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Locarno ist ein schö­nes Städt­chen im Süden der Schweiz, mir war es vor vie­len Jah­ren im Geschichts­un­ter­richt begeg­net (Ver­träge von Locarno, 1925).

Locarno mit Alt­stadt, Hafen und See

Lago Mag­giore

Tou­ris­tisch ist vor allem die Kir­che Madonne del Sasso span­nend, die über der Stadt thront. Wir nah­men nicht die Seil­bahn, son­dern gin­gen zu Fuß den Berg hin­auf. Zur Beloh­nung erwar­tete uns eine reich ver­zierte Kir­che mit dem wun­der­ba­ren Gemälde Die Grab­le­gung Christi von Anto­nio Ciseri.

Auf­stieg zur Kir­che Madonna del Sasso

Antonio Ciseri - Il trasporto di Cristo al sepolcro

Die Grab­le­gung Christi, Anto­nio Ciseri [Public domain], via Wiki­me­dia Commons

Anlass mei­nes Besuchs war eine Thea­ter­vor­füh­rung im Teatro Para­vento. Drei Master-​​Absolventen der Scuola Teatro Dimitri zeig­ten ihre Abschluss­ar­beit. Sie hat­ten Bewe­gungs­thea­ter stu­diert, ent­spre­chend war die Auf­füh­rung eine Sequenz von Cho­reo­gra­fien, unter­stützt durch den Ein­satz thea­tra­li­scher Mit­tel. Gespro­chen wurde wenig und noch dazu ita­lie­nisch oder spa­nisch. The­ma­tisch ging es um die Desa­pa­re­ci­dos, an die 30.000 Men­schen ver­schwan­den wäh­rend der Mili­tär­dik­ta­tur in Argen­ti­nien von 1976 bis 1983. Sie wur­den an geheime Orte gebracht, gefol­tert, ver­ge­wal­tigt, getö­tet. Eine Methode bestand darin, die betäub­ten Opfer mit Frach­flug­zeu­gen über das Meer zu flie­gen und sie dort raus­zu­wer­fen. Im Stück wurde diese Pra­xis ange­deu­tet, eine Dar­stel­le­rin malte Flug­zeuge auf eine dunkle Lein­wand, riss den unte­ren Teil weg, so dass der meer­blaue Hin­ter­grund vor­trat, zer­riss den unte­ren Teil in viele kleine Fet­zen und ließ diese von den Flug­zeu­gen run­ter­rie­seln. Auch der Ein­satz des Lich­tes war her­vor­ra­gend, in einer Sequenz rannte ein Dar­stel­ler im Dun­keln auf der Bühne umher, immer wie­der leuch­tete ein Schein­wer­fer auf, der ihn stoppte. Das Licht kam von hin­ten und blen­dete somit auch uns Zuschauer, ließ uns in die­sem Moment zu Opfern und Ver­folg­ten wer­den. Beklem­mend, düs­ter war dies alles, die Ver­zweif­lung der Ange­hö­ri­gen spür­bar, die nicht wuss­ten, ob ihre Ver­wand­ten noch leb­ten oder tot waren. Es war eine gelun­gene Inszenierung.

Das male­ri­sche Teatro Para­vento liegt an der Via Cappuccini.

Es könnte der Beginn eines Fil­mes sein. Ein Nach­lass, beste­hend aus alten Dias und Nega­ti­ven. In einem Stoff­beu­tel liegt alles durch­ein­an­der, beim Auf­räu­men schmiss ich alles hin­ein, was mir erhal­tens­wert erschien. Und beim Sich­ten zieht das ganze Leben mei­nes Vaters an mir vor­bei, ange­fan­gen von expe­ri­men­tel­len Auf­nah­men von einer Sil­ber­ku­gel am Weih­nachts­baum, über Nah­auf­nah­men von Ker­zen, Nacht­auf­nah­men von Dres­den, Fami­li­en­ge­burts­tage mit bekann­ten, aber viel jün­ge­ren Gesich­tern, völ­lig unbe­kannte Leute, und natür­lich viele Fotos von uns als Kindern.

Der Film­scan­ner zieht den Strei­fen ein, das geht sogar auto­ma­tisch für meh­rere Fotos nach­ein­an­der. Immer eins wei­ter, dann dau­ert es ein paar Minu­ten mit dem Scan­nen. Stun­den gehen so vor­bei. Und nur wenige Bil­der sind wirk­lich erhal­tens­wert. Manch­mal geht etwas schief, dann bleibt der Scan­ner mit­ten­drin hän­gen. Ein­fach so. Ein­mal war es, als ich das Schreib­tisch­licht ein­schal­tete. Ein klei­ner Span­nungs­ein­bruch brachte den Scan­ner durcheinander.

