem Hals. Da war kein Platz mehr für Ten­nis. Und Lust auch nicht. – Ich wurde in die Zen­trale geru­fen, und man teilte mir mit, dass meine Posi­tion ersatz­los gestri­chen wor­den sei. – Ich hatte mir an genau dem Tag einen Por­sche 911 gekauft. Schwarz. Rote Pols­ter. Tol­ler
Wagen. Ja, wirk­lich, tol­ler Wagen. Mag ihn sehr. Ich lebe ja jetzt allein. Hatte einen Golf, als meine Frau noch da war, den GTI. Den mit den High-​​speed-​​competition-​​Reifen. Den nahm dann sie. Obwohl sie nie schnel­ler als hun­dert fährt. Kein Ver­gleich, der GTI und der 911er. Zwei Wel­ten. Wenn du ein­mal einen 911er voll auf Tou­ren gebracht hast, nachts, nur du und der 911er, ehr­lich, den GTI möcht ich nie mehr zurück.

NEUENSCHWANDER Ich will zu dem, was ich vor­her gesagt habe, nur noch anfü­gen, wegen dem Por­sche. Ist ein 911er. Meine Frau ist ja mit dem Golf weg. Dem GTI. Ich mochte den eigent­lich. Hatte so was Herz­li­ches. – Jetzt lebe ich eben allein. – Der Por­sche steht also da in der Garage, fabrik­neu. Sechs­und­fünf­zig Kilo­me­ter, gerade die Über­füh­rung. Ja, und ich setze mich jeden Mor­gen hin­ein, stelle den Motor an, lass ihn auf­heu­len, rich­tig kom­men, sin­gen, bis tief in den roten Bereich. Eine Vier­tel­stunde lang, eine halbe. Fahre nie weg. Fuhr kein ein­zi­ges Mal weg. Ich bin mit dem Por­sche kei­nen Meter gefah­ren seit … Nicht einen. Nur in der Garage.

Tod eines Handlungsreisenden (Arthur Miller)

Auf 3sat sah ich heute die Schlön­dorff–Ver­fil­mung des Thea­ter­klas­si­kers von Arthur Mil­ler, ein bewe­gen­des Drama über die Abgründe des ame­ri­ka­ni­schen Traums.

Die Haupt­rolle des altern­den und zuneh­mend geis­tig ver­wirr­ten Ver­tre­ters Willy Loman spielte Dus­tin Hoff­mann. Er ist erschöpft nach 35 Jah­ren als Ver­tre­ter, erfolg­los und selbst­mord­ge­fähr­det. Gran­dios die Dar­stel­lung durch Dus­tin Hoff­mann, wie er mit klei­nen Schrit­ten läuft, gebeugt, grund­los aus­ras­tet, in Erin­ne­run­gen ver­sinkt, Selbst­ge­sprä­che führt, nicht mehr rich­tig da ist. Er hat seine wahre Bega­bung als Hand­wer­ker auf­ge­ge­ben, zuguns­ten des ame­ri­ka­ni­schen Traums, er will erfolg­reich sein, die Num­mer eins, und hechelt die­sem Traum zeit­le­bens hinterher.

Hier ein Dia­log mit sei­ner Frau Linda, gespielt von Kate Reid.

WILLY Über­leg’ bloß mal. Da arbei­tet man ein Leben lang, um ein Haus abzu­zah­len. Schließ­lich gehört’s dir, und kei­ner ist da, um drin zu leben.
LINDA Ja, Lie­ber, das Leben besteht aus Ent­täu­schun­gen. So geht es allen.
WILLY Nein, nein, es gibt auch wel­che, die’s zu was brin­gen. Hat Biff irgend­was gesagt, nach­dem ich weg bin heute mor­gen?
LINDA Du hät­test ihn nicht kri­ti­sie­ren sol­len, Willy, wo er doch gerade erst vom Zug kam. Du darfst nicht immer so unge­hal­ten mit ihm sein.
WILLY Wann zum Teu­fel war ich denn unge­hal­ten? Ich hab’ ihn nur gefragt, ob er was ver­dient. Ist das viel­leicht ein Vor­wurf?
LINDA Ach, Lie­ber, wie soll er denn Geld ver­die­nen?
WILLY (beun­ru­higt und ver­är­gert) Er hat so eine Art an sich. Er ist rich­tig lau­nisch gewor­den. Hat er sich ent­schul­digt, als ich heute mor­gen weg bin?
LINDA Er war am Boden zer­stört, Willy. Du weißt doch, wie sehr er dich bewun­dert. Ich glaube, wenn er erst mal zu sich fin­det, wer­det ihr euch wie­der ver­ste­hen und nicht mehr strei­ten.
WILLY Wie kann er denn auf einer Farm zu sich fin­den? Ist das ein Leben? Als Land­ar­bei­ter? Anfangs, als er noch jung war, dachte ich, na gut, ein jun­ger Mensch soll ruhig her­um­rei­sen und alle mög­li­chen Jobs anneh­men. Aber das geht jetzt schon über zehn Jahre so und er ver­dient keine fünf­und­drei­ßig Dol­lar die Woche!
LINDA Er ist noch auf der Suche nach sich selbst, Willy!
WILLY Mit fünf­und­drei­ßig noch nach sich zu suchen ist eine Schande!