In einem Film würde ich jetzt auf das Gesicht einer mir unbe­kann­ten schö­nen Frau sto­ßen, oder auf ein dunk­les Geheim­nis. Eine Anfangs­spur würde aus­rei­chen, wie in Nacht­zug nach Lis­sa­bon, ich würde auf eine Reise gehen und letzt­end­lich mit mir selbst kon­fron­tiert wer­den. Bis jetzt habe ich noch nichts der­glei­chen gese­hen, aber noch lie­gen etli­che alte Orwo-​​Schwarzweiß-​​Negative in die­sem Dekra-​​Beutel. Und so rat­tert der Scan­ner wei­ter vor sich hin und digi­ta­li­siert die Bilderfluten.

Es war ein beein­dru­cken­der Thea­ter­abend. Schil­ler ist nicht ganz ein­fach zu insze­nie­ren, er hat diese zwar wun­der­schöne, aber auf die Dauer etwas anstren­gende pathe­ti­sche, kräf­tige Spra­che. Aber der Regis­seur (kein Schwei­zer offen­kun­dig) ver­stand es präch­tig, mit thea­tra­li­schen Mit­teln einen fri­schen Blick auf Wil­helm Tell zu werfen.

Eine Schlüs­sel­szene ist sicher­lich der Rüt­li­schwur. Bei Mond­licht tref­fen sich Ver­tre­ter der drei Urkan­tone Uri, Schwyz und Unter­wal­den und besie­geln mit einem Schwur die Eidgenossenschaft.

Reding tritt in die Mitte:
Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen,
So schwör ich dro­ben bei den ew’gen Ster­nen,
Dass ich mich nim­mer will vom Recht entfernen.

Man rich­tet die Schwer­ter vor ihm auf, der Ring bil­det sich um ihn her, Schwyz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unter­wal­den. Er steht auf sein Schlacht­schwert gestützt.

Was ist’s, das die drei Völ­ker des Gebirgs
Hier an des Sees unwirt­li­chem Gestade
Zusam­men­führte in der Geis­ter­stunde?
Was soll der Inhalt sein des neuen Bunds,
Den wir hier unterm Ster­nen­him­mel stiften?

Stauf­fa­cher tritt in den Ring:
Wir stif­ten kei­nen neuen Bund, es ist
Ein uralt Bünd­nis nur von Väter­zeit,
Das wir erneu­ern! Wis­set Eid­ge­nos­sen!
Ob uns der See, ob uns die Berge schei­den,
Und jedes Volk sich für sich selbst regiert,
So sind wir eines Stam­mes doch und Bluts,
Und eine Hei­mat ist’s, aus der wir zogen.

Win­kel­ried:
So ist es wahr, wie’s in den Lie­dern lau­tet,
Dass wir von fern­her in das Land gewallt?
O teilt’s uns mit, was Euch davon bekannt,
Dass sich der neue Bund am alten stärke.

Stauf­fa­cher:
Hört, was die alten Hir­ten sich erzäh­len.
– Es war ein gros­ses Volk, hin­ten im Lande
Nach Mit­ter­nacht, das litt von schwe­rer Teu­rung.
In die­ser Not beschloss die Lands­ge­meinde,
Dass jeder zehnte Bür­ger nach dem Los
Der Väter Land ver­lasse – das geschah!
Und zogen aus, weh­kla­gend, Män­ner und Wei­ber,
Ein gros­ser Heer­zug, nach der Mit­tagsonne,
Mit dem Schwert sich schla­gend durch das deut­sche Land,
Bis an das Hoch­land die­ser Wald­ge­birge.
Und eher nicht ermü­dete der Zug,
Bis dass sie kamen in das wilde Tal,
Wo jetzt die Muotta zwi­schen Wie­sen rinnt –
Nicht Men­schen­spu­ren waren hier zu sehen,
Nur eine Hütte stand am Ufer ein­sam,
Da sass ein Mann, und war­tete der Fähre –
Doch hef­tig wogete der See und war
Nicht fahr­bar; da besa­hen sie das Land
Sich näher und gewahr­ten schöne Fülle
Des Hol­zes und ent­deck­ten gute Brun­nen,
Und mein­ten, sich im lie­ben Vater­land
Zu fin­den – Da beschlos­sen sie zu blei­ben,
Erbau­e­ten den alten Fle­cken Schwyz,
Und hat­ten man­chen sau­ren Tag, den Wald
Mit weit­ver­schlun­ge­nen Wur­zeln aus­zu­ro­den –
Drauf als der Boden nicht mehr Gnü­gen tat
Der Zahl des Volks, da zogen sie hin­über
Zum schwar­zen Berg, ja bis ans Weiss­land hin,
Wo hin­ter ew’gem Eises­wall ver­bor­gen,
Ein and­res Volk in andern Zun­gen spricht.
Den Fle­cken Stanz erbau­ten sie am Kern­wald,
Den Fle­cken Alt­dorf in dem Tal der Reuss –
Doch blie­ben sie des Ursprungs stets gedenk,
Aus all den frem­den Stäm­men, die seit­dem
In Mitte ihres Lands sich ange­sie­delt,
Fin­den die Schwy­zer Män­ner sich her­aus,
Es gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.

Reicht rechts und links die Hand hin.

Auf der Mauer:
Ja wir sind eines Her­zens, eines Bluts!