Ein jun­ger John Mal­ko­vich spielt Biff Loman, den Sohn von Willy Loman. Ein Football-​​Spiel wäh­rend der College-​​Zeit war der Höhe­punkt sei­nes Lebens, danach fiel er durch die Mathematik-​​Prüfung und konnte nie so rich­tig Fuß fas­sen. Der wesent­li­che Kon­flikt ist der zwi­schen Biff und sei­nem Vater, der sei­nen geschei­ter­ten Traum auf ihn über­tra­gen möchte. Wil­lys ande­rer Sohn ist Happy, der als Assis­tent des ers­ten Assi­ten­ten eher in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters tritt.

HAPPY Er will nur, daß du‘s zu was bringst, sonst nichts. Ich wollte schon lange mit dir über Paps reden, Biff. Irgend­was pas­siert mit ihm. Er führt Selbst­ge­sprä­che.
BIFF Hab‘ ich heute mor­gen bemerkt. Aber er hat schon immer so vor sich hin­ge­mur­melt.
HAPPY Aber nicht so auf­fal­lend. Es wurde so pein­lich, daß ich ihn nach Flo­rida geschickt hab‘. Und weißt du was? Meis­tens spricht er mit dir.
BIFF Was sagt er über mich?
HAPPY Ich kann ihn nicht ver­ste­hen.
BIFF Was sagt er über mich?
HAPPY Ich glaub‘, die Tat­sa­che, daß aus dir noch nichts Rech­tes gewor­den ist, daß du noch nicht weißt, was du willst, daß du noch irgend­wie in der Luft hängst…
BIFF Es gibt noch ein paar andere Gründe für sei­nen Zustand, Happy.
HAPPY Was meinst du damit?
BIFF Ist doch egal, nur gib‘ nicht mir die ganze Schuld.
HAPPY Aber irgend­wann müß­test du mal anfan­gen — ich meine — gibt‘s denn da drau­ßen über­haupt ‘ne Zukunft für dich?
BIFF Ich sag‘ dir Hap, ich weiß nicht, was Zukunft ist. Ich weiß nicht — was ich mir wün­schen soll.
HAPPY Wie meinst du das?
BIFF Naja, in den ers­ten sechs, sie­ben Jah­ren nach der High­school — hab‘ ich alles ver­sucht, um mich hoch­zu­ar­bei­ten. Als Packer, als Ver­tre­ter, alle mög­li­chen Geschäfte. Was ist das für eine miese Exis­tenz. Sich an hei­ßen Som­mer­ta­gen in die U-​​Bahn zu quet­schen. Dein gan­zes Leben dafür zu opfern, ein Waren­la­ger zu füh­ren oder zu tele­fo­nie­ren oder zu kau­fen oder zu ver­kau­fen. Fünf­zig Wochen im Jahr zu lei­den für zwei Wochen Ferien, wenn du am liebs­ten drau­ßen wärst und zwar ohne Hemd. Und immer schnel­ler sein zu müs­sen
als die ande­ren. Und trotz­dem hast du nur so eine Zukunft.

Es ist ein trost­lo­ses Bild, wel­ches Mil­ler da zeich­net, ein geschei­ter­ter Hand­lungs­rei­sen­der. Wobei der Beruf des Hand­lungs­rei­sen­den auch sehr schön sym­bo­lisch ist für die west­li­che Gesell­schaft, für den Traum, durch ein gewin­nen­des Lächeln und blank­ge­putzte Schuhe erfolg­reich zu sein, viel zu ver­kau­fen und auf­zu­stei­gen. Ganz wenige schaf­fen es, ihre Geschich­ten wer­den erzählt, so als könn­ten es alle schaf­fen. Aber der Groß­teil bleibt auf der Stre­cke beim Ver­such und deren Geschichte wird hier erzählt.

Was sind unsere Träume, unsere Werte? Sind es wirk­lich unsere eige­nen? Mit die­sen Fra­gen lohnt es sich auseinanderzusetzen.