Alle sich die Hände rei­chend:
Wir sind ein Volk, und einig wol­len wir handeln.

Die Schau­spie­ler tra­ten alle in Bade­sa­chen auf und mach­ten Nacht­tier­ge­räu­sche. Zusam­men mit dem dunk­len Licht und einem lan­gen, recht­wink­li­gen Was­ser­be­häl­ter, der das Licht eines kreis­run­den Schein­wer­fers – also des Mon­des – reflek­tierte ent­stand so die nächt­li­che Stim­mung. Der Schil­ler­text wurde dann immer wie­der durch schwei­zer­deut­sche Ein­schübe auf­ge­lo­ckert, in typisch Schwei­zer Art erteilte man sich das Wort, stritt sich über Ver­fah­rens­fra­gen, erei­ferte sich und fand dann irgend­wie doch zum Kon­sens und Schwur.

Der Apfel­schuss war auch schön insze­niert, Tell fragte, ob er jetzt über die Zuschauer hin­weg lau­fen sollte, um auf die 80 Schritt Dis­tanz zu kom­men. Gess­ler schickte ihn dann links raus, die Büh­nen­be­gren­zung fuhr nach oben und Tell ver­schwand, um auf rie­si­gen Video­lein­wän­den wie­der zu erschei­nen. Musik, um die Anspan­nung zu ver­deut­li­chen, der Schuss, Wal­ter wer­den die Knie weich und wei­cher, er fällt, der Apfel rollt die Bühne run­ter zu den Zuschau­ern, Tell eilt zu sei­nem Sohn, Unklar­heit, Span­nung, end­lich die frohe Kunde, dass nur der Apfel getrof­fen sei.

Toll waren die Schau­spie­ler, gran­dios Siggi Schwien­tek erst als alter Nörg­ler, spä­ter als klei­ner Wal­ter mit dem Apfel auf dem Kopf. Lus­tig auch Frank Sep­peler als Gess­ler mit die­ser bescheu­er­ten Perü­cke. Er hatte es schwer mit den mür­ri­schen Eid­ge­nos­sen, die sich über ihn auch noch lus­tig mach­ten, man ver­stand ihn gut, als er ihnen den Hut vor die Nase setzte.

War eine tolle Insze­nie­rung, ganz nach mei­nem Geschmack.

Die Gene­ral­probe ist über­stan­den, am Don­ners­tag fei­ern wir die Pre­miere von „Bana­nen, vorne links”. Nach zwei­ein­halb Tagen Probe habe ich ein gutes Gefühl, es ist doch noch eine runde Sache gewor­den – was ein­zig und allein unse­rem Regis­seur zu ver­dan­ken ist. Hier noch einige Impres­sio­nen von der Haupt­probe, ein herz­li­ches Dan­ke­schön geht an unse­ren Foto­gra­fen Alex­an­der Zipes.

Die Haus­be­woh­ner erhal­ten einen fol­gen­schwe­ren Brief.

Cle­mens stu­diert die Zei­tung, Woh­nun­gen sind knapp in Zürich.

Den­nis singt sozia­lis­ti­sche Lieder.

Heute geschah es wie­der – jener wun­der­bare Moment, wenn sich eine oft geprobte Szene durch den Ein­satz von Licht magisch ver­wan­delt. Schwar­zer Hin­ter­grund, selek­ti­ves Licht, ein biss­chen Farbe – die Zuta­ten sind ein­fach beschrie­ben. Aber die Wir­kung ist ungeheuer.

Des­halb heute ein Hoch auf das Licht! Und ein Hoch auf die meist unsicht­ba­ren Men­schen, die am Licht– und Ton­pult ihren Dienst ver­rich­ten und Thea­ter über­haupt erst ermöglichen.

Der tech­ni­sche Durch­lauf für Bana­nen, vorne links zog sich heute über den gan­zen Tag. Wir haben die Licht­über­gänge geprobt, aber auch noch an vie­len Sze­nen gefeilt. Teil­weise stimmte es schau­spie­le­risch nicht, teil­weise stan­den die Leute komisch und spra­chen nach hin­ten, es gab noch vie­les zu ver­bes­sern. Und es schlaucht auch enorm, so lange kon­zen­triert immer wie­der das Glei­che zu tun.

Aber heute habe ich mal vor allem auf das Licht geach­tet, des­sen Ein­satz eine Wis­sen­schaft für sich ist. Fron­ta­les Licht ist den meis­ten sicher klar, aber es macht die Gesich­ter auch flach. Zusätz­lich gibt es seit­li­ches Licht, eine Licht­gasse vorn, einen Spot und blaue Schein­wer­fer von hin­ten. Und manch­mal kommt noch röt­li­ches Licht zum Ein­satz. Und all dies will gekonnt ein­ge­setzt wer­den, um maxi­male Wir­kung zu ent­fal­ten. Am Ende bemerkt man das Licht nicht wirk­lich, es ist ein­fach da und betont gerade den Bereich der Bühne, wo was los ist. Man bemerkt es nur dann, wenn es nicht stimmt.